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SEPTEMBER 22
Wir wollen nun einige Beispiele metaphysischer Scheinsätze aufzeigen, an denen sich besonders deutlich erkennen lässt, dass die logische Syntax verletzt ist, obwohl die historisch-grammatische Syntax erfüllt ist. Wir wählen einige Sätze aus derjenigen metaphysischen Lehre, die gegenwärtig in Deutschland den stärksten Einfluss ausübt. »Erforscht werden so!! das Seiende nur und sonst - ' nichts; das Seiende allein und weiter - nichts; das Seiende einzig und darüber hinaus - nichts. Wie steht es um dieses Nichts? - - Gibt es das Nichts nur, weil es das Nicht, d. h. die Verneinung gibt? Oder liegt es umgekehrt? Gibt es die Verneinung und das Nicht nur, weil' es das Nichts gibt? - - Wir behaupten: Das Nichts ist ursprünglicher als das Nicht und die Verneinung. - - Wo suchen wir das Nichts? Wie finden wir das Nichts? - - Wir kennen das Nichts. - - Die Angst offenbart das Nichts. - ~ Wovor und warum wir uns ängsteten, war ›eigentlich< - nichts. in der Tat: das Nichts selbst - als solches - war da, - - Wie steht es um das Nichts? - _- Das Nichts selbst nichtet.«
Um zu zeigen, dass die Möglichkeit der Bildung von Scheinsätzen auf einem logischen Mangel der Sprache beruht, stellen wir das unten stehende Schema auf. Die Sätze unter l sind sowohl grammatisch wie logisch einwandfrei, also sinnvoll. Die Sätze unter ll (mit Ausnahme von B 3) stehen grammatisch in vollkommener Analogie zu denen unter 1. Die Satzform Il A (als Frage und Antwort) entspricht zwar nicht den Forderungen, die an eine logisch korrekte Sprache zu stellen sind. Sie ist aber trotzdem sinnvoll, da sie sich in korrekte Sprache übersetzen lässt; das zeigt der Satz lll A, der denselben Sinn wie ll A hat. Die Unzweckmäßigkeit der Satzform ll A zeigt sich dann darin, dass wir von ihr aus durch grammatisch einwandfreie Operationen zu den sinnlosen Satzformen ll B gelangen können, die dem obigen Zitat entnommen sind. Diese Formen lassen sich in der korrekten Sprache der Kolonne lll überhaupt nicht bilden. Trotzdem wird ihre Sinnlosigkeit nicht auf den ersten Blick bemerkt, da man sich leicht durch die Analogie zu den sinnvollen Sätzen l B täuschen lässt. Der hier festgestellte Fehler unserer Sprache liegt also darin, dass sie, im Gegensatz zu einer logisch korrekten Sprache, grammatische Formgleichheit zwischen sinnvollen und sinnlosen Wortreihen zulässt. Jedem Wortsatz ist eine entsprechende Formel in Schreibweise der Logistik beigefügt; diese Formeln lassen die unzweckmäßige Analogie E zwischen l A und ll A und die darauf beruhende Entstehung der sinnlosen Bildungen ll Bbesonders deutlich erkennen.Schreibweise der Logistik4 beigefügt; diese Formeln lassen die unzweckmäßige Analogie E
zwischen l A und ll A und die darauf beruhende Entstehung der sinnlosen Bildungen ll B
besonders deutlich erkennen.
Juli 22
Die Behauptung eines in der Geschichte sich manifestierenden und sie zusammenfassenden Weltplans zum Besseren wäre nach den Katastrophen und im Angesicht der künftigen zynisch. Nicht aber ist darum die Einheit zu verleugnen, welche die diskontinuierlichen, chaotisch zersplitterten Momente und Phasen der Geschichte zusammenschweißt, die von Naturbeherrschung, fortschreitend in die Herrschaft über Menschen und schließlich die über inwendige Natur. Keine Universalgeschichte führt vom Wilden zur Humanität, sehr - wohl eine von der Steinschleuder zur Megabombe. Sie endet in der totalen Drohung der organisierten Menschheit gegen die organisierten Menschen, im Inbegriff von Diskontinuität.
Hegel wird dadurch zum Entsetzen verifiziert und auf den Kopf gestellt. Verklärte jener die Totalität geschichtlichen Leidens zur Positivität des sich realisierenden Absoluten, so wäre das Eine und Ganze, das bis heute, mit Atempausen, sich fortwälzt, teleologisch das absolute Leiden. [...] Die Gesellschaft erhält sich nicht trotz ihres Antagonismus am Leben sondern durch ihn; Profitinteresse, und damit das Klassenverhältnis sind objektiv der Motor des Produktionsvorgangs, an dem das Leben aller hängt und dessen Primat seinen Fluchtpunkt hat im Tod aller. Das impliziert auch das Versöhnende am Unversöhnlichen; weil es allein den Menschen zu leben erlaubt, wäre ohne es nicht einmal die Möglichkeit veränderten Lebens. Was geschichtlich jene Möglichkeit schuf, kann sie ebensowohl zerstören. Zu definieren wäre der Weltgeist, würdiger Gegenstand von Definition, als permanente Katastrophe.
...] Nicht müßig sind Spekulationen, ob der Antagonismus im Ursprung menschlicher Gesellschaft, ein Stück prolongierter Naturgeschichte, als Prinzip homo homini lupus (der Mensch dem Menschen ein Wolf) ererbt oder erst thesei geworden sei; und ob er, wäre er schon entsprungen, aus den Notwendigkeiten des Überlebens der Gattung folgte und nicht gleichsam kontingent, aus archaischen Willkürakten von Machter- greifung. Damit freilich fiele die Konstruktion des Weltgeistes auseinander. Das geschichtliche Allgemeine, die Logik der Dinge, die in der Notwendigkeit der Gesamttendenz sich zusammenballt, gründete in Zufällígem, ihr Äußerlichem; sie hätte nicht zu sein brauchen.
- Th. W. Adorno, Negative Dialektik, 312f -
Diese Form der Philosophie, die im Wesentlichen aus heißer Luft besteht, kursierte erstmals Ende der 1960er Jahre. Damals verkündete der Harvard-Professor Timothy Leary, man könne auch durch das Verspeisen psychedelisch wirkender Pilze zur Erleuchtung kommen. Die später New Age genannte Strömung verbindet traditionelle ostasiatische Weisheitslehren mit mittelalterlichen esoterischen Praktiken wie Astrologie und Tarot und der Mystik der Kabbala. Sprüche wie »Ich bin eins mit meiner Dualität« oder »Seit ich Vertrauen in die Gerichtsbarkeit gewonnen habe, muss ich keine Waffe mehr tragen« bilden ebenfalls einen wesentlichen Teil der New-Age-Philosophie.Das erinnert uns an die ältere Dame, die Anfang des 19. Jahrhunderts nach einem Vortrag des englischen Dichters Samuel Taylor Coleridge zu diesem gesagt haben soll: »Mister Coleridge, jetzt akzeptiere ich das Universum.« Coleridge schaute sie über seine Brille hinweg an und sagte: ››In der Tat, Madam, das sollten sie auch!« Zum Glück haben wir Humoristen, die Licht ins Dunkel des New-Age-Denkens bringen. Wie viele« New-Age-Adepten sind nötig um eine Glühbirne auszutauschen? Keiner, denn sie bilden sofort eine Selbsthilfegruppe mit dem Namen; »Mit der Dunkelheit leben«.
-Text aus: Cathcart, Klein: Platon und Schnabeltier -
Michael Schneider
Begriffe und Grundüberzeugungen
New Age steht für Neues Zeitalter und ist eine der wichtigsten – und populärsten – geistigen Strömungen der letzten Jahrzehnte. Eine inflationäre Inanspruchnahme des Themas (z.B. als"life style") macht es gleichzeitig schwer, New Age zu fixieren. Dennoch läßt sich New Age als ein "Patchwork" ständig wiederkehrender Begriffe, Grundüberzeugungen und Aktivitäten definieren: Paradigmenwechsel, Kosmisches Bewußtsein und Transformation, die den zentralen Sinn des New Age markieren. a) Der Grundgedanke des Paradigmenwechsels ist nicht ein mechanistisches, sondern ein systemisches, die Gesamtwirklichkeit vernetzendes Selbst- und Wirklichkeitsverständnis (Capra), d.h. die Trennungen von Geist und Materie, von Mensch und Natur scheinen im Neuen Zeitalter aufgehoben. Anstelle der starren Dualismen setzen die New Age-Autoren organische Synthesen wie den Versuch, die Kluft zwischen Religion und Wissenschaft zu überwinden, oder in die einseitig rationalistische Denkweise des "old age" veränderte Bewußtseinszustände oder paranormale Phänomene (Parapsychologie) einzubeziehen. Erst die Erfahrung der größeren Realität "innerer" oder "geistiger" Welten könne auch zu der Erfahrung führen, daß in jedem realen Phänomen, vor allem aber im eigenen Bewußtsein, das spirituelle Universum zu finden sei. b) Die Erfahrung eigener Ganzheit ist eng gekoppelt an die Vorstellung eines kosmischen Bewußtseins: Der Mensch soll sich wieder als Teil der Natur verstehen, nicht als ihr Beherrscher, und soll sich dabei in kosmische Rhythmen wiedereingliedern. c) Diese kosmische Ganzheitlichkeit steht dem Transformationsgedanken sehr nahe. Transformation bezeichnet zunächst den Prozeß der individuellen Bewußtseinserweiterung. Themen sind dabei: Einbezug von Körperlichkeit und Emotionalität, Suche nach neuer Spiritualität, Wiederentdeckung der weiblichen Identität oder die Neubesinnung auf Erfahrung. Mit der Bewußtseinsentwicklung der einzelnen verbinden sich Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Transformation durch die "Verschwörung der Transformierten" (Ferguson) sowie auf eine "Spiritualisierung der ganzen Menschheit" (Russell).
New Age steht für Neues Zeitalter und ist eine der wichtigsten – und populärsten – geistigen Strömungen der letzten Jahrzehnte. Eine inflationäre Inanspruchnahme des Themas (z.B. als"life style") macht es gleichzeitig schwer, New Age zu fixieren. Dennoch läßt sich New Age als ein "Patchwork" ständig wiederkehrender Begriffe, Grundüberzeugungen und Aktivitäten definieren: Paradigmenwechsel, Kosmisches Bewußtsein und Transformation, die den zentralen Sinn des New Age markieren. a) Der Grundgedanke des Paradigmenwechsels ist nicht ein mechanistisches, sondern ein systemisches, die Gesamtwirklichkeit vernetzendes Selbst- und Wirklichkeitsverständnis (Capra), d.h. die Trennungen von Geist und Materie, von Mensch und Natur scheinen im Neuen Zeitalter aufgehoben. Anstelle der starren Dualismen setzen die New Age-Autoren organische Synthesen wie den Versuch, die Kluft zwischen Religion und Wissenschaft zu überwinden, oder in die einseitig rationalistische Denkweise des "old age" veränderte Bewußtseinszustände oder paranormale Phänomene (Parapsychologie) einzubeziehen. Erst die Erfahrung der größeren Realität "innerer" oder "geistiger" Welten könne auch zu der Erfahrung führen, daß in jedem realen Phänomen, vor allem aber im eigenen Bewußtsein, das spirituelle Universum zu finden sei. b) Die Erfahrung eigener Ganzheit ist eng gekoppelt an die Vorstellung eines kosmischen Bewußtseins: Der Mensch soll sich wieder als Teil der Natur verstehen, nicht als ihr Beherrscher, und soll sich dabei in kosmische Rhythmen wiedereingliedern. c) Diese kosmische Ganzheitlichkeit steht dem Transformationsgedanken sehr nahe. Transformation bezeichnet zunächst den Prozeß der individuellen Bewußtseinserweiterung. Themen sind dabei: Einbezug von Körperlichkeit und Emotionalität, Suche nach neuer Spiritualität, Wiederentdeckung der weiblichen Identität oder die Neubesinnung auf Erfahrung. Mit der Bewußtseinsentwicklung der einzelnen verbinden sich Hoffnungen auf eine gesellschaftliche Transformation durch die "Verschwörung der Transformierten" (Ferguson) sowie auf eine "Spiritualisierung der ganzen Menschheit" (Russell).
Es ist wohl kein Zufall, daß unser Sprachgebrauch „Sinn“ und „Zweck“ sowie „Sinn“ und „Ziel“ vertauscht. Es ist gewöhnlich der Zweck oder ein Worumwillen, das die Bedeutung von Sinn bestimmt. Der Sinn aller Dinge, die nicht schon von Natur aus so sind, wie sie sind, sondern von Gott oder vom Menschen gewollt und geschaffen sind und die darum auch anders oder nicht sein könnten, bestimmt sich aus ihrem Zweck. Ein Tisch ist dadurch, was er ist, daß er als Eß- oder Schreibtisch auf ein Wozu verweist, um dessentwillen er da ist. Auch geschichtliche Ereignisse weisen über sich selbst hinaus, sofern die Handlung, aus der sie hervorgehen, auf etwas abzielt, worin sich ihr Sinn als Zweck erfüllt. Und weil die Geschichte eine zeitliche Bewegung ist, muß der Zweck als Ziel in der Zukunft liegen. Einzelne Geschehnisse oder eine Folge von Geschehnissen sind, auch wenn sie für den Menschen bedeutungsvoll sind, als solche noch nicht sinnvoll und zielvoll. Die Fülle des Sinns ist Sache einer Erfüllung, die in der Zukunft liegt. Eine Aussage über den letzten Sinn geschichtlicher Ereignisse zu wagen, ist nur möglich, wenn ihr künftiges telos kenntlich wird. Wenn eine geschichtliche Bewegung ihre Richtung und Tragweite enthüllt hat, so denken wir über ihr erstes Auftreten nach, um den Sinn des ganzen Ereignisses von dessen Ende her zu bestimmen, des „Ganzen", sofern es einen bestimmten Ausgangspunkt und einen deutlichen Endpunkt hat. Die Annahme, daß die Geschichte im großen und ganzen einen letzten Sinn habe, antizipiert somit einen Endzweck als Endziel. Die zeitliche Dimension eines letzten Ziels ist eine eschatologische Zukunft und Zukunft ist für uns nur da, indem wir etwas erwarten, das noch nicht präsent ist. Man weiß von ihr nur in der Weise gläubigen Hoffens.
- K. Löwith, Vom Sinn der Geschichte -
Die ästhetische Überwindung der Geschichte
Wir wissen nicht im entferntesten, was gespielt wird, universal gesehen, wer oder was wir überhaupt sind, woher und wohin, Arbeit und Erfolg ist in keinen Zusammenhang zu bringen, auch Leben und Tod nicht. Wir wissen nicht, wer oder was Caesar ermordete, Napoleon das Magenkarzinom erst auf Sankt Helena schickte, den Nebel sandte, als die Nivellesche Offensíve beginnen sollte, wer manche Winter so hart machte oder die Winde so stellte, daß die Armada zerschellte. Was sich abhebt, ist immer nur das durcheinandergehende Spiel verdeckter Kräfte. Ihnen nachzusinnen, sie zu fassen in einem Material, das die Erde uns an die Hand gibt, in „Stein, Vers, Flötenlied“, in hinterlassungs-fähigen, abgeschlossenen Gebilden - diese Arbeit an der Ausdruckswelt, ohne Erwarten, aber auch nicht ohne Hoffnung -: etwas anderes hat die Stunde für uns nicht.
Ein Spiel des Äon, ein Spiel der Parzen und der Träume! Welche Haufen in der Geschichte auch siegten, diese Lehre haben sie nie zerstört! Die Lehre von der Ausdruckswelt als Überwinderin des Nationalismus, des Rassismus, der Geschichte, aber auch der menschheitlichen und individuellen Trauer, die unser eingeborenes Erbteil ist. ln irgendeinem inneren Auftrag arbeiten oder in irgendeinem inneren Auftrag schweigen, allein und handlungslos, bis wieder die Stunde der Erschließung kommt. Ich habe Größeres nicht gesehen als den, der sagen konnte: Trauer und Licht, und beides angebetet; und dessen Sein sich auf der Waage maß, deren Schalen sich gegeneinander wohl bewegen, sinken und steigen, aber sie selber wiegt sich nicht. Womöglich sind die abgelegensten Dinge die allerwichtigsten gewesen und die vergessensten die bleibenden, aber irgend etwas Bestimmendes liegt vor, darin gibt es eine Beirrung nicht. Nihilismus als Verneinung von Geschichte, Wirklichkeit, Lebensbejahung ist eine große Qualität, als Realitätsleugnung schlechthin bedeutet er eine Verringerung des lch. Nihilismus ist eine innere Realität, nämlich eine Bestimmung, sich in der Richtung auf ästhetische Deutung in Bewegung zu bringen, in ihm endet das Ergebnis und die Möglichkeit der Geschichte.
- G. Benn, Zum Thema Geschichte -
Geschichte als Entfaltung der Menschennatur
Vernünftige Selbstbestimmung als Ziel der Geschichte
§ 1: Was die Erziehung bei dem einzeln Menschen ist, ist die Offenbarung bei dem ganzen Menschengeschlechte.
§ 2: Erziehung ist Offenbarung, die dem einzeln Menschen geschieht: und Offenbarung ist Erziehung, die dem Menschengeschlechte geschehen ist und noch geschieht.
§ 4: Erziehung gibt dem Menschen nichts, was er nicht auch aus sich selbst haben könnte: sie gibt ihm das, was er aus sich selber haben könnte, nur geschwinder und leichter. Also gibt auch die Offenbarung dem Menschenge- schlechte nichts, worauf die menschliche Vernunft, sich selbst überlassen, nicht auch kommen würde: sondern sie gab und gibt ihm die wichtigsten dieser Dinge nur früher. § 5: Und so wie es der Erziehung nicht gleichgültig ist, in welcher Ordnung sie die Kräfte des Menschen entwickelt; wie sie dem Menschen nicht alles auf einmal beibringen kann: ebenso hat auch Gott bei seiner Offenbarung eine gewisse Ordnung, ein gewisses Maß halten müssen.
§ 72: So wie wir zur Lehre von der Einheit Gottes nunmehr des Alten Testaments entbehren können; so wie wir allmählich zur Lehre von der Unsterblichkeit der Seele auch des Neuen Testaments entbehren zu können anfangen: könnten in diesem nicht noch mehr dergleichen Wahrheiten vorgespiegelt werden, die wir als Offenbarungen so lange anstaunen sollen, bis sie die Vernunft aus ihren andern ausgemachten Wahrheiten herleiten und mit ihnen verbinden lernt?
§ 85: Nein; sie wird kommen, sie wird gewiß kommen, die Zeit der Vollendung, da der Mensch, je überzeugter sein Verstand einer immer bessern Zukunft sich fühlet, von dieser Zukunft gleichwohl Bewegungsgründe zu seinen Handlungen zuerborgen nicht nötig haben wird; da er das Gute tun wird, weil es das Gute ist, nicht well willkürliche Belohnungen darauf gesetzt sind, die seinen flatterhaften Blick ehedem bloß haften und stärken sollten, die innern bessern Belohnungen desselben zu erkennen.
§ 86: Sie wird gewiß kommen, die Zeit eines neuen ewigen Evangeliums, die uns selbst in den Elementarbüchern des Neuen Bundes versprochen wird.
§ 87: Vielleicht, daß selbst gewisse Schwärmer des dreizehnten und vierehnten Jahrhunderts einen Strahl dieses neuen ewigen Evangeliums aufgefangen hatten; und nur darin irrten, daß sie den Ausbruch desselben so nahe verkündigten.
§ 88: Vielleicht war ihr dreifaches A/ter der Welt keine so leere Grille; und gewiß hatten sie keine schlimme Absichten, wenn sie lehrten, daß der Neue Bund ebensowohl antiquieret werden müsse, als es der Alte geworden. Es blieb auch bei ihnen immer die nämliche Ökonomie des nämlichen Gottes. lmmer .- sie meine Sprache sprechen zu lassen - der nämliche Plan der allgemeinen Erziehung des Menschengeschlechts.
§ 91: Geh deinen unmerklichen Schritt, ewige Vorsehung! Nur laß mich dieser Unmerklichkeit wegen an dir nicht verzweifeln! - Laß mich nicht an dir verzweifeln, wenn selbst deine Schritte mir scheinen sollten zurückzugehenl - Es ist nicht wahr, daß die kürzeste Linie immer die gerade ist.
§ 92: Du hast auf deinem ewigen Wege so viel mitzunehmenlso viel Seitenschritte zu tun! - Und wie? wenn es nun gar so gut als ausgemacht wäre, daß das große langsame Rad, welches das Geschlecht seiner Vollkommenheit näher bringt, nur durch kleinere schnellere Räder in Bewegung gesetzt würde, deren jedes sein Einzelnes eben dahin liefert?
- G. E. Lessing, Die Erziehung des Menschengeschlechts -
Mai 22
GEORG WILHELM FRIEDRICH HEGEL
Der Endzweck der Welt und die Überwindung des Bösen
Die Geschichte ist die Entfaltung der Natur Gottes in einem bestimmten Element, so kann hier keine andere als eine bestimmte Erkenntnis genügen und stattfinden. Es muß endlich an der Zeit sein, auch diese reiche Produktion der schöpferischen Vernunft zu begreifen, welche die Weltgeschichte ist. - Unsere Erkenntnis geht darauf, die Einsicht zu gewinnen, daß das von der ewigen Weisheit Bezweckte, wie auf dem Boden der Natur, so auf dem Bo- den des in der Welt wirklichen und tätigen Geistes herausgekommen ist. Unsere Betrachtung ist insofern eine Theodizee, eine Rechtfertigung Gottes, welche Leibniz metaphysisch auf seine Weise in noch abstrakten, unbestimmten Kategorien versucht hat: das Übel in der Welt überhaupt, das Böse mit inbegriffen, sollte begriffen, der denkende Geist mit dem Negativen versöhnt werden; und es ist in der Weltgeschichte, daß die ganze Masse des konkreten Übels uns vor die Augen gelegt wird. (In der Tat liegt nirgend eine größere Aufforderung zu solcher versöhnenden Erkenntnis als in der Weltgeschichte, und es ist hierbei, daß wir einen Augenblick verweilen wollen.)
Diese Aussöhnung kann nur durch die Erkenntnis des Affirmativen erreicht werden, in welchem jenes Negative zu einem Untergeordneten und Überwundenen verschwindet - durch das Bewußtsein, teils was in Wahrheit der Endzweck der Welt sei, teils daß derselbe in ihr verwirklicht worden sei und nicht das Böse neben ihm ebensosehr und gleich mit ihm sich geltend gemacht habe. Die Rechtfertigung geht darauf hinaus, das Übel gegenüber der absoluten Macht der Vernunft begreiflich zu machen. Es handelt sich um die Kategorie des Negativen, von der vorher die Rede war, und die uns sehen läßt, wie in der Weltgeschichte das Edelste und Schönste auf ihrem Altar geopfert wird. Dies Negative wird von der denkenden Vernunft verworfen, die dafür vielmehr einen affirmativen Zweck will. Dabei, daß einzelne Individuen gekränkt worden sind, kann die Vemunft nicht stehenbleiben; besondere Zwecke verlieren sich in dem Allgemeinen. Sie sieht in dem Entstehen und Vergehen das Werk, das aus der allgemeinen Arbeit des Menschen-geschlechtes hervorgegangen ist, ein Werk, das wirklich in der Welt ist, der wir angehören. Das Erscheinende hat sich ohne unser Zutun zu einem Wirklichen gestaltet; es ist nur das Bewußtsein, und zwar das denkende Bewußtsein nötig, es aufzufassen. Denn jenes Affirmative ist eben nicht bloß im Genusse des Gefühls, der Phantasie, sondern es ist etwas, das der Wirklichkeit angehört und uns angehört oder dem wir angehören. Die Vernunft, von der gesagt worden, daß sie die Welt regiere, ist ein ebenso unbestimıntes Wort als die Vorsehung - man spricht immer von der Vernunft, ohne eben angeben zu können, was denn ihre Bestimmung, ihr Inhalt ist, was das Kriterium sei, wonach wir beurteilen können, ob etwas vernünftig ist oder unvernünftig.
Von der Weltgeschichte kann nach dieser abstrakten Bestimmung gesagt werden, daß sie die Darstellung des Geistes sei, wie er zum Wissen dessen zu kommen sich erarbeitet, was er an sich ist. Die Orientalen wissen es nicht, daß der Geist oder der Mensch als solcher an sich frei ist. Weil sie es nicht wissen, sind sie es nicht. Sie wissen nur, daß Einer frei ist; aber ebendarum ist solche Freiheit nur Willkür, Wildheit, Dumpfheit der Leidenschaft oder auch eine Milde, Zahmheit derselben, die selbst nur ein Naturzufall oder eine Willkür ist. Dieser Eine ist darum nur ein Despot, nicht ein freier Mann, ein Mensch. - In den Griechen ist erst das Bewußtsein der Freiheit aufgegangen, und darum sind sie frei gewesen; aber sie, wie auch die Römer, wußten nur, daß einige frei sind, nicht der Mensch als_solcher. Dies wußten Plato und Aristoteles nicht; darum haben die Griechen nicht nur Sklaven gehabt und ist ihr Leben und der Bestand ihrer schönen Freiheit daran gebunden gewesen, sondern auch ihre Freiheit war selbst teils nur eine zufällige, unausgearbeitete, vergängliche und beschränkte Blume, teils zugleich eine harte Knechtschaft des Menschlichen, des Humanen. - Erst die germanischen Nationen sind im Christentum zum Bewußtsein gekommen, daß der Mensch als Mensch frei ist, die Freiheit des Geistes seine eigenste Natur ausmacht. Dies Bewußtsein ist zuerst in der Religion, in der innersten Region des Geistes aufgegangen; aber dies Prinzip auch in das weltliche Wesen einzubilden, dies war eine weitere Aufgabe, welche zu lösen und auszuführen eine schwere, lange Arbeit der Bildung erfordert. Mit der Annahme der christlichen Religion hat z.B. nicht unmittelbar die Sklaverei aufgehört, noch weniger ist damit sogleich in den Staaten die Freiheit herr- schend, sind die Regierungen und Verfassungen auf eine vemünftige Weise organisiert, auf das Prinzip der Freiheit gegründet worden. Diese Anwendung des Prinzips auf die Weltichkeit, die Durchdringung, Durchbildung des weltlichen Zustandes, durch dasselbe ist der lange Verlauf, welcher die Geschichte selbst ausmacht. Auf diesen Unterschied des Prinzips als eines solchen und seiner Anwendung, d.i. Einführung und Durchführung in der Wirklichkeit des Geistes und Lebens, habe ich schon aufmerksam gemacht; wir werden sogleich weiter darauf zurückkommen; es ist eine Grundbe-stimmung in unserer Wissenschaft, und sie ist wesentlich im Gedanken festzuhalten. Wie nun dieser Unterschied in Arısehung des christlichen Prinzips, des Selbstbewußtseins der Freiheit, hier vorläufig herausgehoben worden, so findet er auch wesentlich statt in Ansehung des Prinzips der Freiheit überhaupt. Die Weltgeschichte ist der Fortschritt im Bewußtsein der Freiheit - ein Fortschritt, den wir in seiner Notwendigkeit zu erkennen haben.
Mit dem, was ich im allgemeinen über den Unterschied des Wissens von der Freiheit gesagt habe, und zwar zunächst in der Form, daß die Orientalen nur gewußt haben, daß Einer frei ist, die griechische und römische Welt aber, daß einige frei sind, daß wir aber wissen, daß alle Menschen an sich frei, der Mensch als Mensch frei ist, damit liegt die Einteilung, die wir in der Weltgeschichte machen und nach der wir sie abhandeln werden, vor. . .
Sagen wir nun (. . _), die allgemeine Vernunft vollführe sich [in der Geschichte], so ist es um das empirisch Einzelne freilich nicht zu tun; denn das kann besser und schlechter sein, weil hier der Zufall, die Besonderheit ihr ungeheures Recht auszuüben vom Begriffe die Macht erhält. Man kann sich allerdings in Rücksicht auf besondere Dinge vorstellen, daß manches in der Welt unrecht sei. So wäre denn an den Einzelheiten der Erscheinung vieles zu tadeln. Aber um das empirisch Besondere ist es hier nicht zu tun; das ist dem Zufall anheim- gegeben, und darauf kommt es nicht an. Es ist auch nichts leichter zu tadeln und durch den Tadel sich die Meinung von seinem Besserwissen, guter Absicht zu geben. Dies subjektive Tadeln, das nur das Einzelne und seinen Mangel vor sich hat, ohne die allgemeine Vernunft darin zu erkennen, ist leicht und kann, indem es die Versicherung guter Absicht für das Wohl des Ganzen herbeibringt und sich den Schein des guten Herzens gibt, gewaltig groß tun und sich aufspreizen. Es ist leichter, den Mangel an Individuen, an Staaten, an der Weltleitung einzusehen als ihren wahrhaften Gehalt. Denn beim negativen Tadeln steht man vornehm und mit hoher Miene über der Sache, ohne in sie eingedrungen zu sein, d.h. sie selbst, ihr Positives erfaßt zu haben. Gewiß kann der Tadel gegründet sein; nur ist es viel leichter, das Mangelhafte aufzufinden als das Substantielle (z.B. bei Kunstwerken). Die Menschen meinen oft, sie seien fertig, wenn sie das mit Recht Tadelhafte aufgefunden haben; sie haben freilich recht, aber sie haben auch unrecht, daß sie das Affirmative an der Sache verkennen. Es ist das Zeichen der größten Oberflächlichkeit, überall das Schlechte zu finden, nichts von dem Affirmativen, Echten daran zu sehen. Das Alter im allgemeinen macht milder, die Jugend ist immer unzufrieden; das macht beim Alter die Reife des Urteils, das nicht nur aus Interesselosigkeit auch das Schlechte sich gefallen läßt, sondern, durch den Ernst des Lebens tiefer belehrt, auf das Substantielle, Gediegene der Sache ist geführt worden; es ist das nicht eine Billigkeit, sondern eine Gerechtigkeit.
Was aber das wahrhafte Ziel betrifft, die Idee der Vernunft selbst, so ist die Einsicht, zu der die Philosophie verhelfen soll, daß die wirkliche Welt ist, wie sie sein soll, daß der vernünftige Wille, das konkret Gute das Mächtigste ist in der Tat, die absolute Macht, die sich vollführt. Das wahrhafte Gute, die allgemeine göttliche Vernunft ist auch die Macht, sich selbst zu vollbringen. Dieses Gute, diese Vernunft in ihrer konkretesten Vorstellung ist Gott. Das Gute, nicht bloß als Idee überhaupt, sondern als eine Wirksamkeit, ist das, was wir Gott nennen. Die Einsicht der Philosophie ist, daß keine Gewalt über die Macht des Guten, Gottes, geht, die ihn hindert, sich geltend zu machen, daß Gott recht behält, daß die Weltgeschichte nichts anderes darstellt als den Plan der Vorsehung. Gott regiert die Welt; der Irıhalt seiner Regierung, die Vollführung seines Planes ist die Weltgeschichte. Diesen. zu fassen ist die Aufgabe der Philosophie der Weltgeschichte, und ihre Voraussetzung ist, daß das Ideal sich vollbringt, daß nur das Wirklichkeit hat, was der Idee gemäß ist. Vor dem reinen Licht dieser göttlichen Idee, die kein bloßes Ideal ist, verschwindet der Schein, als ob die Welt ein verrücktes, törichtes Geschehen sei. Die Philosophie will den Inhalt, die Wirklichkeit der göttlichen Idee erkennen und die verschmähte Wirklichkeit rechtfertigen. Denn die Vernunft ist das Vernehmen des göttlichen Werkes.
Das, was sonst Wirklichkeit heißt, wird von der Philosophie als ein Faules betrachtet, das wohl scheinen kann, aber nicht an und für sich wirklich ist. Diese Einsicht enthält, man kann es den Trost nennen gegen die Vorstellung von dem absoluten Unglück, der Verrücktheit dessen, was geschehen ist. Trost ist indessen nur der Ersatz für ein Übel, das nicht hätte geschehen sollen, und ist im Endlichen zu Hause. Die Philosophie ist also nicht ein Trost; sie ist mehr, sie versöhnt, sie verklärt das Wirkliche, das unrecht scheint, zu dem Vernünftigen, zeigt es als solches auf, das in der Idee selbst begründet ist und womit die Vernunft befriedigt werden soll. Denn in der Vernunft ist das Göttliche. Der Inhalt, der der Vernunft zugrunde liegt, ist die göttliche Idee und wesentlich der Plan Gottes. Als Weltgeschichte erfaßt ist nicht die Vernunft in dem Willen des Subjekts der Idee gleich, sondern allein die Wirksamkeit Gottes ist der Idee gleich. Aber in der Vorstellung ist die Vernunft das Vernehmen der Idee, schon etymologisch das Vernehmen dessen, was ausgesprochen ist (Logos), - und zwar des Wahren. Die Wahrheit des Wahren - das ist die erschaffene Welt. Gott spricht; er spricht nur sich selbst aus, und er ist die Macht, sich auszusprechen, sich vernehmlich zu machen. Und die Wahrheit Gottes, die Abbildung seiner ist es, was in der Vernunft vernommen wird. So geht die Philosophie dahin, daß, was leer ist, kein Ideal ist, sondern nur, was wirklich ist, - daß die Idee sich vernehmlich mache.
- Hegel -
Thema: Die Zeit
Marie von Ebner-Eschenbach (1830-1916)
Die Nachbarn (1887)Der Blonde und der Braune waren Nachbarn; jeder von ihnen stand an der Spitze eines gutmütigen Hirtenvolkes. Sie tauschten nach Bedarf die Produkte ihrer Ländereien und blieben einander stets hilfreich in Not und Gefahr. Niemand hätte bestimmen können, welchem von beiden ihr Bündnis mehr Nutzen brachte.
Eines Tages, im Herbst, begab es sich, daß ein heftiger Sturm großen Schaden anrichtete im Wald des Braunen. Viele junge Bäume wurden entwurzelt oder gebrochen., viele alte Bäume verloren mächtige Äste. Der Herr rief seine Knechte; sie sammelten die dürren Reiser und schichteten sie in Bündel.
Aus dem frischen Holze aber wurden Stöcke zugehauen. Im Frühjahr sollten sie verwendet werden zu einem neuen Zaune für den Hühnerhof der braunen Herrin.
Nun wollte der Zufall, daß ein Diener des Blonden die Stöcke in die Scheune bringen sah. Seine Anzahl schien seinen etwas blöden Augen ungeheuer. Von Angst ergriffen lief er heim und sprach zu seinem Gebieter: „Ein Verräter will ich sein, wenn der Nachbar nicht Böses wider uns im Schilde führt.“
Er und andere ängstliche Leute - es waren auch Weise darunter - schürten so lange das Mißtrauen, das sie ihrem Herrn gegen den Freund eingeflößt hatten, bis jener sich entschloß, zu rüsten gegen die vermeintlich Gerüsteten. Eine Scheune voll von Stöcken hatte der Braune; der Blonde wollte drei Scheunen voll von Stöcken haben. Holzknechte wurden in den Wald geschickt. Was lag ihnen an seiner hohen Kultur? Ihnen tat es nicht leid, einen jungen Baum zu fällen, ihm die aufstrebende Krone abzuhauen und die lichtsuchenden Äste und die Zweige mit den atmenden Blättern. Nach kurzer Zeit war der Wald verwüstet, aber der Blonde hatte viele tausend Stöcke. Wie es ihm ergangen war, erging es nun seinem ehemaligen Freunde. Die Klugen und die Törichten, der Verwegenen und die Zaghaften im Lande, alle schrien: „Es ist deine Pflicht, Herr, dafür zu sorgen, daß uns der Tag des Kampfes reich an Stöcken finde!“Und der Braune und der Blonde überboten einander in der Anschaffung von Verteidigungsmitteln und bedachten nicht, daß sie endlich nichts mehr zu verteidigen hatten als Armut und Elend. Weit und breit war kein Baum zu erblicken, die Felder waren unbebaut; nicht Pflug, noch Egge, noch Spaten gab es mehr, alles war in Stöcke verwandelt. Es kam so weit, daß die größte Menge des Volkes zu Gott betete: „Laß den Kampf ausbrechen, laß den Feind über uns kommen; wir würden leichter zugrunde gehen unter seinen Stöcken als unter den Qualen des Hungers.“ -
Der Blonde und der Braune waren alt und müde geworden, und auch sie sehnten sich im stillen nach dem Tode. Ihre Freude am Leben und Herrschen war abgestorben mit dem Glücke ihrer Untertanen. Die beiden Nachbarn stiegen zugleich auf einen Berg, der die Grenze zwischen ihren Besitzungen bildete.Jeder von ihnen dachte: Ich will mein armes, verwüstetes Reich noch einmal überschauen.Sie kletterten mühsam empor, kamen zugleich auf dem Grate des Berges an, standen plötzlich einander gegenüber und taumelten zurück... Aber nur einen Augenblick. Ihre abwehrend ausgestreckten Hände sanken herab und ließen die Stöcke fallen, auf welche sie sich gestützt hatten. Die ein halbes Jahrhundert in Haß verkehrte Liebe trat in ihr altes Recht. Mit schmerzvoller Rührung betrachtete der Freund den Freund aus halb verloschenen Augen. Nicht mehr der Blonde, nicht mehr der Braune! Wie aus einem Munde riefen sie: !Oh, du Weißer!“ und lagen Brust an Brust.
Wer zuerst die Arme ausgebreitet, wußten sie ebensowenig, als sie sich besinnen konnten, wer dereinst die ersten Stöcke aufgestellt wider den anderen. Sie begriffen nicht, wie das Mißtrauen hatte entstehen können, dem alles zum Opfer gefallen war, was ihr Dasein und das der Ihren lebenswert gemacht hatte. Eines nur stand ihnen fest: die niederdrückende Überzeugung, daß nichts auf Erden ihnen ersetzen konnte, was die Furcht vor dem Verlust ihrer Erdengüter ihnen geraubt hatte.:
Text aus: Das Gemeindekind, hg. Von Joh. Klein, München 1956 Hat sich seitdem irgendetwas verändert, fragen wir uns? Stimme aus dem Off: Der Schluss! Klar doch !
So kann die Wichtigkeit der Vergangenheit gar nicht
übertrieben werden, denn für mich gilt »Wesen ist, was gewesen ist«, Sein ist
gewesen. Aber wir finden hier das vorhin aufgewiesene Paradox wieder: ich könnte mich ohne Vergangenheit
nicht verstehen, mehr noch, ich könnte ohne sie nichts mehr von mir denken,
denn ich denke
an das, was ich bin und was ich in der Vergangenheit bin;
andererseits bin ich aber das Sein, durch das die Vergangenheit zu sich und
zur Welt kommt. Wir wollten dieses Paradox genauer prüfen: da die Freiheit
Wahl ist, ist sie Veränderung. Sie wird durch das Ziel bestimmt, das sie
projektiert, das heißt durch die Zukunft, die sie zu sein hat. Aber gerade
weil die Zukunft der-noch-nicht-seiende-Zustand dessen, was ist, ist, kann
sie nur in einer Verbindung mit dem, was ist, begriffen werden. Und das, was
noch nicht ist, kann nicht von dem ergriffen werden, was ist: denn was
ist, ist Mangel, und kann folglich als solcher nur von dem aus erkannt
werden, dem er mangelt.
- Jean Paul Sartre, Das Sein und das Nichts -
Der weiße Mann hat keine Zeit
Der Papalagi liebt das runde Metall und das schwere Papier, er liebt es, viel Flüssigkeiten von getöteter Frucht und Fleisch von Schwein und Rind und anderen schrecklichen Tieren in seinen Bauch zu tun, er liebt vor allem auch das, was sich nicht greifen lässt und das doch da ist - die Zeit. Er macht viel Wesens und alberne Rederei darum. Obwohl nie mehr davon vorhanden ist als zwischen Sonnenaufgang und -untergang hineingeht, ist es ihm doch nie genug.
Der Papalagi ist immer unzufrieden mit seiner Zeit, und er klagt den großen Geist dafür an, dass er nicht mehr gegeben hat. Ja, er lästert Gott und seine große Weisheit, indem er jeden neuen Tag nach einem ganz gewissen Plane teilt und zerteilt. Er zerschneidet ihn geradeso, als führe man kreuzweise mit einem Buschmesser durch eine weiche Kokosnuss. Alle Teile haben ihren Namen: Sekunde, Minute, Stunde. Die Sekunde ist kleiner als die Minute, diese kleiner als die Stunde; alle zusammen machen die Stunden, und man muss sechzig Minuten und noch viel mehr Sekunden haben, ehe man so viel hat wie eine Stunde. Das ist eine verschlungene Sache, die ich nie ganz verstanden habe, weil es mich übel anmacht, länger als nötig über solcherlei kindische Sachen nachzusinnen. Doch der Papalagi macht ein großes Wissen daraus. Die Männer, die Frauen und selbst Kinder, die kaum auf den Beinen stehen können, tragen im Lendentuch, an dicke metallene Ketten gebunden und über den Nacken hängend oder mit Lederstreifen ums Handgelenk geschnürt, eine kleine, platte, runde Maschine, von der sie die Zeit ablesen können. Dieses Ablesen ist nicht leicht. Man übt es mit den Kindern, indem man ihnen die Maschine ans Ohr hält, um ihnen Lust zu machen.Solche Maschine, die sich leicht auf zwei flachen Fingern tragen lässt, sieht in ihrem Bauche aus wie die Maschinen im Bauche der großen Schiffe, die ihr ja alle kennt. Es gibt aber auch große und schwere Zeitmaschinen, die stehen im Innern der Hütten oder hängen auf den höchsten Hausgiebeln, damit sie weithin gesehen werden können. Wenn nun ein Teil der Zeit herum ist, zeigen kleine Finger auf der Außenseite der Maschine dies an, zugleich schreit sie auf, ein Geist schlägt gegen das Eisen in ihrem Herzen. Ja, es entsteht ein gewaltiges Tosen und Lärmen in einer europäischen Stadt, wenn ein Teil der Zeit herum ist.Wenn dieses Zeitlärmen ertönt, klagt der Papalagi: Es ist eine schwere Last, dass wieder eine Stunde herum ist. Er*macht zumeist ein trauriges Gesicht dabei, wie ein Mensch, der ein großes Leid zu tragen hat; obwohl gleich eine ganz frische Stunde herbeikommt. Ich sage, dies möchte eine Art Krankheit sein; denn angenommen, der Weiße hat Lust, irgendetwas zu tun, sein Herz verlangt danach, er möchte vielleicht in die Sonne gehen oder auf dem Flusse im Canoe fahren oder sein Mädchenlieb haben, so verdirbt er sich zumeist seine Lust, indem er an dem Gedanken haftet: Mir ward keine Zeit, fröhlich zu sein. Die Zeit wäre da, doch er sieht sie beim besten Willen nicht. Ernennt tausend Dinge, die ihm die Zeit nehmen, hockt sich mürrisch und klagend über eine Arbeit, zu der er keine Lust, an der er keine Freude hat, zu der ihn auch niemand zwingt als er ich selbst. Sieht er dann aber plötzlich, dass er Zeit hat, dass sie doch da ist, oder gibt ihm ein anderer Zeit - die Papalagi geben sich vielfach gegenseitig Zeit, ja, nichts wird so hochgeschätzt als dieses Tun -, so fehlt ihm wieder die Lust oder er ist müde von der Arbeit ohne Freude. Und regelmäßig will er morgen tun, wozu er heute Zeit hat. Wir müssen den armen, verirrten Papalagi vom Wahn befreien, müssen ihm seine Zeit wiedergeben. Wir miissen ihm seine kleine, runde Zeitmaschine zerschlagen ihm verkünden, dass von Sonnenaufgang bis Untergang viel mehr Zeit da ist, als ein Mensch gebrauchen kann.- Erich Scheurmann. Der Papalagi. Die Rede des Südseehäuptlings Tulavil aus Tiavea -
Die Welt als Vorstellung also, in welcher Hinsicht allein wir sie hier betrachten, hat zwei wesentliche, nothwendige und untrennbare Hälften. Die eine ist das Objekt: dessen Form ist Raum und Zeit, durch diese die Vielheit. Die andere Hälfte aber, das Subjekt, liegt nicht in Raum und Zeit: denn sie ist ganz und ungetheilt in jedem vorstellenden Wesen; daher ein einziges von diesen, eben so vollständig, als die vorhandenen Millionen, mit dem Objekt die Welt als Vorstellung ergänzt: verschwände aber auch jenes einzige; so wäre die Welt als Vorstellung nicht mehr. Diese Hälften sind daher unzertrennlich, selbst für den Gedanken: denn jede von beiden hat nur durch und für die andere Bedeutung und Daseyn, ist mit ihr da und verschwindet mit ihr. Sie begränzen sich unmittelbar: wo das Objekt anfängt, hört das Subjekt auf. Die Gemeinschaftlichkeit dieser Gränze zeigt sich eben darin, daß die wesentlichen und daher allgemeinen Formen alles Objekts, welche Zeit, Raum und Kausalität sind, auch ohne die Erkenntniß des Objekts selbst, vom Subjekt ausgehend gefunden und vollständig erkannt werden können, d.h. in Kants Sprache, a priori in unserm Bewußtseyn liegen. Dieses entdeckt zu haben, ist ein Hauptverdienst Kants und ein sehr großes.
[Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung, S. 43 ff.Philosophie Schülerbibliothek, S. 23227 (vgl. Schopenhauer-ZA Bd. 1, S. 32 ff.)]
Der Rat, den man dem Pyrrhus gab, die Ruhe gleich zu genießen, die er durch soviel Mühsal gewinnen wollte, stieß auf erhebliche Schwierigkeiten. Einem Menschen. sagen, daß er in Ruhe leben soll, heißt ihm sagen, er solle glücklich leben, heißt ihm zu einem ganz glücklichen Zustand raten, den er mit Muße betrachten kann, ohne darin einen Anlaß zur Bekümmernis zu finden. Das heißt aber, seine Natur nicht verstehen. Die Menschen, die von Natur ihren Zustand empfinden, vermeiden ja auch nichts so sehr wie die Ruhe. Es gibt nichts, das sie nicht tun, um die Unrast zu suchen. Nicht als ob sie nicht einen Instinkt hätten, der sie die wahre Seligkeit erkennen läßt. So tut man unrecht, sie zu tadeln: Ihr Fehler besteht nicht darin, daß sie die Zerstreuung und den Tumult suchen, wenn sie ihn nur als eine Zerstreuung suchen; aber das Unglück ist, daß sie ihn so suchen, als ob der Besitz der Dinge, die sie aufsuchen, sie wahrhaft glückliche machen müßte; und insofern hat man recht, wenn man sie Wegen ihres Strebens nach eitlen Dingen anklagt. So verstehen in alldem sowohl die, welche tadeln, als auch die, welche getadelt werden, nichts von der wahrhaften Natur des Menschen.
- Blaise Pascal, Die Langeweile -
April - Mai 2021
Nicht erst in der Moderne bekommt es die Aufklärung mit einem gegnerischen Bewußtsein zu tun, das sich zunehmend in aufklärungsfesten Stellungen verschanzt.
- Peter Sloterdijk -
Der Aufklärungsvorgang hat demnach zwei Seiten: den Beitritt zur besseren Position und den Abschied von der Vormeinung. Eine Ambivalenz der Gefühle ist hiermit gegeben: ein Gewinn und ein Schmerz. Die Utopie des liebevollen kritischen Dialogs sieht diese Schwierigkeit voraus. Der Schmerz wird erträglich im Bewußtsein, daß er kollegial und freiwillig hingenommen werden kann als Preis der Gemeinsamkeit. Der "Verlierer" darf sich als den eigentlichen Gewinner sehen. So ist das aufklärerische Gespräch im Wesen nichts anderes als ein Arbeitsringen der Meinungen und ein forschender Dialog zwischen Personen, die sich unter eine Friedensregel a priori stellen, weil sie nur als Gewinner, als Erkenntnis- und Solidaritätsgewinner aus der Begegnung hervorgehen können. Darum wird die Trennung von der Vormeinung als verwindbar unterstellt.
Ein akademisches Idyll, wie gesagt; zugleich die regulative Idee jeder Aufklärung, die den Blick auf Versöhnung nicht aufgeben will. Daß die Wirklichkeit anders aussieht, wird niemanden überraschen. In den Konfrontationen der Aufklärung mit vorausgehenden Bewußtseinspositionen geht es um alles andere als Wahrheit: um Vormachtstellungen, Klasseninteressen, Schulpositionen, Wunschsetzungen, Leidenschaften und um die Verteidigung von "Identitäten". Diese Vorgaben überformen das aufklärerische Gespräch so stark, daß es angemessener wäre, von einem Bewußtseinskrieg als von einem Friedensdialog zu sprechen. Die Gegner stehen sich nicht unter einem im voraus vereinbarten Friedensvertrag gegenüberbn - eher in der Haltung von Verdrängungs- und Vernichtungskorıkurrenz; und sie sind nicht frei im Verhältnis zu den Mächten, die ihr Bewußtsein so und nicht anders reden lassen.
- Sloterdijk -
In unserer hektischen Zeit atmen die meisten Menschen entschieden zu flach, d.h. anstatt beide Lungenflügel angemessen zu füllen, beatmen viele nur die oberen Lungenspitzen. Eine solche Fehlatmung führt jedoch zu vermehrter Anspannung, zu Übererregbarkeit, letztlich forciert sie Gefühle von Angst. Neurologen haben beobachtet, daß während des Lachvorgangs die Atmung wesentlich harmonischer bzw. intensiver abläuft: Die Einatmung wird vertieft und verlängert, beim Ausatmen kommt es zu der wichtigen völligen Luftentleerung. Der Gasaustausch wird so gegenüber dem Ruhezustand fast um das Vierfache gesteigert. Lachen ist somit eine gesunde gymnastische Übung, die den Übenden Befreiung verschafft. In Lachtherapien wird auf diese Weise regelrechtes Atemtraining betrieben: Die Patienten erlernen eine Form der gesunden Bauchatmung, die das Zwerchfell einbezieht. Das Zwerchfell ist der Muskel, der beim unbeschwerten Lachen aktiviert wird. Gesundes Atmen heißt besseres, intensiveres Leben!
Menschen, die unter Minderwertigkeitskomplexen leiden, berät man, ganz bewußt Situationen aufzusuchen bzw. sogar herbeizuführen, in denen spontan herzhaft gelacht werden kann. Anstatt in negativen Gefühlen bzw. Eigenprogrammierungen zu verharren, werden die Betroffenen trainiert, selbst Lachanlässe zu schaffen. Gelingt es ihnen, in einer ansonsten eher angstauslösenden Situation einen Gag oder gelungenen Scherz zu machen, werden Gedanken von Enge und Bedrohung durch das befreiende Lachen (bei den Betroffenen sowie bei Beobachtern) in Gefühle von Zuversicht und Stärke umgewandelt. So fordern zum Beispiel Therapeuten ihre Klienten auf, Mut zu Unerwartetem zu haben, sich zu komischen Aktionen zu überwinden. Eine Übung besteht darin, daß von Komplexen Geplagte in der überfüllten U-Bahn freundlich lächelnd zur Fahrkartenkontrolle schreiten. Für gewöhnlich sind solche Aktivitäten mit Scham besetzt. In der Überwindung der Schamgefühle sehen Behandler aber die Möglichkeit, frühen Kränkungen, die in vielen Fällen bereits in der Kindheit stattfanden, etwas von der zerstörerischen Kraft (starke Selbstzweifel) zu nehmen: Die Patienten werden auf lachendem Wege zufriedener und somit gesünder!
- Autor: unbekannt -
“Auf Diensten wie Instagram, Snapchat oder Tiktok kann sich jeder seine eigenen Bilderbuchwelten bauen, seine idiographischen Traumvorstellungen reibungslos und in Sekundenschnelle generieren. Diese Darbietungen sind zwar explizit zum Sharen gedacht, flitzen anschließend aber durch die digitalen Räume und können nie wieder zurückgeholt werden. Antastbar und diskutabel sind sie nur noch durch kurze Kommentarfunktionen, ein paar bunte Emojis. Geliked durch den erhobenen Daumen, gehatet durch den Shitstorm. Verhandelt während Begegnungen von Mensch zu Mensch werden Statements dieser Art so gut wie nicht mehr."
- Diana Kinnert, Die neue Einsamkeit -
Um zu überleben, muß man in die Schule der Realität gehen. Gewiß. Die Sprache derer, die es gut meinen, nennt es Erwachsenwerden, und es ist etwas Wahres daran. Nur ist das nicht alles. Stets ein wenig unruhig und reizbar blickt das mitmachende Bewußtsein nach verlorenen. Naivitäten sich um, in die es kein Zurück mehr gibt, weil Bewußtmachungen irreversibel. sind.
Gottfried Benn, selber einer der profilierten Sprecher der modernen zynischen Struktur, hat wohl die Jahrhundert-formulierung des Zynismus gegeben - luzide und unverschämt: ›› Dumm sein und Arbeit haben, das ist das Glück.<< Die Umkehrung des Satzes zeigt erst seinen vollen Inhalt: Intelligent sein und dennoch seine Arbeit verrichten - das ist unglückliches Bewußtsein in der modernisierten, aufklärungskranken Form. ››Dumm<< und arglos kann es nicht wieder werden, und Unschuld ist nicht wiederherzustellen. Es verharrt im Glauben an die Schwerkraft der Verhältnisse, an die sein Selbsterhaltungstrieb es bindet. Wenn schon, denn schon. Bei zweitausend Mark netto im Monat beginnt leise die Gegenaufklärung; sie setzt darauf, daß jeder, der etwas zu verlieren hat, mit seinem unglücklichen Bewußtsein privat zurechtkommt oder es mit ››Engagements« überbaut. -
Der neue Zynismus macht sich, eben weil er als Privatverfassung gelebt wird, die die Weltlage absorbiert, nicht mehr in der Weise grell bemerkbar, die seinem Begriff entspräche. Er umgibt sich mit Diskretion --»wie wir gleich sehen werden* ein Schlüsselwort der charmant vermittelten Entfremdurıg. Die von sich selbst Wissende Anpassung, die bessere Einsicht den ››Zwängen<< geopfert hat, sieht keine Veranlassung mehr, sich offensiv und spektakulär zu entblößen. Es gibt eine Nacktheit, die nicht mehr entlarvend wirkt und bei der keine »nackte Tatsache« zum Vorschein kommt, auf deren Boden man sich mit heiterem Realismus stellen könnte. Das neuzy- nische Arrangement mit dem Gegebenen hat etwas Klägliches, nichts souverän Nacktes mehr. Darum ist es auch methodisch nicht ganz leicht, den diffusen, profilschwa chen Zynismus zum Sprechen zu bringen (...). Die großen offensiven Paraden zynischer Frechheit sind selten geworden; Verstimmungen sind an ihre Stelle getreten, und zum Sarkasmus fehlt die Energie. Gehlen meinte sogar, daß heute nicht einmal mehr die Engländer bissig sein können, Weil die Vorräte an Unzufriedenheit aufgezehrt seien und das Rechnen mit den Beständen begonnen habe. Die Verdrossenheit, die nach den Offensiven kommt, macht den Mund nicht mehr so weit auf, daß die Aufklärung dadurch gewinnen könnte.
- Peter Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft -
Was ist also Schwermut? Sie ist die Hysterie des Geistes. Es kommt im Leben des Menschen ein Augenblick, da die Unmittelbarkeit gleichsam reif geworden ist und da der Geist eine höhere Form fordert, da er sich selbst als Geist ergreifen will. Als unmittelbarer Geist hängt der Mensch mit dem ganzen irdischen Leben zusammen, und nun will der Geist gleichsam aus dieser Zerstreutheit heraus sich sammeln und sich in sich selbst erklären; die Persönlichkeit will sich ihrer selbst in ihrer ewigen Gültigkeit bewußt werden. Geschieht dies nicht, wird die Bewegung unterbrochen, wird sie zurückgedrückt, so tritt Schwermut ein. Man kann vieles tun, um sie in Vergessenheit zu bringen, man kann arbeiten, man kann zu harmloseren Mitteln greifen als ein Nero, die Schwermut bleibt. Es liegt etwas Unerklärliches in der Schwermut. Wer Trauer oder Kummer hat, der weiß, warum er traurig oder bekümmert ist. Fragt man einen Schwermütigen, was der Grund seiner Schwermut sei, was denn so schwer auf ihm laste, so wird er antworten: das weiß ich nicht, ich kann es nicht erklären. Darin liegt die Unendlichkeit der Schwermut. Diese Antwort ist völlig richtig; denn sobald er es weiß, ist die Schwermut behoben, wohingegen beidem Traurigen die Trauer durchaus nicht damit behoben ist, daß er weiß, warum er traurig ist. Schwermut aber ist Sünde [. . .] denn es ist die Sünde, nicht tief und innerlich zu wollen, und dies ist eine Mutter aller Sünden. Diese Krankheit, oder vielmehr diese Sünde ist überaus verbreitet in unserer Zeit, und zwar ist sie etwa diejenige, unter der das ganze junge Deutschland und Frankreich seufzt.
- Kierkegaard -
Das Pippi-Langstrumpf-Syndrom 3.0:
Wir alle machen uns die Welt, wie sie uns gefällt. Jeder für sich. Jeder allein für sich. Jeder in seiner eigenen kleinen Raumkapsel. - Diana Kinnert, Die neue Einsamkeit -
Februar - März 2021
Nun wollen wir auch den kleinen Gewinn des heutigen Tages miteinander teilen: bei unserm Stoiker Hekaton las ich den Satz, das Aufhören der Leidenschaften sei auch ein Mittel gegen die Furcht.
››Du fürchtest nicht mehr«, sagt er dort, »wenn du nicht mehr hoffst.«
Du wirst mir entgegnen: »Was haben so grundverschiedene Dinge miteinander zu tun?« Mein lieber Lucilius, und doch ist es so! Sie scheinen verschieden zu sein, gehören aber eng zusammen. Wie eine Kette den Sträfling und seinen Wächter verbindet, so halten auch diese an sich verschiedenen Seelenregungen gleichen Schritt: Begleiter der Hoffnung ist die Furcht; kein Wunder: beides läßt uns hangen und bangen, beides beunruhigt durch den Blick in die Zukunft. Die Hauptursache dafür ist, daß wir uns nicht in die Gegenwart schicken wollen, sondern die Gedanken in die Ferne schweifen lassen. So hat sich die Gabe der ››Vorsicht« - der Hauptvorzug der Menschennatur - in ein Übel verwandelt; wilde Tiere fliehen vor der sichtbaren Gefahr, dann fühlen sie sich sicher. Wir dagegen quälen uns ab mit Zukunft und Vergangenheit. Viele unserer Vorzüge schaden uns nur: Die Erinnerungsgabe vergegenwärtigt uns die Qualen der Furcht noch einmal, die Gabe des Voraussehens bereitet sie uns schon vorher. Kein Mensch leidet nur an der Gegenwart. - Seneca -
Ausgearbeitete Philosophie ist zwar an die Wissenschaften gebunden. Sie setzt die Wissenschaften in dem fortgeschrittenen Zustand voraus, den sie in dem jeweiligen Zeitalter erreicht haben. Aber der Sinn der Philosophie hat einen anderen Ursprung. Vor aller Wissenschaft tritt sie auf, wo Menschen wach werden.
Diese Philosophie ohne Wissenschaft vergegenwärtigen wir an einigen merkwürdigen Erscheinungen:
Erstens: In philosophischen Dingen hält sich fast jeder für urteilsfähig.. Während man anerkennt, daß in den Wissenschaften Lernen, Schulung, Methode, Bedingungen des Verständnisses sei, erhebt man in bezug auf die Philosophie den Anspruch, ohne weiteres dabei zu sein und mitreden zu können. Das eigene Menschsein, das eigene Schicksal und die, eigene Erfahrung gelten als genügende Voraussetzung. Die Forderung der Zugänglichkeit der Philosophie für jedermann muß anerkannt werden. Die umständlichsten Wege der Philosophie, die die Fachleute der Philosophie gehen, haben doch ihren Sinn nur, wenn sie münden in das Menschsein, das dadurch bestimmt ist, wie es des Seins und seiner “selbst darin gewiß wird.
Zweitens: Das philosophische Denken muß jederzeit ursprünglich sein. Jeder Mensch muß es selber vollziehen. Ein wunderbares Zeichen dafür, daß der Mensch als solcher ursprünglich philosophiert, sind die Fragen der Kinder. Gar nicht selten hört man aus Kindermund, was dem Sinne nach unmittelbar in die Tiefe des Philosophierens geht. Ich erzähle Beispiele: Ein Kind. wundert sich: »Ich versuche immer zu denken, ich sei ein anderer und bin doch immer wieder ich.« Dieser Knabe rührt an einen Ursprung aller Gewißheit, das Seinsbewußtsein im Selbstbewußtsein. Er staunt vor dem Rätsel des Ichseins, diesem aus keinem anderen zu Begreifenden. Er steht fragend vor dieser Grenze. Ein anderes Kind hört die Schöpfungsgeschichte: Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. . ., und fragt alsbald: »Was war denn vor dem Anfang?« Dieser Knabe erfuhr die Endlosigkeit des Weiterfragens, das Nichthaltmachenkönnen des Verstandes, daß für ihn keine abschließende Antwort möglich ist. Ein anderes Kind läßt sich bei einem Spaziergang angesichts einer Waldwiese Märchen erzählen von den Elfen, die dort nächtlich ihre Reigen aufführen. . . »Aber die gibt es doch gar nicht. . .« Man erzählt ihm nun von Realitäten, beobachtet die Bewegung der Sonne, erklärt die Frage, ob sich die Sonne bewege oder die Erde sich drehe und bringt die Gründe, die für die Kugelgestalt der Erde und ihre Bewegung um sich selbst sprechen. . . ››Ach, das ist ja gar nicht wahr«, sagt das Mädchen und stampft mit dem Fuß auf den Boden, -››die Erde steht doch fest Ich glaube doch nur, was ich sehe.« Darauf: ››Dann glaubst du nicht an den lieben Gott, den kannst du doch auch nicht sehen.« - Das Mädchen stutzt und sagt dann sehr entschieden: »Wenn er nicht wäre, dann wären wir doch gar nicht da.« Dieses Kind wurde ergriffen von dem Erstaunen des Daseins: es ist nicht durch sich selbst. Und es begriff den Unterschied des Fragens: ob es auf einen Gegenstand in der Welt geht oder auf das Sein und unser Dasein im Ganzen. [. . .]
Drittens: Ursprüngliches Philosophieren zeigt sich wie bei Kindern so bei Geisteskranken. Es ist zuweilen - selten -, als ob die Fesseln der allgemeinen Verschleierungen sich lösten und ergreifende Wahrheit spräche. Im Beginn mancher Geisteskrankheiten erfolgen metaphysische Offenbarungen erschütternder Art, die zwar durchweg in Form und Sprache nicht von dem Range sind, daß ihre Kundgabe eine objektive Bedeutung gewönne, außer in Fällen wie dem Dichter Hölderlin oder dem Maler van Gogh. Aber wer dabei ist, kann sich dem Eindruck nicht entziehen, daß hier eine Decke reißt, unter der wir gemeinhin unser Leben führen. Manchem Gesunden ist auch bekannt die Erfahrung unheimlich tiefer Bedeutungen im Erwachen aus dem Schlafe, die sich bei vollem Wachsein wieder verlieren und nur fühlbar machen, daß wir nun nicht mehr hindurchdringen. Es ist ein tiefer Sinn in dem Satz: Kinder und Narren sagen die Wahrheit. Aber die schaffende Ursprüngliehkeit, der wir die großen philosophischen Gedanken schulden, liegt doch nicht hier, sondern bei Einzelnen, die in ihrer Unbefangenheit und Unabhängigkeit als wenige große Geister in den Jahrtausenden aufgetreten sind.
Viertens: Da die Philosophie für den Menschen unumgänglich ist, ist sie jederzeit da in einer Öffentlichkeit, in überlieferten Sprichwörtern, in geläufigen philosophischen Redewendungen, in herrschenden Überzeugungen, wie etwa in der Sprache der Aufgeklärtheit, der politischensfilaubeniis- anschauungen, vor allem aber vom Beginn der Geschichte an in Mythen. Der Philosophie ist nicht zu entrinnen. Es fragt sich nur, ob sie bewußt wird oder nicht, ob sie gut oder schlecht, verworren oder klar wird. Wer die Philosophie ablehnt, vollzieht selber eine Philosophie, ohne sich dessen bewußt zu sein.
Was ist nun Philosophie, die so universell und in so sonderbaren Gestalten sich kundgibt? ...........................
- Karl Jaspers, Einführung in die Philosophie. München: Piper.1966 -
Allerdings hat bei den meisten Menschen die Begegnung mit der Philosophie nur einen flüchtigen Charakter; es ist gleichsam ein »Wetterleuchten«, ein Aufblitzen einer verdeckten und zumeist verdrängten Grundmöglichkeit unserer Existenz. Der Wirbel der Geschäfte, der Interessen und Leidenschaften, der alltägliche Umtrieb, die Sorgen, Nöte, die Freuden und Vergnügungen nehmen uns gefangen und lassen keinen Raum für eine nachdenkliche Besinnung, die in die Tiefe geht, die sich ››zu Grunde richtet«. Weil aber das Philosophieren eine wesentliche Möglichkeit des Menschen ist, ist sie jedem Menschen von innen bekannt, und sei es nur in einer dunklen Ahnung. Niemand braucht an das Philosophieren sozusagen von außen herangeführt zu werden, etwa wie man in den Einzelwissenschaften gelegentlich an bisher uns völlig unbekannte Gegenstände herangeführt Wird. Die Philosophie ist schon in uns, wenn sie auch meist >>schläft<<. Aber sie kann geweckt werden. Das bestimmt die Eigenart jeder philosophischen Belehrung: sie ist primär immer Erweckung - nicht ein Mitteilen von Lehr- Sätzen und Wissensinhalten, von Forschungsergebnissen, von Methoden und Techniken, sie ist mitmenschliches Gespräch, gemeinsames Fragen, Sinnen und Deuten, sie hat ihre wahrhafte Wirklichkeit in der Kommunikation.
- Eugen Fink , Grundprobleme des menschlichen Daseins. Freiburg: Karl Alber 1979 -
JANUAR 2021

Text aus:Michael Patton, Kevin Cannon: Cartoon Introduction to Philosophy
Hegels Verständnis von der Entwicklung des Geistes am Beispiel des Handwerkers, der einen guten Stuhl hervorbringt.
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NOVEMBER 20
Daß alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anfange, daran ist gar kein Zweifel; denn wodurch sollte das Erkenntnisvermögen sonst zur Ausübung erweckt werden, geschähe es nicht durch Gegenstände, die unsere Sinne rühren und teils von selbst Vorstellungen bewirken, teils unsere Verstandestätigkeit in Bewegung bringen, diese zu vergleichen, sie zu verknüpfen oder zu trennen, und so den rohen Stoff sinnlicher Eindrücke zu einer Erkenntnis der Gegenstände zu verarbeiten, die Erfahrung heißt? Der Zeit nach geht also keine Erkenntnis in uns vor der Erfahrung vorher, und mit dieser fängt alle an. Wenn aber gleich alle unsere Erkenntnis mit der Erfahrung anhebt, so entspringt sie darum doch nicht eben alle aus der Erfahrung. Denn es könnte wohl sein, daß selbst unsere Erfahrungserkenntnis ein Zusammengesetztes aus dem sei, was wir durch Eindrücke empfangen, und dem, was unser eigenes Erkenntnisvermögen (durch sinnliche Eindrücke bloß veranlaßt) aus sich selbst hergibt, welchen Zusatz wir von jenem Grundstoffe nicht eher unterscheiden, als bis lange Übung uns darauf aufmerksam und zur Absonderung desselben geschickt gemacht hat. Es ist also wenigstens eine der näheren Untersuchung noch benötigte und nicht auf den ersten Anschein sogleich abzufertigende Frage: ob es ein dergleichen von der Erfahrung und selbst von allen Eindrücken der Sinne unabhängiges Erkenntnis gebe. Man nennt solche Erkenntnisse a priori, und unterscheidet sie von den empirischen, die ihre Quellen a posteriori, nämlich in der Erfahrung, haben. [ . . ] Lasset von eurem Erfahrungsbegriffe eines Körpers alles, was daran empirisch ist, nach und nach weg: die Farbe, die Härte oder Weiche, die Schwere, selbst die Undurchdringlichkeit, so bleibt doh der Raum übrig, den er (welcher nun ganz verschwunden ist) einnahm, und den könnt ihr nicht weglassen. Eben so, wenn ihr von eurem empirischen Begriffe eines jeden, körperlichen oder nicht körperlichen, Objekts alle Eigenschaften weglaßt, die euch die Erfahrung lehrt: so könnt ihr ihm doch nicht diejenige nehmen, dadurch ihr es als Substanz oder einer Substanz anhängend denkt (obgleich dieser Begriff mehr Bestimmung enthält, als der eines Objekts überhaupt). lhr müßt also, überführt durch die Notwendigkeit, womit sich dieser Begriff euch aufdringt, gestehen, daß er in eurem Erkenntnisvermögen a priori seinen Sitz habe.
- Immanuel Kant, Kritik der reinen Vernunft -
OKTOBER 20
Liebe zum Leben und Liebe zum Geschlecht sind die stärksten Antriebe der Natur.
- Immanuel Kant -

Wenn sich aber das also verhält, daß nichts anderes das sich selbst Bewegende ist als die Seele, so muß die Seele notwendig sowohl ungeworden als unsterblich sein. Von ihrer Unsterblichkeit nun genug!
Von ihrer Idee aber ist das zu sagen, wie sie beschaffen, allerdings Gegenstand einer durchaus göttlichen und langwierigen, womit sie aber zu vergleichen, Gegenstand einer menschlichen und kürzeren Erörterung sei. In dieser Weise wollen wir nun sprechen:
So gleiche sie denn der zusammengewachsenen Kraft eines gefiederten Gespanns und eines Wagenlenkers. Der Götter Rosse und Wagenlenker nun sind alle sowohl selbst gut als von guter Abkunft; die Art der anderen aber ist gemischt. Und zwar was uns betrifft, so lenkt der Führer erstens ein Doppelgespann; sodann ist ihm das eine der Rosse sowohl selbst edel und gut als von solcher Abkunft, das andere aber sowohl von gegenteiliger Abkunft als selbst das Gegenteil. Schwierig und unbeholfen ist da notwendig die Wagenlenkung bei uns. Woher nun ferner für eine Lebensform die Benennung sterblich und unsterblich komme, muß man zu sagen versuchen.
Text aus: Platon, Phaidros
Herbert James Draper, 1863-1920, Odysseus und die SirenenNun wollen wir aber die Ursache von dem Verlust des Gefieders, durch die es einer Seele entfalle, ins Auge fassen. Sie ist aber folgende:
Des Gefieders Kraft ist, das Schwere nach oben zu führen, es emporhebend dahin, wo das Geschlecht der Götter wohnt. Von allem Körperlichen hat es am meisten teil an dem Göttlichen. Das Göttliche aber ist das Schöne, das Weise, das Gute und was sonst derartig ist. Von diesen nun nährt und kräftigt sich der Seele Gefieder am meisten; vom Häßlichen aber und Bösen und was sonst von jenem das Gegenteil ist, schwindet es und vergeht. Der große Herrscher im Himmel nun, Zeus, zieht den geflügelten Wagen treibend als erster aus, anordnend alles und besorgend; ihm aber folgt ein Heer von Göttern und Dämonen, in elf Scharen geordnet.
(...) Da gibt es nun viele und selige Schauspiele und Bewegungen innerhalb des Himmels, die der beglückten Götter Geschlecht ausführt, indem jeder das Seine verrichtet. Es folgt aber, wer jedesmal will und kann; denn der Neid steht draußen vor dem göttlichen Reigen. Wenn sie aber nun zum Schmaus und Gelage gehen, haben sie gegen die höchste unterhimmlische Wölbung schon einen steilrechten Weg. Da fahren nun zwar die Götterwagen, wohlgezügelt das Gleichgewicht haltend, leicht hin, die anderen aber mühsam. Denn das mit Schlechtigkeit behaftete Roß, wenn es von einem der Wagenlenker nicht gut genährt worden ist, beugt sich und drückt schwerfällig zur Erde hinab. Da ist nun wahrlich einer Seele die äußerste Mühe und Anstrengung bereitet. Nämlich diejenigen Seelen zwar, welche unsterbliche genannt werden, gehen, wenn sie oben sind, hinaus und stehen nun auf dem Rücken des Himmels; hier stehend aber führt sie der Umschwung herum; sie aber schauen, was außerhalb des Himmels ist. Den überhimmlischen Ort aber hat noch nie einer der Dichter hienieden besungen, noch wird ihn je einer nach Würdigkeit besingen. Es verhält sich aber also damit:
Denn wagen wenigstens muß man, das Wahre zu sagen, zumal wer von der Wahrheit spricht. Das farblose und gestaltlose und unberührbare wesenhaft seiende Wesen nämlich ist nur für den Lenker der Seele, den Geist, schaubar, jenes Wesen, in Beziehung auf das die Gattung der wahren Wissenschaft diesen Ort inne hat. Und nun, da ja das Geistesleben eines Gottes und einer jeden Seele, welche das ihr Angemessene aufzunehmen bestrebt ist, von Geist und lauterer Wissenschaft sich nährt, wird sie nach verflossener Zeit das Seiende zu sehen froh, und das Wahre schauend wird sie genährt und ergötzt, bis sie der Umschwung im Kreislauf wieder an den vorigen Ort herumführt. Auf diesem Umzug aber erblickt sie die Gerechtigkeit selbst, erblickt die Besonnenheit, erblickt die Wissenschaft, nicht die, der ein Werden zukommt, nicht die, die immer eine andere ist, je nachdem sie an einem anderen der Gegenstände haftet, die wir jetzt seiende nennen, - sondern die andern, was das wesenhafte Sein ist, haftende Wissenschaft; und nachdem sie das übrige ebenso wesenhaft Seiende geschaut und gekostet hat, sinkt sie wieder in das Innere des Himmels und kommt nach Hause zurück. (...)
Was aber die anderen Seelen betrifft, so erheben einige, die ihrem Gott am rüstigsten folgten und gleich kommen, ihres Wagenlenkers Haupt hinaus in den äußeren Raum und werden durch den Um- schwung mit herumgeführt, obgleich von den Rossen verwirrt und mühsam das Seiende erblickend: andere aber erheben sich bald, bald sinken sie unter, und bei dem Ungestüm der Rosse sehen sie zwar einiges, anderes aber nicht. Die übrigen aber, nach dem Oberen strebend, folgen zwar alle; indessen, da ihnen die Kraft fehlt, werden sie in die Tiefe untersinkend zusammen umgetrieben, einander tretend und drängend, indem eine der anderen voranzusein sich bemüht. Da gibt es nun Verwirrung und Wetteifer und Kampfschweiß im höchsten Maß, wobei dann durch Schlechtigkeit der Wagenlenker viele gelähmt werden, viele viel Gefieder einbüßen, alle aber, nachdem sie viele Mühsal gehabt, als Ungeweihte, die nicht zum Schauen des Seienden gelangt sind, zurückkommen und zurückgekommen im Gebiet der Meinung ihre Nahrung finden.
[Platon: Phaidros, S. 44 ff.Digitale Bibliothek Band 2: Philosophie, S. 1908 (vgl. Platon-SW Bd. 2, S. 435 ff.)]
Man kommt nicht als Frau zur Welt, man wird es. Keine biologische, psychische oder ökonomische Bestimmung legt die Gestalt fest, die der weibliche Mensch in der Gesellschaft einnimmt. Die gesamte Zivilisation bringt dieses als weiblich qualifizierte Zwischenprodukt zwischen dem Mann und dem Kastraten hervor. Nur die Vermittlung anderer kann ein Individuum zum anderen machen. Es gibt einen biologischen Unterschied. Doch sind die genannten Konstanten nicht schicksalsbestimmend: Der Phallus bekommt einen so großen Wert, weil er eine Souveränität symbolisiert, die sich auf anderen Gebieten verwirklicht. Gelänge es der Frau, sich als Subjekt zu behaupten, würde sie Äquivalente zum Phallus erfinden: Die Puppe, in der sich die Verheißung des Kindes verkörpert, kann ein kostbarerer Besitz werden als der Penis. Es gibt matrilineare Gesellschaften, in denen die Frauen die Masken verwahren, in denen die Gemeinschaft sich entfremdet: So verliert der Penis viel von seiner Herrlichkeit. Nur innerhalb der in ihrer Totalität erfassten Situation begründet das anatomische Privileg ein menschliches. Die Psychoanalyse kann ihre Wahrheit nur im historischen Kontext finden. Ebenso wenig wie es ausreicht, von der Frau zu sagen, sie sei ein Weibchen, kann man sie durch das Bewusstsein definieren, das sie von ihrer Weiblichkeit verlangt: Sie erlangt es innerhalb der Gesellschaft, deren Mitglied sie ist. [...]
Wenn das kleine Mädchen auf die Bäume klettert, will das Kind ihm [Alfred Adler, einem Schüler Freuds] zufolge es den lungen gleichtun: Er kann sich nicht vorstellen, dass das Klettern dem Mädchen Spaß macht. [...] Besonders bei den Psychoanalytikern wird der Mann als Mensch und die Frau als Weibchen deñniert: Jedes Mal, wenn sie sich als Mensch verhält, heißt es, sie imitiere den Mann. Der Psychoanalytiker beschreibt das kleine Mädchen und die Jugendliche als zwischen der ldentifikation mit dem Vater und der Mutter, zwi- schen „viriloiden“ und „femininen“ Neigungen schwankend, während ich sie zwischen der Rolle des Objekts, des anderen, die ihr angetragen wird, und dem Anspruch auf ihre Freiheit zögern sehe. So kann es vorkommen, dass unsere Ansichten bei einer Reihe von Fakten übereinstimmen, insbesondere bei der Betrachtung der unauthentischen Fluchtwege, die sich den Frauen bieten. Aber ich messe ihnen eine ganz andere Bedeutung bei als die Freudianer oder Adlerianer. Für mich ist die Frau ein Mensch auf der Suche nach Werten in einer Welt von Werten, einer Welt, deren ökonomische und soziale Struktur man unbedingt kennen muss. Die Frau soll hier aus einer existenziellen Perspektive unter Berücksichtigung ihrer Gesamtsituation erforscht werden.
- Simone de Beauvoir -
A P R I L 20
Ernst Bloch
Das Prinzip Hoffnung (1959)
Wer sind wir? Wo kommen wir her? Wohin gehen wir? Was erwarten wir? Was erwartet uns? Viele fühlen sich nur als verwirrt. Der Boden wankt, sie wissen nicht warum und von was. Dieser ihr Zustand ist Angst, wird er bestimmter, so ist er Furcht.[...] Es kommt darauf an, das Hoffen zu lernen. Seine Arbeit entsagt nicht, sie ist ins Gelingen verliebt statt ins Scheitern. Hoffen, über dem Fürchten gelegen, ist weder passiv wie dieses, noch gar in ein Nichts gesperrt. Der Affekt des Hoffens geht aus sich heraus, macht die Menschen weit, statt sie zu verengen, kann gar nicht genug von dem wissen, was sie inwendig gezielt macht, was ihnen auswendig verbündet sein mag. Die Arbeit dieses Affekts verlangt Menschen, die sich ins Werdende tätig hineinwerfen, zu dem sie selber gehören. [...]Primär lebt jeder Mensch, indem er strebt, zukünftig, Vergangenes kommt erst später, und echte Gegenwart ist fast überhaupt noch nicht da.
Heiner Müller (1929 – 1995): Die Hamletmaschine (1977)
Hamletdarsteller. Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr.
Meine Worte haben mir nichts mehr zu sagen. […]
Ich gehe nach Hause und schlage die Zeit tot, einig /Mit mei-
nem ungeteilten Selbst.
Fernsehn Der tägliche Ekel Ekel
Am präparierten Geschwätz Am verordneten Frohsinn
Wie schreibt man Gemütlichkeit
Unsern Täglichen Mord gib uns heute
Denn Dein ist das Nichts Ekel.
An den Lügen die geglaubt werden
von den Lügnern und niemandem sonst Ekel
An den Lügen die geglaubt werden Ekel
An den Visagen der Macher gekerbt
Vom Kampf um die Posten Stimmen Bankkonten
Ekel Ein Sichelwagen der von Pointen blitzt
Geh ich durch Straßen Kaufhallen Gesichter
Mit den Narben der Konsumschlacht Armut
M Ä R Z 2020
Der Mensch ist Freiheit
Wenn wiederum Gott nicht existiert, so finden wir uns keinen Werten, keinen Geboten gegenüber, die unser Betragen rechtfertigen. So haben wir weder hinter uns noch vor uns, im Lichtreich der Werte, Rechtfertigungen oder Entschuldigungen. Das ist es, was ich durch die Worte ausdrücken will: Der Mensch ist verurteilt, frei zu sein. Verurteilt, weil er sich nicht selbst erschaffen hat, anderweit aber dennoch frei, da er, einmal in die Welt geworfen, für alles verantwortlich ist, was er tut. Der Existentialist glaubt nicht an die Macht der Leidenschaft. Er wird nie denken, daß eine schöne Leidenschaft ein verwüstender Wildbach ist, der den Menschen unvermeidlich zu gewissen Taten führt und der deshalb eine Entschuldigung ist. Er denkt, der Mensch sei für seine Leidenschaft verantwortlich. Der Existentialíst wird auch nie denken, daß der Mensch auf Erden Hilfe finden könne in einem gegebenen Zeichen, das ihm seine Richtung wiese.
Der Mensch erfindet den Menschen
Denn er denkt, daß der Mensch das Zeichen entziffern wird, wie es ihm gefällt. Er denkt also, daß der_Mensch ohne irgendeine Stütze und ohne irgendeine Hilfe in jedem Augenblick verurteilt ist, den Menschen zu erfinden.«
aus: Sartres Schrift: »Ist der Existentialismus ein Humanismus?« (abgedruckt in: J. P. Sartre: Drei Essays - Ist der Existentíalísmus ein Humanismus?; Ullstein-Buch Nr. 304, neue, durchgesehene Ausgabe, Frankfurt/Main 1968, S. 16,-17).
Dezember 2019
......
All dies hat sich entscheidend geändert. Die moderne Technik hat Handlungen von so neuer Größenordnung, mit so neuartigen Objekten und so neuartigen Folgen eingeführt, dass der Rahmen früherer Ethik sie nicht mehr fassen kann.
[...] Gewiss, die alten Vorschriften der „Nächsten“-Ethik - die Vorschriften der Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Ehrlichkeit usw. --gelten immer noch, in ihrer intimen Unmittelbarkeit, für die nächste, tägliche Sphäre menschlicher Wechselwirkung; Aber diese Sphäre ist überschattet von einem wachsenden Bereich kollektiven Tuns, in dem Täter, Tat und Wirkung nicht mehr dieselben sind wie in der Nahsphäre und der durch die Enormität seiner Kräfte der Ethik eine neue, nie zuvor erträumte Dimension der Verantwortung aufzwingt. [...] Die Einhegung der Nähe und Gleichzeitigkeit ist dahin, fortgeschwemmt von der räumlichen Ausbreitung und Zeitlänge der Kausalreihen, welche die technische Praxis, auch wenn für Nahzwecke unternommen, in Gang setzt. Ihre Unumkehrbarkeit, im Verein mit ihrer zusammengefassten Größenordnung, führt einen weiteren neuartigen Faktor in die moralische Gleichung ein. Dazu ihr kumulativer Charakter: Ihre Wirkungen addieren sich, so dass die Lage für späteres Handeln und Sein nicht mehr dieselbe ist wie für den anfänglich Handelnden, sondern zunehmend davon verschieden und immer mehr ein Ergebnis dessen, was schon getan ward. Alle herkömmliche Ethik rechnete nur mit nicht-kumulativem Verhalten.. Die Grundsituation von Mensch zu Mensch, in der Tugend sich erproben und Laster sich entblößen muss, bleibt stets dieselbe und mit ihr fangt jede Tat von Neuem an. Die wiederkehrenden Gelegenheiten, die je nach ihrer Klasse ihre Alternativen des Handelns stellen - Mut oder Feigheit, Maß oder Exzess, Wahrheit oder Lüge usw. - stellen jedes Mal die Urbedingungen wieder her. Diese sind unüberholbar. Aber die kumulative Selbstfortpflanzung technologischer Veränderung der Welt überholt fortwährend, die Bedingungen jedes ihrer beitragenden Akte und verläuft durch lauter präzedenzlose Situationen, für die die Lehren der Erfahrung ohnmächtig sind. Ja, die Kumulation als solche, nicht genug damit, ihren Anfang bis zur Unkenntlichkeit zu verändern, mag die Grundbedingung der ganzenReihe, die Voraussetzung ihrer selbst, verzehren. All dieses müsste im Willen der Einzeltat mitgewollt sein, wenn diese sittlich verantwortlich sein soll. [...]Unter solchen Umständen wird Wissen zu einer vordringlichen Pflichtüber alles hinaus, was je vorher für seine Rolle in Anspruch genommen wurde, und das Wissen muss dem kausalen Ausmaß unseres Handelns größengleich sein. Die Tatsache aber, dass es ihm nicht wirklich größengleich sein kann, das heißt, dass das vorhersagende Wissen hinter dem technischen Wissen, das unserem Handeln die Macht gibt, zurückbleibt, nimmt selbst ethische Bedeutung an.
Die Kluft zwischen Kraft des Vorherwissens und Macht des Tuns erzeugt ein neues ethisches Problem..Anerkennung der Unwissenheit wird dann die Kehrseite der Pflicht des Wissens und damit ein Teil der Ethik, welche die immer nötiger werdende Selbstbeaufsichtigung unserer übermäßigen Macht unterrichten muss.
Keine frühere Ethik hatte die globale Bedingung menschlichen Lebens und die ferne Zukunft, ja Existenz der Gattung zu berücksichtigen.
Hans Jonas, 1979
NOVEMBER 19
Logischer Zirkel
Für einen einfachen Fall kann man sich folgendes Beispiel denken: Die
Frage ist: "Warum schwimmt Eis auf dem Wasser?" Antwort: "Weil Eis
leichter ist als Wasser."
Die Gegenfrage könnte nun lauten: "Wieso ist Eis leichter als Wasser?"
Und die Antwort könnte sein: "Du siehst doch, Eis schwimmt auf Wasser."
Diese Argumentation ist zirkulär, oder anders gesagt: Sie beinhaltet einen logischen
Zirkel. Argumentationen dieser Art sind gar nicht so selten, weil man
eigentlich keine endgültigen Erklärungen oder Begründungen finden kann,
sondern immer bei Dingen Halt machen muss, die einem vorläufig nicht
erklärungsbedürftig erscheinen. Bei längeren Gesprächen vergisst man
manchmal, dass etwas zu dem gehört, was begründet hätte werden sollen,
und lässt es als Begründung gelten.
[...] Als Galilei seine Kugeln die schiefe Fläche mit einer von ihm selbst gewählten Schwere herabrollen, oder Torricelli die Luft ein Gewicht, was er sich zum voraus dem einer ihm bekannten Wassersäule gleich gedacht hatte, tragen ließ, oder in noch späterer Zeit Stahl Metalle in Kalk und diesen wiederum in Metall verwandelte, indem er ihnen etwas entzog und wiedergab; so ging allen Naturforschern ein Licht auf. Sie begriffen, daß die Vernunft nur das einsieht, was sie selbst nach ihrem Entwurfe hervorbringt, daß sie mit Prinzipien ihrer Urteile nach beständigen Gesetzen vorangehen und die Natur nötigen müsse, auf ihre Fragen zu antworten, nicht aber sich von ihr allein gleichsam am Leitbande gängeln lassen müsse; denn sonst hängen zufällige, nach keinem vorher entworfenen Plane gemachte Beobachtungen gar nicht in einem notwendigen Gesetze zusammen, welches doch die Vernunft sucht und bedarf. Die Vernunft muß mit ihren Prinzipien, nach denen allein übereinkommende Erscheinungen für Gesetze gelten können, in einer Hand, und mit dem Experiment, das sie nach jenen ausdachte, in der anderen, an die Natur gehen, zwar um von ihr belehrt zu werden, aber nicht in der Qualität eines Schülers, der sich alles vorsagen läßt, was der Lehrer will, sondern eines bestallten Richters, der die Zeugen nötigt, auf die Fragen zu antworten, die er ihnen vorlegt. Und so hat sogar Physik die so vorteilhafte Revolution ihrer Denkart lediglich dem Einfalle zu verdanken, demjenigen, was die Vernunft selbst in die Natur hineinlegt, gemäß, dasjenige in ihr zu suchen (nicht ihr anzudichten), was sie von dieser lernen muß, und wovon sie für sich selbst nichts wissen würde. Hierdurch ist die Naturwissenschaft allererst in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, da sie so viel Jahrhunderte durch nichts weiter als ein bloßes Herumtappen gewesen war. [...]
(I. Kant, Kritik der reinen Vernunft, B XII-XlV)
[…] Das Wort Theorie geht auf religiöse Ursprünge zurück: Theoros hieß der Vertreter, den griechische Städte zu den öffentlichen Festspielen entsandten. ln der Theoria, nämlich zuschauend, entäußert er sich ans sakrale Geschehen. lm philosophischen Sprachgebrauch wird Theoria auf den Anblick des Kosmos übertragen. Als Anschauung des Kosmos setzt Theorie die Grenzziehung zwischen Sein und Zeit schon voraus, die, mit dem Gedicht des Parmenides, Ontologie begründet und in Platons Timaios wiederkehrt: sie reserviert ein vom Unsteten und Ungewissen gereinigtes Seiendes dem Logos und überläßt das Reich des Vergänglichen der Doxa.
Wenn nun der Philosoph die unsterbliche Ordnung anschaut, kann er nichtumhin, sich selber dem Maß des Kosmos anzugleichen, ihn in sich nachzubilden. Er bringt die Proportionen, die er in den Bewegungen der Natur wie inder harmonischen Folge der Musik anschaut, in sich zur Darstellung; er bildet sich durch Mimesis. Die Theorie geht auf dem Wege über die Angleichung der Seele an die geordnete Bewegung des Kosmos in die Lebenspraxis ein -Theorie prägt dem Leben ihre Form auf, sie reflektiert sich in der Haltungdessen, der sich ihrer Zucht unterwirft, im Ethos. […](J. Habermas, Erkenntnis und Interesse, S. 1461.)
Georg Picht: Der Mensch als Produzent seiner Zukunft
Der Mensch ist also im Zeitalter der wissenschaftlich-technischen Zivilisation zum Produzenten seiner eigenen Zukunft geworden. In diesem Zukunftsroman der Weltgeschichte verwandelt sich der Verfasser ständig in seine eigene Romanfigur. Der selbe Mensch, der als vermeintliches Subjekt des Handelns, als freier Forscher und aus autonomer Vernunft ein wissenschaftliches System entwirft, macht, wie die Atomphysiker, die Entdeckung, daß er im Handumdrehen zum Objekt des von ihm selbst entworfenen Systems geworden ist, und diese neue Lage verändert seine gesamten Lebensumstände, ja sein Wesen. Er wird vom Produzenten zum Produkt; aber das Produkt ist mit dem Produzenten nicht identisch, die produzierte Zukunft nicht mehr die eigene Zukunft. Die eigene Zukunft - das wäre jene Zukunft, welche der autonome Wille im Akt des Denkens und Handelns antizipiert. Aber tatsächlich antizipiert er einen Prozeß, in dem er sich Veränderungen unterworfen sieht, welche die Autonomie zur Heteronomie, den Schriftsteller zur Romanfigur werden lassen. Dieser Prozeß ist ein Prozeß der Entfremdung, der produzierte Mensch erkennt sich selbst in dem produzierten Menschen nicht mehr wieder. Als produzierter Mensch lehnt er es ab, die Verantwortung für die Konsequenzen der Handlungen des produzierenden Menschen zu tragen. Solange die Zukunft in der Hand der Götter lag, in den Sternen geschrieben stand oder als Spiel des Zufalls galt, konnte dieses Problem nicht auftreten. Seit der Mensch unwiderrufbar zum Bürger einer von ihm selbst produzierten Welt geworden ist, seit er die Macht besitzt, nicht nur tote Waren, sondern seine eigene Welt, seine Lebensbedingungen und damit weithin sein eigenes Schicksal zu produzieren, seit er sich selbst als einem Produkt begegnet, ist seine Zukunft eine andere geworden. Die Zukunft der technischen Welt unterscheidet sich qualitativ von allem, was frühere Epochen Zukunft nannten. Dies können wir wissen, mag auch sonst unser Wissen von der Zukunft noch so problematisch sein. Hierüber müssen wir reflektieren; denn da rationales Handeln die Produktionssysteme entwirft und über die Produktionsmethoden verfügt, wird die Reflexion auf die Gesetze dieses Handelns, also die Reflexion der wissenschaftlichen Vernunft auf sich selbst zur zentralen Aufgabe der von der Wissenschaft beherrschten Welt. Man nennt die Reflexion der Vernunft auf sich selbst und die Bedingung ihrer eigenen Möglichkeit "Transzendentalphilosophie". Die Entwicklung der wissenschaftlichen Welt hat dazu geführt, daß transzendentales Denken zur obersten Lebensbedingung des technischen Zeitalters geworden ist.
(Georg Picht, in: Der Gott der Philosophen und die Wissenschaft der Neuzeit,
Klett, Stuttgart 1966, S. 34-39)
ZUR INFORMATION:
Georg Picht (1913 - 1982), Pädagoge und Religionsphilosoph. Leitete von 1946-56 das Landerziehungsheim Birklehof im Schwarzwald. Seit 1965 Professor in Heidelberg. Picht war mit seiner Kritik am deutschen Schulwesen ("Die deutsche Bildungskatastrophe", 1964) ein Wegbereiter der um 1970 einsetzenden Bildungsreform.
November 18
Rede Robespierres über die Prinzipien der politischen Moral (5. Februar 1794)
Welches Ziel streben wir an? Wir wollen den friedlichen Genuss der Freiheit und der Gleichheit; die Herrschaft dieser ewigen Gerechtigkeit, deren Gesetze nicht in Marmor oder in anderen Stein, sondern in die Herzen aller Menschen eingeschrieben sind, selbst in das Herz des Sklaven, der sie vergißt, und in das Herz des Tyrannen, der sie leugnet.Wir wollen eine Ordnung der Dinge, in der alle niedrigen und grausamen Instinkte in Ketten gelegt und alle wohltätigen und edlen Neigungen durch die Gesetze geweckt werden; wir wollen eine Ordnung schaffen, wo der Ehrgeiz sich auf den Wunsch beschränkt, Ruhm zu erwerben und dem Vaterland zu dienen; wo die Unterschiede zwischen den Bürgern sich nur aus der Gleichheit selbst ergeben; wo der Bürger der Behörde, die Behörde dem Volk und das Volk der Gerechtigkeit unterworfen ist; wo das Vaterland das Wohlergehen jedes einzelnen sichert und wo jeder einzelne stolz den Wohlstand und den Ruhm des Vaterlandes genießt; wo alle Seelen sich weiten durch den ständigen Austausch republikanischer Gefühle und das Bedürfnis, sich die Achtung eines großen Volkes zu verdienen; wo die Künste die Zierde der Freiheit sind, die sie veredelt, wo endlich der Handel die Quelle des allgemeinen Reichtums und nicht nur des ungeheuren Überflusses einiger weniger Häuser ist.
Wir wollen in unserem Land an die Stelle des Egoismus die Moral setzen, an die Stelle der Ehre die Rechtschaffenheit, an die Stelle der Gewohnheiten die Grundsätze, an die Stelle der Zurückhaltung die Pflichten, an die Stelle der Tyrannei der Sitte die Herrschaft der Vernunft, an die Stelle der Verachtung des Unglücks die Verachtung des Lasters, an die Stelle des Übermuts den Stolz, an die Stelle der Eitelkeit die Seelengröße, an die Stelle der Liebe zum Geld die Liebe zum Ruhm, an die Stelle der guten Gesellschaft die guten Menschen, an die Stelle der Intrige das Verdienst, an die Stelle des Schöngeists das Genie, an die Stelle des Skandals die Wahrheit, an die Stelle der Langeweile der Wollust den Reiz des Glücks, an die Stelle der Kleinmütigkeit der Großen die Größe des Menschen, an die Stelle eines liebenswürdigen, leichtsinnigen und erbärmlichen Volkes ein großmütiges, mächtiges und glückliches Volk, das heißt: an die Stelle aller Laster und Lächerlichkeiten der Monarchie alle Tugenden und Wunder der Republik. Mit einem Wort: wir wollen den Willen der Natur erfüllen, die Bestimmung der Menschheit vollenden, die Versprechungen der Philosophie einlösen und die Vorsehung von der langen Herrschaft des Verbrechens und der Tyrannei freisprechen.
Frankreich, unter den versklavten Ländern so lange berüchtigt, von nun an den Ruhm aller freien Völker, die je existiert haben, verdunkelnd, soll das Modell für die Nationen, der Schrecken der Unterdrücker, der Trost der Unterdrückten und die Zierde des Universums werden; und während wir unser Werk mit unserem Blut besiegeln, können wir zumindest die Morgenröte des allgemeinen Glücks erstrahlen sehen. Dies ist unser Ehrgeiz, dies ist unser Ziel.
Welche Regierungsform kann diese Wunder vollbringen? Nur die demokratische oder republikanische Regierung. Diese beiden Wörter sind gleichbedeutend trotz aller Missbräuche in der gewöhnlichen Sprache. Denn die Aristokratie ist ebensowenig eine Republik wie die Monarchie. Die Demokratie ist kein Staat, wo das Volk, ständig versammelt, alle öffentlichen Angelegenheiten selbst regelt; sie ist noch weniger ein Staat, wo 100.000 Bruchstücke des Volkes durch isolierte, übereilte und widersprüchliche Maßnahmen über das Schicksal der gesamten Gesellschaft entscheiden. Eine solche Regierung hat niemals existiert und könnte auch nur existieren, um das Volk wieder dem Despotismus auszuliefern. Die Demokratie ist ein Staat, wo das souveräne Volk, geleitet von den Gesetzen, die sein eigenes Werk sind, selbst alles tut, was es zureichend tun kann ... Aber um bei uns die Demokratie zu begründen und zu festigen, um zur friedlichen Herrschaft der verfassungsgemäßen Gesetze zu gelangen, muß man den Krieg der Freiheit gegen die Tyrannei beenden und die Stürme der Revolution glücklich durchstehen. Das ist das Ziel des revolutionären Systems, das Ihr organisiert habt ...
Welches ist nun das entscheidende Prinzip der demokratischen Regierung oder Volksregierung, das heißt, der wesentliche Antrieb, der sie trägt und in Bewegung setzt? Es ist die Tugend! Und zwar die öffentliche Tugend, die in Griechenland und in Rom so viele Wunder bewirkt hat und im republikanischen Frankreich noch weit erstaunlichere Wunder hervorbringen soll. Jene Tugend, die nichts anderes ist als die Liebe zum Vaterland und zu seinen Gesetzen.
Da aber das Wesen der Republik oder der Demokratie die Gleichheit ist, so folgt daraus, daß die Liebe zum Vaterland notwendigerweise die Liebe zur Gleichheit einschließt. Es ist ferner wahr, daß dieses erhabene Gefühl die Fähigkeit voraussetzt, das allgemeine Interesse allen besonderen Interessen überzuordnen. Daraus ergibt sich, daß die Liebe zum Vaterland alle anderen Tugenden voraussetzt oder hervorbringt: Denn was sind diese Tugenden anderes als die moralische Stärke, die zu solchen Opfern fähig macht? ... Nur ein demokratischer Staat ist wirklich das Vaterland aller Bürger, die ihn bilden, und nur er kann auf so viele an ihm interessierte Verteidiger rechnen, wie er Bürger umfaßt. Dies ist der Grund für die Überlegenheit der freien Völker gegenüber allen anderen ... Wenn in friedlichen Zeiten die Triebkraft der Volksregierung die Tugend ist, so sind es in revolutionären Zeiten die Tugend und der Terror zugleich: die Tugend, ohne die der Terror verhängnisvoll ist, der Terror, ohne den die Tugend wirkungslos ist. Der Terror ist nichts anderes als die rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit; er ist also ein Ausfluß der Tugend, er ist also weniger ein besonderes Prinzip als eine Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie, angewandt auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes ...
Die Regierung, deren die Revolution bedarf, ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei ...
(Aus: Oeuvres de Maximilien Robespierre, Bd. 10, S. 352 ff.,in: Weltgeschichte im Aufriss. Die bürgerlichen Revolutionen im 18. Jahrhundert, 1977, S. 64 f.)
Die Regierung, deren die Revolution bedarf, ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei ...
(Aus: Oeuvres de Maximilien Robespierre, Bd. 10, S. 352 ff.,in: Weltgeschichte im Aufriss. Die bürgerlichen Revolutionen im 18. Jahrhundert, 1977, S. 64 f.)
DAS SIND WIR !
Platon (427 - 347 v. Chr.): Der Staat: Das Höhlengleichnis
"Und nun", fuhr ich fort, "mache dir den Unterschied zwischen Bildung und Unbildung in unserer Natur an dem folgenden Erleben gleichnishaft klar. Stelle dir die Menschen vor in einem unterirdischen, höhlenartigen Raum, der gegen das Licht zu einen weiten Ausgang hat über die ganze Höhlenbreite; in dieser Höhle leben sie von Kindheit, gefesselt an Schenkeln und Nacken, so daß sie dort bleiben müssen und nur gegen vorwärts schauen, den Kopf aber wegen der Fesseln nicht herum drehen können; aus weiter Ferne leuchtet von oben her hinter ihrem Rücken das Licht eines Feuers, zwischen diesem Licht und den Gefesselten führt ein Weg in der Höhe; ihm entlang stelle dir eine niedrige Wand vor, ähnlich wie bei den Gauklern ein Verschlag vor den Zuschauern errichtet ist, über dem sie ihre Künste zeigen."
"Ich kann mir das vorstellen", sagte Glaukon.
"An dieser Wand, so stell' dir noch vor, tragen Menschen mannigfache Geräte vorbei, die über die Mauern hinausragen, dazu auch Statuen aus Holz und Stein von Menschen und anderen Lebewesen, kurz alles mögliche, alles künstlich hergestellt, wobei die Vorbeitragenden teils sprechen, teils schweigen."
"Merkwürdig sind Gleichnis und Gefesselte, von denen du sprichst."
"Sie gleichen uns! Denn sie sehen zunächst von sich und den andern nichts außer den Schatten, die von dem Feuer auf die gegenüberliegende Mauer geworfen werden, verstehst du?"
"Natürlich, wenn sie gezwungen sind, ihre Köpfe unbeweglich zu halten ihr Leben lang."
"Dasselbe gilt auch von den vorübergetragenen Geräten, nicht?"
"Gewiß!"
"Wenn sie sich untereinander unterhalten könnten, da würden sie wohl glauben, die wahren Dinge zu benennen, wenn sie von den Schatten sprechen, die sie sehen."
"Notwendigerweise!"
"Wenn nun weiter das Gefängnis ein Echo hätte von der Wand gegenüber, und wenn einer der Vorübergehenden etwas spräche, dann käme - so würden sie glauben - der Ton von nichts anderem als von dem vorübergehenden Schatten, nicht?"
"Ganz so, bei Zeus!"
"Alles in allem: diese Leute würden nichts anderes für wahr halten als die Schatten der Geräte."
"Notwendigerweise!"
"Überlege nun Lösung und Heilung aus Ketten und Unverstand, wie immer das vor sich gehen mag - ob da wohl folgendes eintritt. Wenn etwa einer gelöst und gezwungen würde, sofort aufzustehen und den Kopf umzuwenden, auszuschreiten und zum Licht zu blicken, wenn er bei alledem Schmerz empfände und wegen des Strahlenfunkelns jene Gegenstände nicht anschauen könnte, deren Schatten er vorher gesehen - was, glaubst du, würde er da wohl antworten, wenn man ihm sagte, er habe vorher nur eitlen Tand gesehen, jetzt aber sehe er schon richtiger, da er näher dem Seienden sei und sich zu wirklichen Dingen hingewendet habe; wenn man ihn auf jeden der Vobeigehenden hinwiese und zur Antwort auf die Frage zwänge, was das denn sei? Würde er da nicht in Verlegenheit sein und glauben, was er vorher erblickt, sei wirklicher als das, was man ihm jetzt zeige?" "Gewiß!"
(in: Platon, Der Staat, 7. Buch, S. 313-314, Reclam)
Rede Robespierres über die Prinzipien der politischen Moral (5. Februar 1794)
Welches Ziel streben wir an? Wir wollen den friedlichen Genuss der Freiheit und der Gleichheit; die Herrschaft dieser ewigen Gerechtigkeit, deren Gesetze nicht in Marmor oder in anderen Stein, sondern in die Herzen aller Menschen eingeschrieben sind, selbst in das Herz des Sklaven, der sie vergißt, und in das Herz des Tyrannen, der sie leugnet.Wir wollen eine Ordnung der Dinge, in der alle niedrigen und grausamen Instinkte in Ketten gelegt und alle wohltätigen und edlen Neigungen durch die Gesetze geweckt werden; wir wollen eine Ordnung schaffen, wo der Ehrgeiz sich auf den Wunsch beschränkt, Ruhm zu erwerben und dem Vaterland zu dienen; wo die Unterschiede zwischen den Bürgern sich nur aus der Gleichheit selbst ergeben; wo der Bürger der Behörde, die Behörde dem Volk und das Volk der Gerechtigkeit unterworfen ist; wo das Vaterland das Wohlergehen jedes einzelnen sichert und wo jeder einzelne stolz den Wohlstand und den Ruhm des Vaterlandes genießt; wo alle Seelen sich weiten durch den ständigen Austausch republikanischer Gefühle und das Bedürfnis, sich die Achtung eines großen Volkes zu verdienen; wo die Künste die Zierde der Freiheit sind, die sie veredelt, wo endlich der Handel die Quelle des allgemeinen Reichtums und nicht nur des ungeheuren Überflusses einiger weniger Häuser ist.
Wir wollen in unserem Land an die Stelle des Egoismus die Moral setzen, an die Stelle der Ehre die Rechtschaffenheit, an die Stelle der Gewohnheiten die Grundsätze, an die Stelle der Zurückhaltung die Pflichten, an die Stelle der Tyrannei der Sitte die Herrschaft der Vernunft, an die Stelle der Verachtung des Unglücks die Verachtung des Lasters, an die Stelle des Übermuts den Stolz, an die Stelle der Eitelkeit die Seelengröße, an die Stelle der Liebe zum Geld die Liebe zum Ruhm, an die Stelle der guten Gesellschaft die guten Menschen, an die Stelle der Intrige das Verdienst, an die Stelle des Schöngeists das Genie, an die Stelle des Skandals die Wahrheit, an die Stelle der Langeweile der Wollust den Reiz des Glücks, an die Stelle der Kleinmütigkeit der Großen die Größe des Menschen, an die Stelle eines liebenswürdigen, leichtsinnigen und erbärmlichen Volkes ein großmütiges, mächtiges und glückliches Volk, das heißt: an die Stelle aller Laster und Lächerlichkeiten der Monarchie alle Tugenden und Wunder der Republik. Mit einem Wort: wir wollen den Willen der Natur erfüllen, die Bestimmung der Menschheit vollenden, die Versprechungen der Philosophie einlösen und die Vorsehung von der langen Herrschaft des Verbrechens und der Tyrannei freisprechen.
Frankreich, unter den versklavten Ländern so lange berüchtigt, von nun an den Ruhm aller freien Völker, die je existiert haben, verdunkelnd, soll das Modell für die Nationen, der Schrecken der Unterdrücker, der Trost der Unterdrückten und die Zierde des Universums werden; und während wir unser Werk mit unserem Blut besiegeln, können wir zumindest die Morgenröte des allgemeinen Glücks erstrahlen sehen. Dies ist unser Ehrgeiz, dies ist unser Ziel.
Welche Regierungsform kann diese Wunder vollbringen? Nur die demokratische oder republikanische Regierung. Diese beiden Wörter sind gleichbedeutend trotz aller Missbräuche in der gewöhnlichen Sprache. Denn die Aristokratie ist ebensowenig eine Republik wie die Monarchie. Die Demokratie ist kein Staat, wo das Volk, ständig versammelt, alle öffentlichen Angelegenheiten selbst regelt; sie ist noch weniger ein Staat, wo 100.000 Bruchstücke des Volkes durch isolierte, übereilte und widersprüchliche Maßnahmen über das Schicksal der gesamten Gesellschaft entscheiden. Eine solche Regierung hat niemals existiert und könnte auch nur existieren, um das Volk wieder dem Despotismus auszuliefern. Die Demokratie ist ein Staat, wo das souveräne Volk, geleitet von den Gesetzen, die sein eigenes Werk sind, selbst alles tut, was es zureichend tun kann ... Aber um bei uns die Demokratie zu begründen und zu festigen, um zur friedlichen Herrschaft der verfassungsgemäßen Gesetze zu gelangen, muß man den Krieg der Freiheit gegen die Tyrannei beenden und die Stürme der Revolution glücklich durchstehen. Das ist das Ziel des revolutionären Systems, das Ihr organisiert habt ...
Welches ist nun das entscheidende Prinzip der demokratischen Regierung oder Volksregierung, das heißt, der wesentliche Antrieb, der sie trägt und in Bewegung setzt? Es ist die Tugend! Und zwar die öffentliche Tugend, die in Griechenland und in Rom so viele Wunder bewirkt hat und im republikanischen Frankreich noch weit erstaunlichere Wunder hervorbringen soll. Jene Tugend, die nichts anderes ist als die Liebe zum Vaterland und zu seinen Gesetzen.
Da aber das Wesen der Republik oder der Demokratie die Gleichheit ist, so folgt daraus, daß die Liebe zum Vaterland notwendigerweise die Liebe zur Gleichheit einschließt. Es ist ferner wahr, daß dieses erhabene Gefühl die Fähigkeit voraussetzt, das allgemeine Interesse allen besonderen Interessen überzuordnen. Daraus ergibt sich, daß die Liebe zum Vaterland alle anderen Tugenden voraussetzt oder hervorbringt: Denn was sind diese Tugenden anderes als die moralische Stärke, die zu solchen Opfern fähig macht? ... Nur ein demokratischer Staat ist wirklich das Vaterland aller Bürger, die ihn bilden, und nur er kann auf so viele an ihm interessierte Verteidiger rechnen, wie er Bürger umfaßt. Dies ist der Grund für die Überlegenheit der freien Völker gegenüber allen anderen ... Wenn in friedlichen Zeiten die Triebkraft der Volksregierung die Tugend ist, so sind es in revolutionären Zeiten die Tugend und der Terror zugleich: die Tugend, ohne die der Terror verhängnisvoll ist, der Terror, ohne den die Tugend wirkungslos ist. Der Terror ist nichts anderes als die rasche, strenge und unbeugsame Gerechtigkeit; er ist also ein Ausfluß der Tugend, er ist also weniger ein besonderes Prinzip als eine Konsequenz des allgemeinen Prinzips der Demokratie, angewandt auf die dringendsten Bedürfnisse des Vaterlandes ...
Die Regierung, deren die Revolution bedarf, ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei ...
(Aus: Oeuvres de Maximilien Robespierre, Bd. 10, S. 352 ff.,in: Weltgeschichte im Aufriss. Die bürgerlichen Revolutionen im 18. Jahrhundert, 1977, S. 64 f.)
Die Regierung, deren die Revolution bedarf, ist der Despotismus der Freiheit gegen die Tyrannei ...
(Aus: Oeuvres de Maximilien Robespierre, Bd. 10, S. 352 ff.,in: Weltgeschichte im Aufriss. Die bürgerlichen Revolutionen im 18. Jahrhundert, 1977, S. 64 f.)
1. Die Platonische Methode als utopische Sozialtechnik
Die Platonische Methode kann man die Methode des Planens im großen Stil, die utopische Sozialtechnik, die utopische Technik des Umbaus der Gesellschaftsordnung oder die Technik der Ganzheitsplanung nennen; ihr steht eine andere Art von Sozialtechnik gegenüber, die ich für die einzig rationale halte und die man die von Fall zu Fall angewendete Sozialtechnik, die Sozialtechnik der Einzelprobleme, die Technik des schrittweisen Umbaus der Gesellschaftsordnung oder die Ad-hoc-Technik nennen könnte. Die utopische Technik ist um so gefährlicher, als es scheinen kann, daß sie im klaren Gegensatz zu einem ausgesprochenen Historizismus steht, zu einem radikal historizistischen Vorgehen, das voraussetzt, daß wir den Lauf der Geschichte nicht ändern können; gleichzeitig scheint sie die notwendige Ergänzung eines weniger radikalen Historizismus (wie etwa des Platonischen) darzustellen, der menschliche Einwirkung zuläßt.
Die utopische Sozialtechnik kann durch die folgende Argumentation plausibel gemacht werden. Jede rationale Handlung muß ein bestimmtes Ziel haben. Sie ist rational in eben dem Ausmaß, in dem sie ihr Ziel bewußt und konsequent verfolgt und in dem sie ihre Mittel diesem Ziel entsprechend festsetzt. Die Wahl eines Ziels ist also die erste Aufgabe, die wir lösen müssen, wenn wir rational zu handeln wünschen; wir müssen unsere wirklichen und endgültigen Ziele sorgfältig festsetzen, und wir müssen von ihnen jene Teil- oder Zwischenziele klar unterscheiden, die eigentlich nur als Mittel oder als Schritte auf dem Wege zum endgültigen Ziel in Betracht kommen: Wenn wir diese Unterscheidung vergessen, dann vergessen wir auch uns zu fragen, ob es wahrscheinlich ist, daß diese Teilzeile das letzte Ziel fördern; und damit hören wir auf, rational zu handeln. Auf das Gebiet politischer Tätigkeit angewendet, verlangen die angeführten Prinzipien die Festlegung unseres endgültigen politischen Ziels oder des idealen Staates, bevor irgendeine praktische Handlung unternommen wird. Nur dann, wenn dieses Ziel zumindest in rohen Umrissen bestimmt ist, wenn wir einen Bauplan der von uns angestrebten Gesellschaftsordnung besitzen, nur dann können wir beginnen, uns die besten Mittel und Wege zu ihrer Verwirklichung zu überlegen und einen Plan für praktisches Handeln aufzustellen. Die angegebenen Vorbereitungen sind für jede politische Handlung notwendig, die die Bezeichnung "rational" verdient, insbesondere sind sie notwendig für den sozialen Aufbau selbst.
Das ist in kurzen Zügen das methodologische Vorgehen, das ich utopisch nenne. Es ist überzeugend und verführerisch. In der Tat fühlen sich vor allem diejenigen Denker davon angezogen, die entweder von historizistischen Vorurteilen unberührt sind oder die gegen derartige Vorurteile zu Felde ziehen. Das macht die universalistisch-utopische Technik um so gefährlicher und ihre Kritik um so dringender.
2. Die Sozialtechnik der Einzelprobleme
Bevor ich diese Kritik im Detail ausführe, möchte ich einen anderen Weg der Sozialtechnik umreißen, den ich die Sozialtechnik der Einzelprobleme nenne oder die Technik des schrittweisen Umbaus der Gesellschaftsordnung. Ihn halte ich methodologisch für einwandfrei. Ein Politiker, der sich diese Methode zu eigen macht, mag eine Skizze einer Gesellschaftsordnung vor Augen haben; er mag hoffen, daß die Menschheit eines Tages einen idealen Staat verwirklichen und Glück und Vollkommenheit auf Erden erreichen wird. Wie dem auch sei - er wird auf jeden Fall einsehen, daß sich die Vollkommenheit, wenn sie sich überhaupt erreichen läßt, in weiter Ferne befindet und daß jede Generation von Menschen, also auch die jetzt lebende, ihre Rechte hat; vielleicht nicht so sehr ein Recht auf Glück - denn es gibt keine institutionellen Mittel, um einen Menschen glücklich zu machen -, aber doch ein Recht, nicht unglücklich gemacht zu werden, soweit sich dies durchführen läßt. Den Leidenden steht ein Recht auf alle nur erdenkliche Hilfe zu. Dementsprechend wird sich der Anwalt der Ad-hoc-Technik nach den größten und dringlichsten Übeln in der Gesellschaft umsehen, und er wird versuchen, sie zu beseitigen; er wird nicht dem größten Gut nachspüren und sich für seine Verwirklichung einsetzen. Dieser Unterschied ist durchaus nicht bloß verbal. Er ist in Wirklichkeit von größter Bedeutung. Er ist der Unterschied zwischen einer vernünftigen Methode zur Verbesserung des Geschicks der Menschheit und einer Methode, die, wenn sie wirklich ausprobiert wird, leicht zu einer unerträglichen Zunahme menschlichen Leidens führen kann. Es ist der Unterschied zwischen einer Methode, die sich in jedem Augenblick anwenden läßt, und einer Methode, deren Befürwortung leicht zu einer ständigen Verschiebung des Handelns auf einen späteren Zeitpunkt führen kann, wenn die Bedingungen günstiger sind. Und es ist auch der Unterschied zwischen der einzigen Methode zur Verbesserung der Umstände, die bisher, zu jeder Zeit und an jedem Ort wirklich erfolgreich gewesen ist (Rußland eingeschlossen, wie wir sehen werden), und einer Methode, die, wo immer sie versucht wurde, nur zum Gebrauch von Gewalt an Stelle von Vernunft und, wenn nicht zu ihrer eigenen Aufgabe, so doch zur Aufgabe des ursprünglichen Zieles geführt hat.
Der Befürworter einer Ad-hoc-Technik kann seine Methode damit verteidigen, daß die systematische Bekämpfung des Leidens und der Ungerechtigkeit und des Krieges viel eher die Unterstützung einer großen Zahl von Menschen finden wird als der Kampf für die Verwirklichung eines Idealstaates. Daß es soziale Übel gibt, das heißt soziale Zustände, unter denen viele Menschen zu leiden haben, ist etwas, was sich verhältnismäßig leicht feststellen läßt: die, die leiden, können aus eigener Erfahrung urteilen, und die andern können kaum sagen, daß sie gerne mit jenen tauschen würden. Aber über einen Idealstaat vernünftig zu diskutieren ist unendlich viel schwieriger. Das soziale Leben ist so kompliziert, daß nur wenige Menschen oder überhaupt niemand fähig ist, den Wert eines Bauplans für soziale Maßnahmen im großen Maßstab richtig einzuschätzen; ob er praktisch ist; ob er zu einer wirklichen Verbesserung führen kann; welche Leiden aller Wahrscheinlichkeit nach mit ihm verbunden sein werden und welche Mittel zu seiner Verwirklichung führen. Im Gegensatz dazu sind Pläne für einen schrittweisen Umbau der Gesellschaftsordnung relativ einfach zu beurteilen. Es sind dies ja Pläne für einzelne Institutionen, zum Beispiel für die Kranken- und Arbeitslosenversicherung, für Schiedsgerichte, für Budgetvoranschläge zur Bekämpfung von Depressionen oder für Erziehungsreform. Wenn sie fehlschlagen, dann ist der Schaden nicht allzu groß und eine Wiederherstellung oder Adjustierung nicht allzu schwierig. Derartige Entwürfe sind weniger riskant und gerade aus diesem Grunde weniger umstritten. Wenn sich aber eine Einigung in bezug auf die bestehenden Übel und die Mittel zu ihrer Bekämpfung leichter erreichen läßt als eine Einigung über ein ideales Gut und über die Mittel zu seiner Verwirklichung, dann können wir auch hoffen, daß uns die Anwendung der Methode des stückweisen Umbaus über die allergrößte Schwierigkeit jeder vernünftigen politischen Reform hinweghelfen wird, nämlich über die Frage, wie wir es anstellen sollen, daß bei der Durchführung des Programms die Vernunft und nicht Leidenschaft und Gewalt zu Worte kommen. Es wird möglich sein, einen vernünftigen Kompromiß zu erzielen und dadurch eine Verbesserung mit Hilfe demokratischer Methoden zu erreichen. ("Kompromiß" ist ein häßliches Wort; wir sollten aber lernen, es richtig zu gebrauchen. Institutionen sind unvermeidlich das Ergebnis eines Kompromisses mit Umständen, Interessen usf. obgleich wir als Personen Einflüssen dieser Art widerstehen sollten.)
3. Kritik der Sozialutopien
Im Gegensatz dazu verlangt ein utopischer Versuch der Verwirklichung eines idealen Staates auf Grund eines Entwurfes der Gesellschaftsordnung als ganzer eine streng zentralisierte Herrschaft einige weniger, und er führt daher aller Wahrscheinlichkeit nach zu einer Diktatur. (...) Die Rekonstruktion der Gesellschaftsordnung ist ein großes Unternehmen, das vielen Menschen geraume Zeit hindurch beachtenswerte Unannehmlichkeiten bereiten muß. Der utopische Sozialtechniker wird also seine Ohren gegen viele Klagen verschließen müssen; in der Tat wird seine Aufgabe zum Teil in der Unterdrückung unvernünftiger Einwände bestehen. Aber damit muß er, unvermeidlich, vernünftige Kritik unterdrücken. Eine andere Schwierigkeit der utopischen Sozialtechnik hängt mit dem Problem des Nachfolgers des Diktators zusammen. Gewisse Aspekte dieses Problems haben wir im 7. Kapitel erwähnt. Die Schwierigkeit, in die die utopische Sozialtechnik hier verwickelt wird, läßt sich mit den Problemen eines wohlwollenden Tyrannen vergleichen, der einen gleich wohlwollenden Nachfolger zu finden trachtet. Sie ist aber noch ernsthafter. Gerade der Umfang eines utopischen Unternehmens macht es unwahrscheinlich, daß sein Ziel während der Lebenszeit eines Sozialtechnikers oder einer Gruppe von Sozialtechnikern realisiert werden wird. Und wenn die Nachfolger nicht dasselbe Ideal anstreben, dann waren vielleicht alle Leiden vergeblich, die das Volk um des Ideals willen auf sich nahm.
Eine Verallgemeinerung dieses Arguments führt uns zu einer weiteren Kritik des Vorgehens der Utopisten. Die utopische Methode kann klarerweise nur dann von praktischem Wert sein, wenn wir annehmen, daß der ursprüngliche Entwurf, vielleicht mit gewissen Berichtigungen, bis zu seiner Vollendung die Grundlage der Arbeit bleibt. Aber die Arbeit wird einige Zeit in Anspruch nehmen. Diese Zeit wird voll sein von politischen und geistigen Revolutionen, neuen Experimenten und neuen Erfahrungen auf dem Gebiet der Politik. Es ist daher zu erwarten, daß sich die Ideen und die Ideale ändern werden. Was den Autoren des ursprünglichen Entwurfs als der ideale Staat vorschwebte, wird ihren Nachfolgern vielleicht nicht mehr im gleichen Lichte erscheinen. Aber damit bricht die ganze Methode zusammen: Eine Methode, nach der wir uns zuerst ein endgültiges politisches Ziel setzen und hierauf auf seine Verwirklichung hinarbeiten, wird wertlos, sobald wir zugeben, daß sich das Ziel im Verlauf seiner Verwirklichung beträchtlich ändern kann. (...)
Wir sehen nun, daß sich das Vorgehen der Utopisten nur durch den platonischen Glauben an ein absolutes und unveränderliches Ideal retten läßt, zusammen mit zwei weiteren Annahmen, nämlich (a) der Annahme, daß es rationale Methoden gibt, die uns ein für allemal festzustellen gestatten, wie dieses Ideal beschaffen ist, und (b) der Annahme, daß es rationale Methoden gibt, die uns die besten Mittel zu seiner Verwirklichung lehren. Nur derart weitreichende Annahmen könnten uns davon abhalten, die utopische Methodologie als völlig nutzlos zu verwerfen. Aber sogar Platon selbst und die glühendsten Platoniker werden zugeben, daß (a) sicher nicht zutrifft, daß es keine rationale Methode gibt, die uns lehrt, wie wir das endgültige Ziel auffinden können, sondern daß wir uns, wenn überhaupt, nur auf eine Art von Intuition verlassen können. Jede Meinungsverschiedenheit zwischen den utopischen Technikern muß daher in Ermangelung rationaler Methoden zum Gebrauch der Macht an Stelle der Vernunft, das heißt der Gewaltanwendung führen. (...)
Es ist vielleicht nützlich, wenn wir diese Kritik des Platonischen Idealismus in der Politik mit der Kritik vergleichen, die Marx an dem übt, was er "Utopismus" nennt. (...) Alles, was wir tun können, so behauptet er, ist die Geburtswehen der historischen Prozesse zu vermindern. Mit anderen Worten, er nimmt eine radikal historizistische Haltung ein und steht aller Sozialtechnik feindlich gegenüber. Aber es gibt ein Element des Utopismus, das für das Vorgehen Platons besonders charakteristisch ist und dem sich Marx nicht widersetzt, obgleich es unter den Elementen, die ich als unrealistisch angegriffen habe, vielleicht die wichtigste Rolle spielt. Ich meine die großen Perspektiven des Utopismus, sein Versuch, sich mit der Gesellschaft als Ganzes zu beschäftigen und keinen Stein auf dem anderen zu lassen; die Überzeugung, daß man bis zur Wurzel des sozialen Übels vordringen müsse. (...) Nicht einen aus alten Flecken zusammengesetzten Läufer will er, sondern einen großen, ganz neuen Teppich, eine wirklich schöne nagelneue Welt. Dieser Ästhetizismus ist eine sehr verständliche Haltung; in der Tat scheint fast jeder von uns ein wenig an derartigen Vervollkommnungsträumen zu leiden. (...) Aber diese ästhetische Begeisterung ist erst dann von Wert, wenn sie vom Verstand, von einem Gefühl der Verantwortlichkeit und von einem humanitären Drang, zu helfen, gezügelt wird. Sonst ist sie gefährlich und neigt dazu, sich zu einer Form von Neurose und Hysterie zu entwickeln. (...)
Der Ästhetizismus und der Radikalismus müssen uns dazu führen, die Vernunft über Bord zu werfen und durch eine verzweifelte Hoffnung auf politische Wunder zu ersetzen. Diese irrationale Einstellung, die sich an Träumen von einer schönen Welt berauscht, nenne ich Romantizismus. Der Romantizismus mag sein himmlisches Staatswesen in der Vergangenheit oder in der Zukunft suchen; er mag "Zurück zur Natur" predigen oder "Vorwärts zu einer Welt der Liebe und Schönheit"; aber er wendet sich immer an unsere Gefühle, und niemals an unsere Vernunft. Sogar mit der besten Absicht, den Himmel auf Erden einzurichten, vermag er diese Welt nur in eine Hölle zu verwandeln - eine jener Höllen, die Menschen für ihre Mitmenschen bereiten.
(Aus: Karl Popper: DER ZAUBER PLATONS, Bern 1957, S. 213 ff.)
ZUR INFORMATION:
KARL RAIMUND POPPER, geb. 1902 in Wien, gilt als bedeutendster Wissenschaftsphilosoph der Gegenwart. Mit seinem "kritischen Rationalismus" und als entschiedener Verfechter einer pluralistischen, demokratischen "offenen Gesellschaft" wurde Popper schon seit ca. 1930 zum konsequenten Gegner des Faschismus und aller marxistischen Utopisten und Revolutionsanhänger. Popper sieht den Totalitarismus und den Einparteienstaat - linker wie rechter Ausprägung - als schlimmste Deformierung des modernen Staates. Der in Wien geborene Sohn eines jüdischen Rechtsanwaltes emigrierte 1937 nach Neuseeland und wohnt seit 1945 in England. Dort erschien auch schon 1945 sein Hauptwerk: "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde". In ihm setzt er sich kritisch mit allen utopistischen und totalitären Denkern - vor allem: Platon, Hegel, Marx - auseinander und baut als konstruktives Gegenbild eine "Theorie der Demokratie" für das 20. Jh. auf. (Diese Theorie hat spätestens im Jahre 1989 ihre praktisch politische Gültigkeit in ihren entscheidenden Grundzügen eindrucksvoll bewiesen.) Allen weltverbessernden, radikalen Utopien setzt Popper seine Methode der "Stückwerk-Technik" ("Social engineering") - eine Methode der reformerischen, kleinen Schritte bei stetiger Überprüfung und eventuellen Korrektur von Theorien durch und in der Praxis - entgegen.
Wichtige Werke Karl Poppers:
- "Der Zauber Platons"
"Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", (Bd. 1) Francke Verlag Bern
- "Die offene Gesellschaft und ihre Feinde", (Bd. 2) Uni-Taschenbuchverlag, Stuttgart
- "Offene Gesellschaft, offenes Universum", Serie Piper, München
- "Auf der Suche nach einer besseren Welt", Piper Verlag, München
- "Ausgangspunkte" (Autobiographie), Hoffmann und Campe, Hamburg, 1974/79
- "Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie", Mohr Verlag, Tübingen
- "Das Elend des Historizismus", Mohr Verlag, Tübingen
- "Das Ich und sein Gehirn", Piper Verlag, München
- "Logik der Forschung", Mohr Verlag, Tübingen
- "Objektive Erkenntnis", Hoffmann und Campe, Hamburg
- "The Self and its Brain", Springer Verlag, Heidelberg
- "Die Zukunft ist offen", Serie Piper, München
- "Kritischer Rationalismus und Sozialdemokratie", Verlag Dietz, Berlin-Bonn, 1975
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Oktober 18
EVENT !
Das Streben nach "Glück" vermengt sich in der heutigen Zeit - gegen Ende des 20. Jahrhunderts - mit der vieldiskutierten Individualisierung der Lebensformen in der westlichen "offenen Gesellschaft" .
Der Bamberger Professor für empirische Sozialforschung, Gerhard Schulze, hat daraus eine neue Theorie der "Erlebnisgesellschaft" entwickelt:
Gerhard Schulze:
Die Erlebnisgesellschaft
(Kultursoziologie der Gegenwart), Campus Verlag,
Frankfurt/New York 1992 (765 S.)
Auszug aus der Rezension des Buches in der ZEIT Nr. 34/1992 vom 14. Aug. 1992 von Andreas Kuhlmann:
Seit Nietzsche lamentiert die Kulturkritik darüber, daß das bequeme Leben in der modernen Zivilisation zum Niedergang menschlicher Charaktere und zum Zerfall gesellschaftlicher Ordnung und Hierarchie führt. Da die Menschen sich nicht mehr gegen die Bedrohung durch Naturgewalten, durch menschliche Gewalttat oder durch täglichen Mangel behaupten müssen, scheinen sie zu verweichlichen. Im unübersichtlichen Pluralismus der Werte, im entfesselten Gewusel der Individuen droht die Freizügigkeit des Denkens und Handelns schrankenlos zu werden. Der Notwendigkeit enthoben, sich vor materieller Not und kriegerischer Aggression zu schützen, verfolgen die Menschen - wie Nietzsche verächtlich sagte - allein noch ihr mickriges individuelles "Glück". So kommt es zur Anarchie zwischen den einander gleichgestellten Menschen und zum Zerfall der verschiedenen Kräfte im einzelnen Menschen.
Im Anschluß an Nietzsche hat die deutsche Soziologie zu Beginn des Jahrhunderts, haben zumal Georg Simmel und Max Weber das Verhalten des modernen Menschen als eine unablässige Jagd nach "Erlebnissen" interpretiert. Den Begriff des "Erlebnisses" hat jetzt der Soziologe Gerhard Schulz aufgegriffen und zum Kern einer weit ausgreifenden Theorie neuer Gesellschaftsformen gemacht. Nicht mehr vom Kampf um die Verbesserung oder um den Erhalt des Lebensstandards und des sozialen Status wird die Lebensplanung der meisten Menschen vornehmlich bestimmt, sondern von der Suche nach subjektiver Befriedigung. Beruflicher Erfolg wird nicht mehr angestrebt, um das Überleben zu sichern oder um innerhalb einer objektiv vorgegebenen gesellschaftlichen Rangordnung zu reüssieren; beruflicher Erfolg macht nur dann noch Sinn, wenn damit die subjektiv empfundene Lebensqualität gefördert wird.
Da die meisten Menschen unserer Gesellschaft über mehr Mittel verfügen, als zum Existenzerhalt notwendig wäre, erleben sie ständig die Qual der Wahl. Konfrontiert mit einem unübersehbaren Angebot von Gütern und mit den verschiedensten Handlungsalternativen, stellt sich ihnen die schwierige Aufgabe der Orientierung. Genau an diesem Punkt unterscheidet sich Schulzes Darstellung der "Überflußgesellschaft" von allen kulturkritischen Szenarien: Nicht die Entlastung und die Bequemlichkeit, die der hohe Versorgungsstandard den Menschen beschert, macht er zum Ausgangspunkt seiner Überlegungen, sondern die Orientierungsleistungen, die ihnen abverlangt werden. Der Platz, den die Menschen im Laufe ihres Lebens in der Gesellschaft einnehmen werden, ist ihnen nicht mehr durch den Ort ihrer Herkunft vorgegeben. Weder ihr beruflicher Werdegang noch die Art ihrer sozialen Beziehungen, noch ihr Lebensstil werden durch die Verhältnisse, denen sie entstammen, vorprogrammiert. Nicht, daß die Ausgangsbedingungen keine Bedeutung hätten für die Entwicklung des einzelnen: Schulze betont immer wieder, welch hohen Einfluß die Bildungsqualifikationen für den persönlichen Werdegang haben. Doch Faktoren wie Bildung oder das Lebensalter wirken höchstens "disponierend", sie legen die Menschen nicht auf bestimmte Entscheidungen fest.
Die Lebensgestaltung wird immer mehr vom subjektiven Entwurf und immer weniger von der objektiv vorgegebenen Situation bestimmt. Nicht Knappheit und Bedrohung sind die vorrangigen Probleme, an denen sich das Verhalten ausrichtet - vielmehr ist es die Schwierigkeit, ein sinnvolles Leben zu führen. Denn je zahlreicher die Möglichkeiten werden, zwischen Konsumgütern, Lebensstilen, Berufsalternativen oder potentiellen Partnern zu wählen, desto dringlicher stellt sich die Frage: Was will ich eigentlich? Die regionale und soziale Herkunft legen den einzelnen nicht mehr auf bestimmte Entscheidungen fest: Immer mehr gezwungen, zwischen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen, wird er auf sein "Innenleben" verwiesen. Die Erlebnisorientierung der Menschen erklärt Schulze so mit dem objektiven Entscheidungsdruck, dem sie ausgesetzt sind. Erlebnisorientierung bedeutet, daß die Individuen unablässig bemüht sein müssen, herauszufinden, was zu ihnen paßt, was ihren subjektiven Vorlieben entspricht.
Die "Erlebnisrationalität", von der Schulz spricht, birgt jedoch ihre besonderen Risiken: Es ist außerordentlich schwer, die eigenen Wünsche genau zu bestimmen, zu erkennen, was man "wirklich" will. Und wenn man einen Wunsch identifiziert hat, dann besteht immer noch die Gefahr, daß das erhoffte Erlebnis nicht eintritt. Erlebnisse lassen sich nicht programmieren, und deshalb sind Enttäuschungen immer möglich. Genau dieses Risikopotential des subjektzentrierten Verhaltens nun führt zu einer neuen sozialen Konformität: Sie wird nicht von der objektiven Lebenssituation der Menschen erzwungen, sondern von der Unmöglichkeit, sich ohne verhaltensstabilisierende Muster auf dem Markt der Möglichkeiten zu orientieren. Schulzes subtile und listige Argumentation zeigt, daß gerade die vieldiskutierte "Individualisierung" der Lebensformen zu neuer sozialer Angleichung führt. Wegen der Unsicherheit und des Enttäuschungsrisikos individueller Glückssuche folgen die Menschen gruppenspezifischen Verhaltensweisen. Und diese Verhaltensmuster werden wiederum von den Anbietern auf einem florierenden "Erlebnismarkt" nach Kräften stimuliert.
Alter, Bildung und Lebensstil sind die Kriterien, nach denen sich die nicht mehr primär situations-, sondern subjektbestimmte Gruppenbildung vollzieht. Denn diese drei Kennzeichen signalisieren dem einzelnen, ob die Lebensform des anderen mit der eigenen Erlebnisweise harmoniert. So bilden sich relativ homogene soziale Milieus, die sich nach Bildungsgrad, Generationszugehörigkeit, fundamentaler Sinnorientierung und Lebensstil unterscheiden lassen. Diese Milieus liefern den Individuen den erwünschten Halt, da sie ihre Erlebnisweisen einander angleichen und stabilisieren. Die "Erlebnisgesellschaft" entpuppt sich nicht als großes Kuddelmuddel versprengter Individualitäten, sondern als Gefüge kaum mehr miteinander konkurrierender, sondern weitgehend auf das eigene milieuspezifische "Erleben" konzentrierter Großgruppen.
Gerhard Schulze liefert zum einen eine ausgefeilte Theorie der Gesellschaftsbildung unter den Bedingungen fortgeschrittener Individualisierung. Zum anderen bietet er eine reichhaltige, glänzend formulierte Milieubeschreibung der bundesrepublikanischen Gesellschaft der achtziger Jahre, die auf empirische Untersuchungen zurückgeht. Er unterscheidet zwischen dem Niveaumilieu, dem Integrationsmilieu, dem Harmoniemilieu, dem Selbstverwirklichungsmilieu und dem Unterhaltungsmilieu. Aus der Perspektive des "Niveaumilieus" erscheint die Gesellschaft vornehmlich als hierarchische Ordnung, und jeder einzelne versucht, darin einen möglichst hohen Rang einzunehmen. Das "Integrationsmilieu" nimmt vor allem die gesellschaftlichen Konformitätserwartungen in den Blick, und seine Mitglieder sind bemüht, sich angepaßt zu verhalten. Das "Harmoniemilieu" erlebt die soziale Wirklichkeit als Existenzbedrohung und reagiert darauf mit der Suche nach Geborgenheit. Den Mitgliedern des "Selbstverwirklichungsmilieus" wird der "innere Kern" der eigenen Person zum Nabel der Welt, dessen Hege und Pflege als höchster Wert erscheint. Das "Unterhaltungsmilieu" orientiert sich an den momentanen Bedürfnissen und strebt nach immer neuer Stimulation.
(...)
(DIE ZEIT, Nr. 34/1992)
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ARBEIT !
Tommaso Campanella: Der Sonnenstaat (Ein poetischer Dialog) (1632)
Nun erzähle mir bitte von der Arbeit im Sonnenstaat.
Seemann: Ich glaube, ich habe dir schon mitgeteilt, daß die militärischen Dienstleistungen und die für Ackerbau und Viehzucht erforderlichen Arbeiten von ihnen gemeinsam ausgeführt werden. Jeder muß nämlich diese Arbeiten, die allgemein als die vornehmsten gelten, kennen. Wer sich daher in mehreren Berufen auskennt, ist angesehener als die anderen, und wer in einem Beruf besonders tüchtig ist, wird zum Lehrer in dem betreffenden Fach bestimmt. Die mühsamsten Arbeiten stehen bei ihnen in besonders hoher Achtung, wie etwa das Schmiede- und Maurerhandwerk. Keiner verschmäht es, eine solche Tätigkeit auszuüben, weil seine beruflichen Neigungen schon von Kindheit an gefördert worden sind. Überdies werden die Arbeiten so klug und gerecht verteilt, daß die Gesundheit darunter in keiner Weise leidet, sondern im Gegenteil noch gestärkt wird. Die weniger anstrengenden Arbeiten werden von den Frauen verrichtet. Alle Bürger des Sonnenstaates müssen schwimmen können. Darum sind in der Stadt und jenseits der Stadtmauern Teiche neben den Brunnen angelegt. Der Handel bringt ihnen zwar nur geringen Nutzen, doch kennen sie den Wert des Geldes und prägen selbst Münzen, damit ihre Gesandten und Kundschafter das, was sie zum Leben brauchen, mit Geld beschaffen können. Aus allen Weltgegenden kommen Kaufleute nach der Sonnenstadt, um ihren Bewohnern die überflüssigen Güter abzukaufen. Diese weigern sich, Geld dafür anzunehmen, und nehmen statt dessen im Austausch solche Waren an, an denen sie Mangel haben, oder kaufen sie auch oft mit Geld. Die Kinder der Sonnenstadt lachen aus vollem Halse, wenn sie sehen, was für ein Haufen Sachen für eine Handvoll Münzen hergegeben wird. Aber die Alten lachen nicht. Sie wollen nicht, daß ihr Staat durch die schlechten Sitten von Sklaven und Fremden verdorben wird. Daher schließen sie ihre Handelsgeschäfte draußen in den Häfen ab. Dort verkaufen sie auch die Kriegsgefangenen, wofern sie sie nicht zu Erdarbeiten und anderen schweren Arbeiten außerhalb der Stadt verwenden. (...)
Im Sonnenstaat ist alles im Überfluß vorhanden, denn jeder will in seiner Arbeit, die leicht und einträglich ist, der erste sein; jedermann ist gelehrig, und wer bei einer solchen Tätigkeit den anderen an Wissen und Können voraus ist, wird "König" (rex) genannt. Dieser Titel, behaupten sie nämlich, gebührt nur dem Kundigen und Wissenden, nicht aber dem Unwissenden. Es ist ein erhebender Anblick wie die Frauen und Männer, truppweise eingeteilt, an die Arbeit gehen, ohne jemals die Gebote ihres "Königs" zu übertreten oder jemals die Lust am Arbeiten und Gehorchen zu verlieren, wie dies bei uns der Fall wäre. (...)
ZUR INFORMATION:
Tommaso Campanella (1568 - 1639), Dominikanermönch aus Kalabrien. Anhänger ketzerischer Ideen, die ihn mit der Inquisition in Konflikt brachten. 1599 rief er zum Kampf gegen die spanische Fremdherrschaft in Kalabrien auf. Der Aufstand wurde verraten, Campanella gefangen, gefoltert und für 25 Jahre eingekerkert. Im Gefängnis schrieb er "Citta del sole" = DER SONNENSTAAT, 1632 in Frankfurt a.M. zuerst erschienen.
Campanella starb, nach seiner Freilassung, 1639 im Exil in Frankreich.
G.W.F. Hegel (Über Arbeit) (1818)
Die Arbeitszeit wird um so absolut toter, (...) die Geschicklichkeit des einzelnen um so unendlich beschränkter, und das Bewußtsein der Fabrikarbeiter wird zur letzten Stumpfheit herabgesetzt; und der Zusammenhang der einzelnen Art von Arbeit mit der ganzen unendlichen Masse der Bedürfnisse wird ganz unübersehbar und eine blinde Abhängigkeit, so daß eine entfernte Operation oft die Arbeit einer ganzen Klasse von Menschen, die ihre Bedürfnisse damit befriedigte, plötzlich hemmt, überflüssig und unbrauchbar macht.
(in: Hegel, Jenenser Realphilosophie, I, S. 239)
ZUR INFORMATION:
Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 - 1831), Philosoph in Jena, Heidelberg und seit 1818 in Berlin. Hegels System besteht aus den drei Teilen: Logik, der Naturphilosophie und der Philosophie des Geistes. Hegel entwickelt das Prinzip der dialektischen Entwicklung als einer aus dem Widerspruch resultierenden Bewegung. Der Staat ist die höchste, weil allgemeinste Form des "objektiven Geistes" der Menschen. Der Staat ist daher für Hegel "der erscheinende Gott". Diese starre Staatstheorie wurde besonders vom preußischen Staat vereinnahmt und später in totalitären Systemen mißbraucht.
Karl Marx schulte sein dialektisches Denken an Hegels Philosophie und stellte diese - seiner Meinung nach - "vom Kopf auf die Füße": Nach Marx bestimmt die Basis den Überbau, d.h. die Alltags-, Produktions- und Besitzverhältnisse bestimmen Denken, Geist, Moral, Ethik, Recht, Religion oder Staatsauffassung der Menschen.
Hauptwerke Hegels: "Phänomenologie des Geistes" (1807), "Logik" (1812-16), "Enzyklopädie der Wissenschaften" (1817), "Rechtsphilosophie" (1821).
Karl Marx (Kritik an Hegel)
Hegel steht auf dem Standpunkt der modernen Nationalökonomie. Er faßt die Arbeit als das Wesen, als das sich bewährende Wesen des Menschen; er sieht nur die positive Seite der Arbeit, nicht ihre negative (...). Die Arbeit, welche Hegel allein kennt und anerkennt, ist die abstrakte geistige (...). Das menschliche Wesen, der Mensch gilt für Hegel = Selbstbewußtsein. Alle Entfremdung des menschlichen Wesens ist daher nichts als Entfremdung des Selbstbewußtseins. Die Entfremdung des Selbstbewußtseins gilt nicht als Ausdruck, im Wissen und Denken sich abspiegelnder Ausdruck der wirklichen Entfremdung des menschlichen Wesens.
(in: Marx, Nationalökonomie und Philosophie, Frühschriften S. 269 u. 271)
Karl Marx: Die Aufhebung der Entfremdung (durch Arbeit) in der kommunistischen Gesellschaft
In einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, nachdem die knechtende Unterordnung der Individuen unter die Teilung der Arbeit, damit auch der Gegensatz geistiger und körperlicher Arbeit verschwunden ist; nachdem die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbedürfnis geworden; nachdem mit der allseitigen Entwicklung der Individuen auch die Produktionskräfte gewachsen sind und alle Springquellen des gesellschaftlichen Reichtums voller fließen - erst dann kann der enge bürgerliche Rechtshorizont ganz überschritten werden und die Gesellschaft auf ihre Fahnen schreiben: Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen.
(Karl Marx, Kritik des Gothaer Programms, 1. Abschnitt, 1875)
Sowie die Arbeit verteilt zu werden anfängt, hat jeder einen bestimmten ausschließlichen Kreis der Tätigkeit, der ihm aufgedrängt wird, aus dem er nicht heraus kann; er ist Jäger, Fischer oder Hirt oder kritischer Kritiker und muß es bleiben, wenn er nicht die Mittel zum Leben verlieren will - während in der kommunistischen Gesellschaft, wo jeder nicht einen ausschließlichen Teil der Tätigkeit hat, sondern sich in jedem beliebigen Zweige ausbilden kann, die Gesellschaft die allgemeine Produktion regelt und mir eben dadurch möglich macht, heute dies, morgen jenes zu tun, morgens zu jagen, nachmittags zu fischen, abends Viehzucht zu treiben, auch das Essen zu kritisieren, ohne je Jäger, Fischer oder Hirt oder Kritiker zu werden, wie ich gerade Lust habe. Das Sichfestsetzen der sozialen Tätigkeit, diese Konsolidation unseres eigenen Produktes zu einer sachlichen Gewalt über uns, die unserer Kontrolle entwächst, unsere Erwartungen durchkreuzt, unsere Berechnungen zunichte macht, ist eines der Hauptmomente in der bisherigen geschichtlichen Entwicklung.
(Karl Marx, "Die deutsche Ideologie", Frühschriften, S. 361)
Karl Marx: Die Aufhebung der Entfremdung im Kommunismus
Der Kommunismus als positive Aufhebung des Privateigentums als menschlicher Selbstentfremdung und darum als wirkliche Aneignung des menschlichen Wesens durch und für den Menschen! darum als vollständige, bewußt und innerhalb des ganzen Reichtums der bisherigen Entwicklung gewordne Rückkehr des Menschen für sich als eines gesellschaftlichen, d.h. menschlichen Menschen. Dieser Kommunismus ist als vollendeter Naturalismus = Humanismus, als vollendeter Humanismus = Naturalismus, er ist die wahrhafte Auflösung des Widerstreites zwischen dem Menschen mit der Natur und mit dem Menschen, die wahre Auflösung des Streits zwischen Existenz und Wesen, zwischen Vergegenständlichung und Selbstbestätigung, zwischen Freiheit und Notwendigkeit, zwischen Individuum und Gattung. Er ist das aufgelöste Rätsel der Geschichte und weiß sich als diese Lösung. (...)
Religion, Familie, Staat, Recht, Moral, Wissenschaft, Kunst etc. sind nur besondre Weisen der Produktion und fallen unter ihr allgemeines Gesetz. Die positive Aufhebung des Privateigentums, als die Aneignung des menschlichen Lebens, ist daher die positive Aufhebung aller Entfremdung, also die Rückkehr des Menschen aus Religion, Familie, Staat etc. in sein menschliches, d.h. gesellschaftliches Dasein. (...)
(Karl Marx, Ökonomisch-philosophische Manuskripte, 1844, MEW 1, S. 536-538)
ZUR INFORMATION:
Karl Marx (1818 - 1883), geb. in Trier. Studium der Philosophie in Bonn und Berlin. 1841 Chefredakteur der "Rheinischen Zeitung". 1843 Übersiedlung nach Paris. 1845 Ausweisung nach Brüssel. 1848/49 "Kommunistisches Manifest", gemeinsam mit Friedrich Engels. 1849 Marx in London. 1850 Aktionsprogramm des "Kommunistenbundes". 1859 "Zur Kritik der politischen Ökonomie". 1864 Stiftung der "Internationalen Arbeiter-Assoziation" (1. Internationale). 1867 "Das Kapital", 1. Bd. 1871 "Der Bürgerkrieg in Frankreich" (über den Kommuneaufstand). 1875 "Kritik des Gothaer Programms" (der SPD).
Etienne Cabet (1788 - 1856): Die ikarische Republik (1839)
Diese Grundsätze finden sich in Anwendung bei der Organisation der Arbeit.
Die Republik oder die freie Gemeinde bestimmt jährlich alle diejenigen Gegenstände, die hervorgebracht werden müssen, um als Nahrung, Wohnung, Kleidung des Volkes, das heißt der Nation oder, aller, zu dienen. Der Staat allein ist berechtigt, in seinen Nationalwerkstätten, Nationalfabriken, Nationalmanufakturen (da nämlich nichts privat gemacht wird) seine Arbeiter zu beschäftigen. Der Staat wählt überall die besten Plätze aus, gibt die besten Grundrisse und die besten Materialien zum Aufbau dieser Werkhäuser oder vielmehr Werkpaläste, er allein weiß jedesmal diejenigen Gewerke zu verknüpfen, welche getrennt nicht gut bestehen können. Da er, der Herr über alles, auch keine Ausgabe scheut, so sind seine Unternehmungen mit dem glänzendsten Erfolge gekrönt. Er vermag es, jeden Zweig bis ins Kleinste zu vervollkommnen, die besten Vorschläge nach langem, reiflichstem Prüfen anzunehmen, und alle übrigen abzuweisen. Er macht sofort die guten Neuerungen bekannt und führt sie ein. Er bildet in Werkschulen seine Arbeiter, er übt sie theoretisch wie praktisch, er bezahlt sie (nicht in Geld, welches bekanntlich bei den Ikariern nicht vorhanden ist, sondern) in Naturalien. Er endlich ist der Generalhaushalter und Hausmeister im Reiche, denn er sammelt die Produkte in seinen Magazinen und teilt sie von dort an die Arbeitenden, seine Söhne und Töchter aus. Dieser Staat ist die Nation selbst, durch das Komitee der Industrie dargestellt. Man muß schon jetzt die ungeheuren Vorzüge dieses Organismus einsehen, welche Ersparnis an Zeit, Mühe, Kraft, welche Tüchtigkeit sich dadurch gewinnen läßt, ist wahrhaft bewundernswert. Jeder Ikarier und jede Ikarierin übt irgend eine Hausbeschäftigung oder Kunstfertigkeit oder Profession aus, die vom Gesetzbuch bestimmt ist.
Die jungen Männer beginnen das Arbeiten mit dem achtzehnten, die jungen Mädchen mit dem siebzehnten Jahre. Früher kann man sie nicht dazu nehmen, da sie ihren Körper ausbilden, ihre Erziehung abmachen müssen. Im fünfundsechzigsten hört der Greis auf, im fünfzigsten die Frau, wenn sie es wünschen, doch ist die Arbeit so erleichtert, daß nur wenige Personen jenes Alters sich zurückziehen, fast ohne Ausnahme fahren sie fort, ein Geschäft noch weiter zu betreiben. Krankheit macht natürlich arbeitsfrei, in schweren Fällen wird aber, um allem Mißbrauch vorzubeugen, erheischt, daß der Patient sich in den öffentlichen Krankenpalast, das sogenannte Hospital, führen lasse. Jeder Arbeitende kann übrigens in besonderen gesetzlich bestimmten Umständen, und unter Bewilligung seiner Mitarbeitenden, einen Urlaub erhalten.
Die ikarische Arbeit ist leicht, angenehm, die Verordnungen haben stets den Zweck vor Augen, niemals ist ein so gerechter milder Arbeitsmeister in der Welt gesehen worden, als der ikarische Staat ist. Maschinen sind hier ins Endlose vervielfacht und sehr nahe der Vollkommenheit gebracht. (...)
(in: E. Cabet, Reise nach Ikarien, Leipzig 1847)
ZUR INFORMATION:
Etienne Cabets (1788 - 1856) "Voyage en Icarie" erschien 1839 getarnt als Reisebericht. Im Vorwort zur 2. Auflage schreibt Cabet: Es ist ein Roman, dieses Buch; aber zugleich handelt er über Ernstes: über Politik, Staatshaushalt, Sitten, Gesetze, Ehe, Philosophie und Moral. Wir haben lange und viele ausgedehnte und tiefe Studien zu machen für nötig befunden, um ihn zu verfassen. Es fällt uns wahrlich nicht im geringsten ein, wir hätten nicht einen Irrtum in diesem Werk begangen. Solche lächerliche Anmaßlichkeit ist uns fremd." Cabet entwickelt das Konzept eines "ikarischen Kommunismus" als einen friedlichen Weg zur Klassenversöhnung. Enttäuscht von den Revolutionen im Jahre 1848 in Europa, wanderte Cabet mit Anhängern nach Amerika aus, scheiterte aber auch dort mit seinem Modell einer "ikarischen Republik" als eigener Kolonie. Marx und Engels lehnten Cabets Gedanken als zu "versöhnlerisch" ab. Sie setzten auf den gewaltsamen Klassenkampf durch Revolutionen.
B.F. Skinner: Futurum zwei (Walden Two) (1948)
Castle hielt dem ungeduldig entgegen: "Warum dann aber auf allgemeiner körperlicher Arbeit bestehen?"
"Einfach weil Köpfe und Fäuste nie ausschließlich Köpfe und Fäuste sind. Keiner von uns besteht nur aus Gehirn oder Muskeln, und dem muß unser Leben angepaßt werden. Es ist fatal, das Element zu vergessen, das in der Minderheit ist. Fatal, die Fäuste so zu behandeln, als gäbe es keine Köpfe, und wohl noch fataler, die Köpfe so zu behandeln, als gäbe es keine Fäuste. Eine oder zwei Stunden körperlicher Arbeit täglich ist eine Maßnahme der Gesundheit. Die Menschen haben immer durch ihre Muskeln gelebt, das wird an ihrer Physis deutlich. Wir dürfen unsere dicken Muskeln nicht überhandnehmen lassen, nur weil wir Mittel und Wege gefunden haben, die dünnen zu gebrauchen. Man befrage jeden beliebigen Arzt nach den Krankheiten der Unbeschäftigten. Gewisser kultureller Vorurteile zuliebe kann der Arzt nicht viel anderes als Golfspielen oder Reiten oder Holzhacken verordnen, vorausgesetzt, daß der Patient kein Brennholz braucht. Was der Arzt aber eigentlich lieber sagen würde, wäre: "Tun Sie körperliche Arbeit!"
"Es gibt aber", fuhr Frazier fort, "noch einen stichhaltigeren Grund, weshalb die Gehirne die Muskeln nicht vernachlässigen dürfen. Heutzutage ist es der gescheite Mensch mit den kleinen Muskeln, der sich in den Positionen der Regierenden findet. In Futurum Zwei entwirft er die Pläne, beschafft Materialien, stellt Regeln auf, bewertet Tendenzen, leitet Experimente. Bei Arbeiten dieser Art muß der Leiter ein Auge auf die Geleiteten haben, muß deren Bedürfnisse kennen, ihr Los teilen. Darum müssen unsere Planer und Manager und Wissenschaftler einige ihrer Arbeitswerte in niederer Arbeit ableisten. Darin liegt unsere verfassungsmäßige Garantie dafür, daß die Probleme derer mit den dicken Muskeln nicht vergessen werden."
Wir schwiegen. Unsere Spiegelbilder in den Fensterscheiben mischten sich mit den letzten Spuren des Tageslichts am Himmel. Castle begann von neuem: "Aber vier Stunden am Tag! Das kann ich nicht ernst nehmen. Man denke doch an die Kämpfe, die es kostete, zu einer Vierzigstundenwoche zu gelangen. Was würden unsere Industriellen für Ihr Rezept geben! Oder unsere Politiker! Mr. Frazier, wir alle sind gezwungen, die Lebensführung, die Sie uns da vorführen, zu bewundern, aber irgendwie ist mir doch zumute, als zauberten Sie uns da eine liebliche Jungfrau vor, die in der Luft schwebt. Sogar durch einen Reifen lassen Sie sie schweben, um Ihre Zauberkunst zu demonstrieren. Und wenn wir nun darauf bestehen, den Trick verraten zu bekommen, erfahren wir, daß die Jungfrau an einem dünnen Draht hängt. Die Erklärung ist ebenso schwer zu akzeptieren wie die Illusion. Wo ist der Beweis?"
"Wie, einen Beweis für eine vollendete Tatsache? Das wäre absurd! Aber vielleicht stellt es Sie zufrieden, wenn ich Ihnen verrate, woher wir wußten, wie es gemacht wurd, noch ehe wir es versuchten."
"Das wäre schon was", sagte Castle trocken.
"Schön. Nehmen wir mal eine übliche Siebentagewoche von acht Arbeitsstunden pro Tag. (Die Vierzigstundenwoche ist nicht in alle Lebensbereiche eingedrungen; jeder Bauer würde sie Ferien nennen.) Das sind fast 3000 Stunden im Jahr. Unser Bestreben war es, diese auf die Hälfte zu reduzieren. Tatsächlich haben wir noch mehr erreicht. Aber wieso konnten wir uns sicher fühlen, die 3000 zu halbieren? Würde Ihnen eine Antwort darauf genügen?"
"Ich wäre gespannt", sagte Castle.
"Sehr gut", fuhr Frazier rasch fort, als hätte Castles Bemerkung ihn angestachelt. "Zunächst haben wir die simple Tatsache, daß vier mehr ist als die Hälfte von acht. Wir arbeiten rascher und geschickter in den ersten Arbeitsstunden. Das Ergebnis eines Vierstundentages ist enorm, vorausgesetzt, der Rest der Zeit wird nicht zu anstrengend zugebracht. Nehmen wir eine vorsichtige Schätzung, um Aufgaben mit zu berücksichtigen, die nicht in Eile gemacht werden können, und sagen wir, daß unsere vier Stunden den fünfen der üblichen acht entsprechen. Einverstanden?"
"Meinetwegen", sagte Castle, "aber von den acht sind Sie noch weit entfernt."
Frazier setzte ein zufriedenes Lächeln auf, das verriet, daß auch die versprochenen acht in kurzer Frist da wären. "Zweitens haben wir die zusätzliche Anregung, die sich einstellt, wenn ein Mensch für sich selber arbeitet anstatt für einen profitgierigen Boß. Das ist ein Ansporn mit gewaltigem Effekt. Leerlauf wird vermieden, die Leistung steigt, vorsätzliche Verlangsamung kommt nicht vor. Sollen wir sagen, daß vier Stunden in eigener Sache so viel wie sechs für den Arbeitgeber wiegen?"
"Und ich hoffe", warf ich ein, "Sie wollen darlegen, daß die vier nicht härter sind als die sechs. Das Herumlungern macht ein Arbeit nicht leichter, und Langeweile ist anstrengender als Schufterei. Was ist aber mit den übrigen zwei?"
"Lassen Sie mich daran erinnern, daß nicht alle arbeitsfähigen Amerikaner beschäftigt sind. Wir vergleichen den Achtstundentag Einiger mit dem Vierstundentag Aller. In Futurum Zwei haben wir keine Müßiggängerschicht, keine vorzeitig Gealterten oder Behinderten, keine Betrunkenen, keine Kriminellen, viel weniger Kranke. Bei uns ist keiner wegen schlechter Planung unbeschäftigt. Keiner wird dafür bezahlt, daß er, um eine Norm innezuhalten, müßig dasitzt. Unsere Kinder arbeiten in frühem Alter - wenig, aber fröhlich. Was meinen Sie, Mr. Castle, darf ich eine weitere Stunde zu meinen sechs hinzulegen?"
"Ich fürchte, ich muß Ihnen mehr als diese bewilligen", erwiderte Castle unerwartet gutmütig.
"Seien Sie vorsichtig", sagte Frazier angenehm berührt, "und sagen wir, wenn jeder potentielle Arbeiter vier Stunden für sich selber einsetzt, so haben wir den Gegenwert von etwa zwei dritteln aller erreichbaren Arbeiter, die sieben von acht Stunden für jemand andern arbeiten. Was ist aber nun mit denen, die sich tatsächlich in Arbeit befinden? Arbeiten sie zu bestem Nutzen? Sind sie sorgfältig für ihre Arbeit ausgesucht worden? Machen sie das Beste aus den arbeitssparenden Maschinen und Methoden? Wie viel Prozent der Farmen in Amerika sind so mechanisiert wie wir hier? Begrüßen die Arbeiter die Maschinen und Methoden und handhaben sie sie richtig? Wie viele gute Arbeiter sind frei, auf einem produktiveren Niveau eingesetzt zu werden? Wieviel Ausbildung bekommen die Arbeiter, um so leistungsfähig wie möglich zu werden?"
"Ich kann Ihnen nicht viel Kredit für besseren Gebrauch der Arbeitskraft einräumen", sagte Castle, "wenn Sie Ihren Mitgliedern freie Berufswahl gewähren."
"Sie haben recht, das ist eine Extravaganz", versetzte Frazier. "In der nächsten Generation werden wir das besser machen, dafür wird unser Erziehungssystem sorgen. Einverstanden. Kein Punkt für Verschwendung infolge falsch eingesetzter Talente." Er schwieg einen Augenblick, als überlege er, ob er dieses Zugeständnis machen dürfe. (...)
(B.F. Skinner: Futurum Zwei - Walden Two - 1948, S. 58-60)
ZUR INFORMATION:
Burrhus Frederic Skinner, geb. 1904, amerikanischer Verhaltensforscher. Seit 1948 Professor an der Harvard University, wo er die wissenschaftlichen Grundlagen des lerntheoretisch orientierten Behaviorismus entwickelte. Skinner leitete von seinen Theorien Konsequenzen für die menschliche Gesellschaft ab. Diese stellte er in seinem utopischen Roman "Futurum Zwei" (1948) und seinem Werk "Jenseits von Freiheit und Würde" (1971) dar.
Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland (1949): Die Grundrechte
Artikel 1
(1) Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.
(2) Das deutsche Volk bekennt sich darum zu unverletzlichen und unveräußerlichen Menschenrechten als Grundlage jeder menschlichen Gemeinschaft, des Friedens und der Gerechtigkeit in der Welt.
(3) Die nachfolgenden Grundrechte binden Gesetzgebung, vollziehende Gewalt und Rechtsprechung als unmittelbar geltendes Recht.
Artikel 2
(1) Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.
(2) Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit. Die Freiheit der Person ist unverletzlich. In diese Rechte darf nur auf Grund eines Gesetzes eingegriffen werden.
Artikel 3
(1) Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich.
(2) Männer und Frauen sind gleichberechtigt.
(3) Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.
Artikel 11
(1) Alle Deutschen genießen Freizügigkeit im ganzen Bundesgebiet.
(2) ...
Artikel 12
(1) Alle Deutschen haben das Recht, Beruf, Arbeitsplatz und Ausbildungsstätte frei zu wählen. Die Berufsausbildung kann durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes geregelt werden.
(2) Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.
(3) Zwangsarbeit ist nur bei einer gerichtlich angeordneten Freiheitsentziehung zulässig.
September 2018
Themen der afrikanischen
Philosophie
Mehr oder weniger alle Themen der
afrikanischen Philosophie sind von einem
Faktor beeinflußt, den ich den kolonialen Faktor nennen möchte. Zuerst
ist festzuhalten, daß afrikanische Philosophie - ausgenommen eventuell bisher
nicht stichhaltig nachgewiesene vorkoloniale Philosophien - komplett als
Reaktion auf und in Auseinandersetzung
mit dem Kolonialismus entstand und wirkte. Der
Kulturkontakt zwischen sogenannten Mutterländern und den Kolonien war j
a eben kein eigentlicher
Kulturaustausch, sondern erzwungene Anpassung an den Stärkeren und auch Kulturzerstörung. Hier
müssen ideologische Momente berücksichtigt werden - in dem Sinne, daß es um
Interessen bestimmter sozialer Gruppen
geht, die aber oft als die Interessen einer Gesamtheit ausgegeben werden. Das gilt auch dann, wenn sich einzelne
Schulen (Hermeneutik in Kinshasa,
Ethnophilosophie bei Kagamé) betont unpolitisch geben. Besondere
Beachtung verdient dabei das Phänomen,
daß sich nicht selten traditionalistische Eliten afrikanischer Länder und
Protagonisten des Kolonialismus (später auch verschiedener Varianten des Neokolonialismus)
ideologisch ergänzten. Assimilation und Einpassung fanden auf Gebieten statt,
die nicht sofort ersichtlich sind, gelegentlich
sogar als Kampfansage an europäische Zivilisation und Politik
mißgedeutet wurden, wie es selbst mit der Bantu-Philosophie des Placide Tempels
geschah oder mit einzelnen Varianten der
Négritude.
Diese im Zusammenhang mit dem Kolonialismus
stehende Form des Kulturkontaktes
führte aber auch zu sehr spezifischen Formen der Konservierung von Traditionellem. Bewahrt wurden nicht selten
vor allem jene Elemente „afrikanischen
Denkens“, die als Pendant zu den fremden Werten der Konsum- und Industriegesellschaft ins Spiel gebracht
werden konnten. Auf jeden Fall kam es zur Auswahl und zu neuen Schwerpunktsetzungen, so daß diese
konservieıten Ansichten nicht identisch
mit den tatsächlich vorkolonialen Denkmodellen sein müssen.
Schließlich entwickelte sich besonders in den
50er Jahren als Form der Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus die Form der Kampfschriften als
Mischform soziologischer,
philosophischer, literarisch-künstlerischer und politischer Texte. Dieser sich damit herausbildende neue
Stil könnte, würden die realgeschichtlichen Hintergründe nicht beachtet Werden, als blanke Polemik
mißverstanden werden (Césaire, Fanon,
Nkrumah nach 1966). Die Tatsache, daß diese
Autoren oft auch den Traditionalismus ablehnten, führte außerdem dazu,
daß ihre Ideen (besonders in Europa) als
nichtafrikanisch abgelehnt wurden, Die
zeitweilige Dominanz dieser Pamphlete - aus der bedrückenden Situation der Kolonien heraus verständlich - führte aber auch zu einer periodisch wiederkehrenden Überbewertung des
kolonialen Faktors bei der Beschäftigung mit der Geistesgeschichte Afrikas.
Tendenzen des Tradtionsnihilismus wurden deutlich, die wiederum die Traditionalisten auf den
Plan riefen. Für das Verständnis afrikanischer Philosophie scheint wichtig, den
hier entstandenen spezifischen Stil ernst
zu nehmen, nicht etwa von vornherein als nichtphilosophisch zu denunzieren. …
( Gerd-Rüdiger Hoffmann. Cornelsen. Bd 29, Philosophie)


RUDOLF CARNAP
Metaphysische Scheinsätze
Wir wollen nun einige Beispiele metaphysischer Scheinsätze aufzeigen, an denen sich besonders deutlich erkennen läßt, dass die logische Syntax verletzt ist, obwohl die historisch-grammatische Syntax erfüllt ist. Wir wählen einige Sätze aus derjenigen metaphysischen Lehre, die gegenwärtig in Deutschland den stärksten Einfluss ausübt. [Die folgenden Zitate (Sperrungen im Original, sind entnommen aus: Martin Heidegger, Was ist Metaphysik?, Bonn, 1929 (S. 10, 12-13, 17, 19. Fünfte Auflage, Frankfurt a. M., 1949; S. 24, 26-27, 29-31. Im Gegensatz zur ersten Auflage, in der fünften erscheint diese Stelle ohne Sperrungen, und die Worte „das Seiende nur” lauten „nur das Seiende” ) Wir hätten ebensogut Stellen aus irgendeinem anderen der zahlreichen Metaphysiker der Gegenwart oder der Vergangenheit entnehmen können; doch scheinen uns die ausgewählten Stellen unsere Auffassung besonders deutlich zu illustrieren. „Erforscht werden soll das Seiende nur und sonst - nichts; das Seiende allein und weiter - nichts; das Seiende einzig und darüber hinaus - nichts. Wie steht es um dieses Nichts?. .. Gibt es das Nichts nur, weil es das Nicht, d. h. die Verneinung gibt? Oder liegt es umgekehrt? Gibt es die Verneinung und das Nicht nur, weil es das Nichts gibt?. .. Wir behaupten: das Nichts ist ursprünglicher als das Nicht und die Vemeinung. .. Wo suchen wir das Nichts? Wie finden wir das Nichts?...wir kennen das Níchts,... Die Angst oflenbart
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Wir können einen metaphysischen Satz als einen Satz definieren, der vorgibt, eine echte Proposition auszudrücken, in Wirklichkeit aber weder eine Tautologie noch eine empirische Hypothese ausdrückt. Da aber Tautologien und empirische Hypothesen die vollständige Klasse bedeutsamer Propositionen bilden, ist unsere Schlussfolgerung gerechtfertigt, dass alle metaphysischen Behauptungen unsinnig seien.
Alfred Jules Ayer
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Das metaphysische Bewusstsein hat keine anderen Gegenstände als die alltägliche Erfahrung: diese Welt, die anderen, die Geschichte der Menschheit, die Kultur. Aber statt sie als etwas hinzunehmen, das keiner Frage mehr bedarf, wie Konsequenzen ohne Prämissen und als wenn sie sich von selbst verstünden, entdeckt es ihre fundamentale Befremdlichkeit für mich und das Wunder ihrer Erscheinung wieder.
Maurice Merleau-Ponty
Die Sätze I sind sowohl grammatisch wie logisch einwandfrei, also sinnvoll. Die Sätze unter II (mit Ausnahme von B 3) stehen grammatisch in vollkommener Analogie zu denen unter I. Die Satzform ll A (als Frage und Antwort.) entspricht zwar nicht den Forderungen, die an eine logisch korrekte Sprache zu stellen sind. Sie ist aber trotzdem sinnvoll, da sie sich in korrekte Sprache übersetzen läßt; das zeigt der Satz III A, der denselben Sinn wie II A hat. Die Unzweckrnäßigkeit der Satzform ll A zeigt sich dann darin, dass wir von ihr aus durch grammatisch einwandfreie Operationen zu den sinnlosen Satzformen II B gelangen können, die dem obigen Zitat entnommen sind. Diese Formen lassen sich in der korrekten Sprache der Kolonne III überhaupt nicht bilden. Trotzdem wird ihre Sinnlosigkeit nicht auf den ersten Blick bemerkt, da man sich leieht durch die Analogie zu den sinnvollen Sätzen I B täuschen lässt. Der hier festgestellte Fehler unserer Sprache liegt also darin, dass sie, im Gegensatz zu einer logisch korrekten Sprache, gramrnatische Formgleichheit zwischen sinnvollen und sinnlosen Wortreihen zulässt. Jedem Wortsatz ist eine entsprechende Formel in der Schreibweise der Logistik beigefügt; diese Formeln lassen die unzweekmäßige Analogie zwisehen I A und ll A und die darauf beruhende Entstehung der sinnlosen Bildungen ll B besonders deutlich erkennen. Bei genauerer Betrachtung der Seheinsätze unter II B zeigen sieh noch gewisse Unterschiede. Die Bildung der Sätze (1) beruht einfach auf dem Fehler, dass das Wort „nichts“ als Gegenstarıdsname verwendet wird, weil man es in der üblichen Sprache in dieser Form zu verwenden pflegt, um einen negativen Existenzsatz zu formulieren (siehe II A). In einer korrekten Sprache dient dagegen zu dem gleichen Zweck nicht ein besonderer Name, sondern eine gewisse logische Form des Satzes (siehe III A). Im Satz II B 2 kommt noch etwas Neues hinzu, nämlich die Bildung des bedeutungslosen Wortes „nichten”; der Satz ist also aus doppeltem Grunde sinnlos. Wir haben früher dargelegt, daß die bedeutungslosen Wörter der Metaphysik gewöhnlich dadurch entstehen, daß einem bedeutungsvollen Wort durch die metaphorische Verwendung in der Metaphysik die Bedeutung genommen wird. Hier dagegen haben wir einen der seltenen Fälle vor uns, dass ein neues Wort eingeführt wird, das schon von Beginn an keine Bedeutung hat. Satz II B 3 ist ebenfalls aus doppeltem Grunde abzulehnen. In dem Fehler, das Wort „nichts” als Gegenstandsname zu benutzen, stimmt er mit den vorhergehenden Sätzen überein. Außerdem enthält er aber einen Widerspruch. Denn selbst, wenn es zulässig wäre, „nichts” als Name oder Kennzeichnung eines Gegenstandes einzuführen, so würde doch diesem Gegenstand in seiner Definition die Existenz abgesprochen werden, in Satz (3) aber wieder zugeschrieben werden. Dieser Satz würde also, wenn er nicht schon sinnlos wäre, kontradiktorisch, also unsinnig sein.(....) Nachdem wir gefunden haben, dass viele metaphysíschen Sätze sinnlos sind, erhebt sich die Frage, ob es vielleicht doch einen Bestand an sinnvollen Sätzen in der Metaphysik gibt, der übrigbleiben würde, wenn wir die sinnlosen ausmerzen. '
Man könnte ja durch unsere bisherigen Ergebnisse zu der Auffassung kommen, daß die Metaphysik viele Gefahren, in Sinnlosigkeit zu geraten, enthält, und dass man sich daher, wenn man Metaphysik betreiben will, bemühen müsse, diese Gefahren sorgfältig zu meiden. Aber in Wirklichkeit liegt die Sache so, dass es keine sinnvollen metaphysischen Sätze geben kann. Das folgt aus der Aufgabe, die die Metaphysik sich stellt: sie will eine Erkenntnis finden und darstellen, die der empirischen Wissenschaft nicht zugänglich ist. Wir haben uns früher überlegt, daß der Sinn eines Satzes in der Methode seiner Verifikation liegt. Ein Satz besagt nur das, was an ihm verifizierbar ist. Daher kann ein Satz, wenn er überhaupt etwas besagt, nur eine empirische Tatsache besagen. Etwas, das prinzipiell jenseits des Erfahrbaren läge, könnte weder gesagt, noch gedacht, noch erfragt werden. Die (sinnvollen) Sätze zerfallen in folgende Arten: Zunächst gibt es Sätze, die schon auf Grund ihrer Form allein wahr sind („Tautologien” nach Wittgenstein; sie entsprechen ungefähr Kants „analytischen Urteilen”); sie besagen nichts über die Wirklichkeit. Zu dieser Art gehören die Formeln der Logik und Mathematik; sie sind nicht selbst Wirklichkeitsaussagen, sondern dienen zur Transformation solcher Aussagen. Zweitens gibt es die Ne- gate solcher Sätze („Kontradiktionen”); sie sind widerspruchsvoll, also auf Grund ihrer Form falsch. Für alle übrigen Sätze liegt die Entscheidung über Wahrheit oder Falschheit in den Protokollsätzen; sie sind somit (wahre oder falsche) Erfahrungssätze und gehören zum Bereich der empirischen Wissenschaft. Will man einen Satz bilden, der nicht zu diesen Arten gehört, so wird er automatisch sinnlos. Da die Metaphysik weder analytische Sätze sagen, noch ins Gebiet der empirischen Wissenschaft geraten will, so ist sie genötigt, entweder Wörter anzuwenden, für die keine Kriterien angegeben werden und die daher bedeutungsleer sind, oder aber bedeutungsvolle Wörter so zusammenzustellen, dass sich weder ein analytischer (bzw. kontradiktorischer) noch ein empirischer Satz ergibt. In beiden Fällen ergeben sich notwendig Scheinsätze.
Die logische Analyse spricht somit das Urteil der Sinnlosigkeit über jede vorgebliche E kenntnis, die über oder hinter die Erfahrung greifen will. Dieses Urteil trifft zunächst jede spekulative Metaphysik, jede vorgebliche Erkenntnis aus reinem Denken oder aus reiner Intuition, die die Erfahrung entbehren zu können glaubt. Das Urteil bezieht sich aber auch auf diejenige Metaphysik, die, von der Erfahrung ausgehend, durch besondere Schlüsse das außer oder hinter der Erfahrung Líegende erkennen will (also z.B. auf die neovitalistische These einer in den organischen Vorgängen wirkenden „Entelechie”, die physikalisch rıicht erfaßbar sein soll; auf die Frage nach dem „Wesen der Kausalbeziehung” über die Feststellung gewisser Regehmäßigkeiten des Aufeinanderfolgens hinaus; auf die Rede vom „Ding an sich”). Weiter gilt das Urteil auch für alle Wert- oder Normphilosophie, für jede Ethik oder Ästhetik als normative Disziplin. Denn die objektive Gültigkeit eines Wertes oder einer Norm kann ja, (auch nach Auffassung der Wertphilosophen) nicht empirisch verifiziert oder aus empirischen Sätzen deduziert werden; sie kann daher überhaupt nicht (durch einen sinnvollen Satz) ausgesprochen werden. Anders gewendet: Entweder man gibt für „ gut” und „schön“ und die übrigen in den Normwissenschaften verwendeten Prädikate empirische Kennzeichen an oder man tut das nicht. Ein Satz mit einem derartigen Prädikat wird im ersten Fall ein empirisches Tatsachenurteil, aber kein Werturteil; im zweiten Fall wird es ein Scheinsatz; einen Satz, der ein Werturteil ausspräche, kann man überhaupt nicht bilden. Das Urteil der Sinnlosigkeit trifft schließlich auch jene metaphysischen Richtungen, die man unzutreffend als erkenntnistheoretische Richtungen zu bezeichnen pflegt, nämlich den Realismus (sofern er mehr besagen will als den empirischen Befund, daß die Vorgänge eine gewisse Regelmäßigkeit aufweisen, wodurch die Möglichkeit zur Anwendung der in- duktiven Methode gegeben ist) und seine Gegner: subjektiven Idealismus, Solipsismus, Phänomenalismus, Positivismus (im früheren Sinne). Was aber bleibt denn für die Philosophie überhaupt noch übrig, wenn alle Sätze, die etwas besagen, empirischer Natur sind und zur Realwissenschaft gehören? Was bleibt, sind nicht Sätze, keine Theorie, kein System, sondern nur eine Methode, nämlich die der logischen Analyse.
LUDWIG WITTGENSTEIN
Wovon man sprechen kann und worüber man schweigen muss.
6.4 Alle Sätze sind gleichwertig.
6.41 Der Sinn der Welt muß außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles wie es ist und geschieht alles wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert - und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert. Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig. Was nicht-zufällig macht, kann nicht in der Welt liegen; denn sonst wäre dies wieder zufällig. Es muß außerhalb der Welt liegen.
6.42 Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken.
6.421 Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt. Die Ethik ist transzendental. (Ethik und Aesthetik sind Eins).
6.422 Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes von der Form „du sollst. ..” ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue? Es ist aber klar, dass die Ethik nichts mit Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun hat. Also muss diese Frage nach den Folgen einer Handlung belanglos sein. - Zum Mindesten dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn etwas muss doch an jener Fragestellung richtig sein. Es muss zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe geben, aber diese müssen in der Handlung selbst hegen. (Und das ist auch klar, dass der Lohn etwas Angenehmes, die Strafe etwas Unangenehmes sein muss.)
6.423 Vom Willen als dem Träger des Ethischen kann nicht gesprochen werden. Und der Wille als Phänomen interessiert nur die Psychologie. _
6.4311 Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die Grenzen der Welt ändem, nicht die Tatsachen; nicht das, was durch die Sprache ausgedrückt werden kann.
Kurz, die Welt muß dann dadurch überhaupt eine andere werden. Sie muß sozusagen als Ganzes abnehmen oder zunehmen. Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen. Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondem aufhört. Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondem Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.
6.4232 Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges Fortleben nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondem vor allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raurn und Zeit. (Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)
6.432 Wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Gott offenbart sich nicht in der Welt.
6.4321 Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung.
6.44 Nicht wie die Welt, ist das Mystische, sondern dass sie ist.
6.45 Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als-begrenztes-Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische.
6.5 Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen.
Das Rätsel gibt es nicht.
Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.
Skeptizismus ist nicht unwiderleglich, sondern offenbar unsinnig, wenn er bezweifeln will, wo nicht gefragt werden kann.
Denn Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt werden kann.
6.52 Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort. Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)
6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.
6.53 Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft- also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat --, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend - er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten - aber sie wäre die einzig streng richtige.
6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
7. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
LUDWIG WITTGENSTEIN
Wovon man sprechen kann und worüber man schweigen muss.
6.4 Alle Sätze sind gleichwertig.
6.41 Der Sinn der Welt muß außerhalb ihrer liegen. In der Welt ist alles wie es ist und geschieht alles wie es geschieht; es gibt in ihr keinen Wert - und wenn es ihn gäbe, so hätte er keinen Wert. Wenn es einen Wert gibt, der Wert hat, so muß er außerhalb alles Geschehens und So-Seins liegen. Denn alles Geschehen und So-Sein ist zufällig. Was nicht-zufällig macht, kann nicht in der Welt liegen; denn sonst wäre dies wieder zufällig. Es muß außerhalb der Welt liegen.
6.42 Darum kann es auch keine Sätze der Ethik geben. Sätze können nichts Höheres ausdrücken.
6.421 Es ist klar, daß sich die Ethik nicht aussprechen läßt. Die Ethik ist transzendental. (Ethik und Aesthetik sind Eins).
6.422 Der erste Gedanke bei der Aufstellung eines ethischen Gesetzes von der Form „du sollst. ..” ist: Und was dann, wenn ich es nicht tue? Es ist aber klar, dass die Ethik nichts mit Strafe und Lohn im gewöhnlichen Sinne zu tun hat. Also muss diese Frage nach den Folgen einer Handlung belanglos sein. - Zum Mindesten dürfen diese Folgen nicht Ereignisse sein. Denn etwas muss doch an jener Fragestellung richtig sein. Es muss zwar eine Art von ethischem Lohn und ethischer Strafe geben, aber diese müssen in der Handlung selbst hegen. (Und das ist auch klar, dass der Lohn etwas Angenehmes, die Strafe etwas Unangenehmes sein muss.)
6.423 Vom Willen als dem Träger des Ethischen kann nicht gesprochen werden. Und der Wille als Phänomen interessiert nur die Psychologie. _
6.4311 Wenn das gute oder böse Wollen die Welt ändert, so kann es nur die Grenzen der Welt ändem, nicht die Tatsachen; nicht das, was durch die Sprache ausgedrückt werden kann.
Kurz, die Welt muß dann dadurch überhaupt eine andere werden. Sie muß sozusagen als Ganzes abnehmen oder zunehmen. Die Welt des Glücklichen ist eine andere als die des Unglücklichen. Wie auch beim Tod die Welt sich nicht ändert, sondem aufhört. Der Tod ist kein Ereignis des Lebens. Den Tod erlebt man nicht. Wenn man unter Ewigkeit nicht unendliche Zeitdauer, sondem Unzeitlichkeit versteht, dann lebt der ewig, der in der Gegenwart lebt. Unser Leben ist ebenso endlos, wie unser Gesichtsfeld grenzenlos ist.
6.4232 Die zeitliche Unsterblichkeit der Seele des Menschen, das heißt also ihr ewiges Fortleben nach dem Tode, ist nicht nur auf keine Weise verbürgt, sondem vor allem leistet diese Annahme gar nicht das, was man immer mit ihr erreichen wollte. Wird denn dadurch ein Rätsel gelöst, dass ich ewig fortlebe? Ist denn dieses ewige Leben dann nicht ebenso rätselhaft wie das gegenwärtige? Die Lösung des Rätsels des Lebens in Raum und Zeit liegt außerhalb von Raurn und Zeit. (Nicht Probleme der Naturwissenschaft sind ja zu lösen.)
6.432 Wie die Welt ist, ist für das Höhere vollkommen gleichgültig. Gott offenbart sich nicht in der Welt.
6.4321 Die Tatsachen gehören alle nur zur Aufgabe, nicht zur Lösung.
6.44 Nicht wie die Welt, ist das Mystische, sondern dass sie ist.
6.45 Die Anschauung der Welt sub specie aeterni ist ihre Anschauung als-begrenztes-Ganzes. Das Gefühl der Welt als begrenztes Ganzes ist das mystische.
6.5 Zu einer Antwort, die man nicht aussprechen kann, kann man auch die Frage nicht aussprechen.
Das Rätsel gibt es nicht.
Wenn sich eine Frage überhaupt stellen lässt, so kann sie auch beantwortet werden.
Skeptizismus ist nicht unwiderleglich, sondern offenbar unsinnig, wenn er bezweifeln will, wo nicht gefragt werden kann.
Denn Zweifel kann nur bestehen, wo eine Frage besteht; eine Frage nur, wo eine Antwort besteht, und diese nur, wo etwas gesagt werden kann.
6.52 Wir fühlen, dass selbst, wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind. Freilich bleibt dann eben keine Frage mehr; und eben dies ist die Antwort. Die Lösung des Problems des Lebens merkt man am Verschwinden dieses Problems. (Ist nicht dies der Grund, warum Menschen, denen der Sinn des Lebens nach langen Zweifeln klar wurde, warum diese dann nicht sagen konnten, worin dieser Sinn bestand.)
6.522 Es gibt allerdings Unaussprechliches. Dies zeigt sich, es ist das Mystische.
6.53 Die richtige Methode der Philosophie wäre eigentlich die: Nichts zu sagen, als was sich sagen lässt, also Sätze der Naturwissenschaft- also etwas, was mit Philosophie nichts zu tun hat --, und dann immer, wenn ein anderer etwas Metaphysisches sagen wollte, ihm nachzuweisen, dass er gewissen Zeichen in seinen Sätzen keine Bedeutung gegeben hat. Diese Methode wäre für den anderen unbefriedigend - er hätte nicht das Gefühl, dass wir ihn Philosophie lehrten - aber sie wäre die einzig streng richtige.
6.54 Meine Sätze erläutern dadurch, dass sie der, welcher mich versteht, am Ende als unsinnig erkennt, wenn er durch sie - auf ihnen - über sie hinausgestiegen ist. (Er muß sozusagen die Leiter wegwerfen, nachdem er auf ihr hinaufgestiegen ist.) Er muss diese Sätze überwinden, dann sieht er die Welt richtig.
7. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.
Jürgen Habermas, 1929 geb.
Die Menschengattung hat sich
mit den ungeplanten soziokulturellen Folgen des
technischen Fortschritts selbst herausgefordert, ihr soziales Schicksal
nicht nur heraufzubeschwören, sondern beherrschen zu lernen. Dieser Herausforderung
der Technik ist durch Technik allein nicht zu begegnen. Es gilt vielmehr, eine
politisch wirksame Diskussion in Gang zu
bringen, die das gesellschaftliche Potential an technischem Wissen und Können
zu unserem praktischen Wissen und Wollen
rational verbindlich in Beziehung setzt.
Eine solche Diskussion könnte einerseits die
politisch Handelnden im Verhältnis zum
technisch Möglichen und Machbaren über das traditionsbestimmte Selbstverständnis
ihrer Interessen aufklären. Im Lichte der dadurch artikulierten und neu interpretierten Bedürfnisse würden die
politisch Handelnden andererseits praktisch beurteilen können, in welcher
Richtung und in welchem Maße wir
technisches Wissen in Zukunft entwickeln wollen. Diese Dialektik von Können und Wollen
vollzieht sich heute unreflektiert, nach
Maßgabe von Interessen, für die eine öffentliche Rechtfertigung, weder
verlangt noch gestattet wird. Erst wenn
wir diese Dialektik mit politischem Bewußtsein auszutragen vermöchten, könnten
wir eine bisher naturgeschichtlich sich durchsetzende Vermittlung des
technischen Fortschritts mit der sozialen Lebenspraxis in Regie nehmen. Weil das eine Sache der
Reflexion ist, gehört sie nicht wiederum in die Zuständigkeit von Spezialisten.
Die Substanz der Herrschaft zergeht nicht vor
technischer Verfügungsgewalt allein; dahinter kann sie sich allenfalls
verschanzen. Die Irrationalität der
Herrschaft, die heute zu einer kollektiven Lebensgefahr geworden ist, könnte nur durch eine
politische Willensbildung bezwungen werden,
die sich an das Prinzip allgemeiner und herrschaftsfreier Diskussion
bindet. Rationalisierung der Herrschaft
dürfen wir nur erhoffen von Verhältnissen, die die politische Macht eines an
Dialoge gebundenen Denkens begünstigen. Die lösende Kraft der Reflexion kann nicht ersetzt werden
durch die Ausbreitung technisch verwertbaren
Wissens.
Max Horkheimer, 1895 -1973
und
Theodor W. Adorno, 1903 -1969
Der Mythos geht in die Aufklärung über und die Natur in bloße Objektivität. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann. Der Mann der Wissenschaft kennt die Dinge, insofern er sie machen kann. Dadurch wird ihr An sich Für ihn. In der Verwandlung enthüllt sich das Wesen der Dinge immer als je dasselbe, als Substrat von Herrschaft. [. Es ist die Identität des Geistes und ihr Korrelat, die Einheit der Natur, der die Fülle der Qualitäten erliegt. Die disqualifizierte Natur wird zum chaotischen Stoff bloßer Einteilung und das allgewaltige Selbst zum bloßen Haben, zur abstrakten Identität ( …)Die mannigfaltigen Affinitäten zwischen Seiendem werden von der einen Beziehung zwischen sinngebendem Subjekt und sinnlosem Gegenstand, zwischen rationaler Bedeutung und zufälligem Bedeutungsträger verdrängt. (…) Die Mythologie selbst hat den endlosen Prozess der Aufklärung ins Spiel gesetzt, in dem mit unausweichlicher Notwendigkeit immer wieder jede bestimmte theoretische Ansicht der vernichtenden Kritik verfällt, nur ein Glaube zu sein, bis selbst noch die Begriffe des Geistes, der Wahrheit, ja der Aufklärung zum animistischen Zauber geworden sind.
Hilfestellung
Kant
Höchstes Ziel Kants ist die Verwirklichung des Wertes "Achtung vor dem Gesetz"; auf den Menschen bezogen bedeutet dieser Grundsatz "Achtung vor der Würde des Menschen". Aufgrund seiner Vemunftbegabung muss der Mensch sein Handeln vor dem Vernunftgesetz rechtfertigen können. Er muss seine individuelle Verhaltensweise also an dem Gesichtspunkt der Verallgemeinbarkeit ausrichten, d.h., er muß so handeln, wie man es in gleicher Weise auch von jedem anderen Vernunftwesen verlangen und erwarten würde. Dies schließt also Handeln "aus Neigung" aus, d.h., man darf keine in-dividuellen Absichten und Zwecke verfolgen oder auf den Erfolg Rücksicht nehmen wollen. Entscheidend für eine moralisch wertvolle Handlung ist, dass sie nur "aus Pflicht" (Gesinnungsethik) diesem Vernunftgesetz gegenüber getan wird (Kant: "Pflicht ist die Notwendigkeit einer Handlung aus Achtung fürs Gesetz."). Formuliert ist diese Pflichtethik in den verschiedenen Formeln des kategorischen Imperativs.
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Oktober 17
Über die Scham Plotins, einen Leib zu besitzen
Plotinos, der Philosoph, der zu meiner Zeit lebte, war die Art von Mann, die sich dessen schämt, im Leib zu sein; aus solcher Gemütsverfassung wollte er sich nicht herbeilassen, etwas über seine Herkunft, seine Eltern oder seine Heimat zu erzählen. Einen Maler aber oder Bildhauer zu dulden, wies er weit von sich, ja er erklärte dem Amelius, der ihn um seine Einwilligung bat, dass ein Bild von ihm verfertigt Werde:
„Es soll also nicht genug daran sein, das Abbild zu tragen, mit dem die Natur uns umkleidet hat, nein, du forderst, ich soll freiwillig zugeben, dass ein Abbild des Abbildes von mir nachbleibe, ein dauerhaftes, als sei dies Abbild etwas Sehenswertes".
Porphyrios (292-304)
Der christliche Dualismus. Die Seele als Eigentum Christi. Der Leib als Lehen Satans
[. . .] das Christentum ist eine Idee, und als solche unzerstörbar und unsterblich, wie jede Idee. Was ist aber diese Idee? [...]
Wie sich diese Idee historisch gebildet und in der Erscheinungswelt manifestiert, ließe sich wohl schon in den ersten Jahrhunderten nach Christi Geburt entdecken, wenn wir namentlich in der Geschichte der Manichäer und der Gnostiker vorurteilsfrei nachforschen. Obgleich erstere verketzert und letztere verschrien sind und die Kirche sie verdammt hat, so erhielt sich doch ihr Einfluss auf das Dogma, aus ihrer Symbolik entwickelte sich die katholische Kunst, und ihre Denkweise durchdrang das ganze Leben der christlichen Völker. Die Manichäer sind ihrer letzten Gründe nach nicht sehr verschieden von den Gnostikern. Die Lehre von den beiden Prinzipien, dem guten und dem bösen, die sich bekämpfen, ist beiden eigen. Die einen, die Manichäer, erhielten diese Lehre aus der altpersischen Religion, wo Ormuz, das Licht, dem Ariman, der Finsternis, feindlich entgegengesetzt ist. Die anderen, die eigentlichen Gnostiker, glaubten vielmehr an die Präexistenz des guten Prinzips, und erklärten die Entstehung des bösen Prinzips durch Emanation, durch Generationen von Äonen, die, je mehr sie von ihrem Ursprung entfernt sind, sich desto trüber verschlechtert. Nach Cerinthus war der Erschaffer unserer Welt keineswegs der höchste Gott, sondern nur eine Emanation desselben, einer von den Äonen, der eigentliche Demiurgos, der allmählich ausgeartet ist, und jetzt, als böses Prinzip, dem aus dem höchsten Gott unmittelbar entsprungenen Logos, dem guten Prinzip, feindselig gegenüber stehe. Diese gnostische Weltansicht ist urindisch und sie führte mit sich die Lehre von der Inkarnation Gottes, von der Abtötung des Fleisches, vom geistigen Insichselbstversenken, sie gebar das asketisch beschauliche Mönchsleben, welches die reinste Blüte der christlichen Idee. Diese Idee hat sich in der Dogmatik nur sehr verworren und im Kultus nur sehr trübe aussprechen können. Doch sehen wir überall die Lehre von den beiden Prinzipien hervortreten; dem guten Christus steht der böse Satan entgegen; die Welt des Geistes wird durch Christus, die Welt der Materie durch Satan repräsentiert; jenem gehört unsere Seele, diesem unser Leib; und die ganze Erscheinungswelt, die Natur, ist demnach ursprünglich böse, und Satan, der Fürst der Finsternis, will uns damit ins Verderben locken, und es gilt allen sinnlichen Freuden des Lebens zu entsagen, unsern Leib, das Lehen Satans, zu peinigen, damit die Seele sich desto herrlicher emporschwinge in den lichten Himmel, in das strahlende Reich Christi. Diese Weltansicht, die eigentliche Idee des Christentums, hatte sich, unglaublich schnell, über das ganze römische Reich verbreitet, wie eine ansteckende Krankheit, das ganze Mittelalter hindurch dauerten die Leiden, manchmal Fieberwut, manchmal Abspannung, und wir Modernen fühlen noch immer Krämpfe und Schwäche in den Gliedern. Ist auch mancher von uns schon genesen, so kann er doch der allgemeinen Lazarettluft nicht entrinnen, und er fühlt sich unglücklich als der einzig Gesunde unter lauter Siechen. Einst wenn die Menschheit ihre völlige Gesundheit wieder erlangt, wenn der Friede zwischen Leib und Seele wieder hergestellt, und sie wieder in ursprünglicher Harmonie sich durchdringen: dann wird man den künstlichen Hader, den das Christentum zwischen beiden gestiftet, kaum begreifen können. Die glücklicheren und schöneren Generationen, die, gezeugt durch freie Wahlumarmung, in einer Religion der Freude emporblühen, werden wehmütig lächeln über ihre armen Vorfahren, die sich aller Genüsse dieser schönen Erde trübsinnig enthielten, und, durch Abtötung der warmen farbigen Sinnlichkeit, fast zu kalten Gespenstern verblichen sind! Ja, ich sage es bestimmt, unsere Nachkommen werden schöner und glücklicher sein als wir. Denn ich glaube an den Fortschritt, ich glaube, die Menschheit ist zur Glückseligkeit bestimmt, und ich hege also eine größere Meinung von der Gottheit als jene frommen Leute, die da Wähnen, er habe den Menschen nur zum Leiden erschaffen. Schon hier auf Erden möchte ich, durch die Segnungen freier politischer und industrieller Institutionen, jene Seligkeit etablieren, die, nach der Meinung der Frommen, erst am jüngsten Tage, im Himmel, stattfinden soll.
Die Folgen des christlichen Dualismus
Ich weiß nicht, ob die melancholische Blume, die wir in Deutschland Passionsblume benamsen,
auch in Frankreich diese Benennung führt, und ob ihr von der Volkssage ebenfalls jener mystische Ursprung zugeschrieben wird. Es ist jene sonderbar mißfarbige Blume, in deren Kelch man die Marterwerkzeuge, die bei der Kreuzigung Christi gebraucht worden, nämlich Hammer, Zange, Nägel usw., abkonterfeit sieht, eine Blume die durchaus nicht hässlich, sondern nur gespenstisch ist, ja, deren Anblick sogar ein grauenhaftes Vergnügen in unserer Seele erregt, gleich den krampfhaft süßen Empfindungen, die aus dem Schmerze selbst hervorgehen.In solcher Hinsicht wäre diese Blume das geeignetste Symbol für das Christentum selbst, dessen schauerlichster Reiz eben in der Wollust des Schmerzes besteht. Obgleich man in Frankreich unter dem Namen Christentum nur den römischen Katholizismus versteht, so muss ich doch besonders bevorworten, dass ich nur von letzterem spreche. Ich spreche von jener Religion in deren ersten Dogmen eine Verdammnis alles Fleisches enthalten ist, und die dem Geiste nicht bloß eine Obermacht über das Fleisch zugesteht, sondern auch dieses abtöten will, um den Geist zu verherrlichen; ich spreche von jener Religion durch deren unnatürliche Aufgabe ganz eigentlich die Sünde und die Hypokrisie in die Welt gekommen, indem eben, durch die Verdammnis des Fleisches, die unschuldigsten Sinnenfreuden eine Sünde geworden, und durch die Unmöglichkeit ganz Geist zu sein die Hypokrisie sich ausbilden musste; ich spreche von jener Religion, die ebenfalls durch die Lehre von der Verwerflichkeit aller irdischen Güter, von der auferlegten Hundedemut und Engelsgeduld, die erprobteste Stütze des Despotismus geworden. Die Menschen haben jetzt das Wesen dieser Religion erkannt, sie lassen sich nicht mehr mit Anweisungen auf den Himmel abspeisen, sie wissen, dass auch die Materie ihr Gutes hat und nicht ganz des Teufels ist, und sie vindizieren jetzt die Genüsse der Erde, dieses schönen Gottesgartens, unseres unveräußerlichen Erbteils. Eben weil wir alle Konsequenzen jenes absoluten Spiritualismus jetzt so ganz begreifen, dürfen wir auch glauben, dass die christkatholische Weltansicht ihre Endschaft erreicht. Denn jede Zeit ist eine Sphinx, die sich in den Abgrund stürzt, sobald man ihr Rätsel gelöst hat. [. . .] Der Antichrist
Die Verbrechen des Christentums
Hiermit bin ich am Schluss und spreche mein Urteil. Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christliche Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen, sie hat den Willen zur letzten auch nur möglichen Korruption, gehabt. Die christliche Kirche ließ nichts mit ihrer Verderbnis unberührt, sie hat aus jedem Wert einen Unwert, aus jeder Wahrheit eine Lüge, aus jeder Rechtschaffenheit eine Seelen-Niedertracht gemacht. Man wage es noch, mir von ihren „humanitären“ Segnungen zu reden! Irgendeinen Notstand ab- schaffen ging wider ihre tiefste Nützlichkeit; sie lebte von Notständen, sie schuf Notstände, um sich zu verewigen. . _ Der Wurm der Sünde zum Beispiel: mit diesem Notstande hat erst die Kirche die Menschheit bereichert! - Die „Gleichheit der Seelen vor Gott“, diese Falschheit, dieser Vorwand für die rancunes aller Niedriggesinnten, dieser Sprengstoff von Begriff, der endlich Revolution, moderne Idee und Niedergangs-Prinzip der ganzen Gesellschafts-Ordnung geworden ist - ist christlicher Dynamit … „Humanitäre“ Segnungen des Christentums! Aus der Humanitas einen Selbst-Widerspruch, eine Kunst der Selbstschändung, einen Willen zur Lüge um jeden Preis, einen Widerwillen, eine Verachtung aller guten und rechtschaffnen lnstinkte herauszuzüchten! Das wären mir Segnungen des Christentums! - Der Parasitismus als einzige Praxis der Kirche; mit ihrem Bleichsucht-, ihrem „Heiligkeits“-Ideale jedes Blut, jede Liebe, jede Hoffnung zum Leben austrinkend; das Jenseits als Wille zur Verneinung jeder Realität; das Kreuz als Erkennungszeichen für die unterirdischste Verschwörung, die es je gegeben hat - gegen Gesundheit, Schönheit, Wohlgeratenheit, Tapferkeit, Geist, Güte der Seele, gegen das Leben selbst.
Diese ewige Anklage des Christentums will ich an alle Wände schreiben, wo es nur Wände gibt - ich habe Buchstaben, um auch Blinde sehend zu machen ... Ich heiße das Christentum den einen großen Fluch, die eine große innerlichste Verdorbenheit, den einen großen Instinkt der Rache, dem kein Mittel giftig, heimlich, unterirdisch, klein genug ist - ich heiße es den einen unsterblichen Schandfleck der Menschheit.
Und man rechnet die Zeit nach dem dies nefastus, mit dem dies Verhängnis anhob - nach dem ersten Tag des Christentums! - Warum nicht lieber nach seinem letzten? - Noch heute? - Umwertung aller Werte!
Friedrich Nietzsche (1844-1900)
Christentum und Sexualität
Das Schlimmste an der christlichen Religion ist [. . .] ihre Einstellung zur Sexualität - eine Einstellung, die so krankhaft und unnatürlich ist, dass man sie nur verstehen kann, wenn man sie mit der angekränkelten Zivilisation zur Zeit des Verfalls des römischen Imperiums in Zusammenhang bringt. Manchmal hören wir die Behauptung, das Christentum habe die Stellung der Frau verbessert. Das ist eine der gröbsten Verdrehungen der Geschichte, die überhaupt möglich ist. Die Stellung der Frau kann in einer Gesellschaft, die als das Wichtigste die Einhaltung eines starren Sittenkodex ansieht, nicht erträglich genannt werden. Die Mönche haben in der Frau immer in erster Linie die Versucherin und die Verursacherin unreiner Gelüste gesehen. Nach der Lehre der Kirche war und ist es das beste, jungfräulich zu bleiben, doch ist denjenigen, denen es nicht möglich ist, die Heirat erlaubt. „Denn besser ist Heirat als steter Brand der Sinnlichkeit“, wie es der heilige Paulus brutal ausdrückt. Die Kirche erklärte die Ehe für unauflös- bar und rottete jede Kenntnis der ars amandi aus; so tat sie alles, was in ihrer Macht stand, damit die einzige Form der Sexualität, die sie gestattete, möglichst wenig Vergnügen und möglichst viel Leid mit sich brachte. Der Kampf gegen die Geburtenkontrolle hat in Wahrheit den gleichen Beweggrund: Wenn eine Frau jedes ]ahr ein Kind bekommt, bis sie verbraucht ist und stirbt, kann man nicht erwarten, dass ihr das Eheleben viel Vergnügen bereitet; deshalb muss die Geburtenkontrolle verhindert werden.
Bertrand Russell, 1872-1970
September 17
Arbeit der Wissenschaft, z.B.
Verification and falsification
So how does critical thinking work in science? Let's look at an example.
We begin with an observation and a question. Here is a famous one. Scientists noticed that there were, one, fossilised dinosaur bones in rock strata up until the end of the Cretaceous period, but not after, 2, many other types of terrestrial and marine fossils not present after the end of the Cretaceous period, 3, high iridium levels in rock strata at the boundary between the Cretaceous and the Tertiary periods, the KT boundary.
What happened, at the end of the Cretaceous period, to explain those observations?
Let's develop some hypotheses, some possible explanations for those observations. A, a supernova, the explosion of a star, occurred 65 million years ago and caused a change to conditions on Earth, which rendered them unsuitable for various types of organisms that had previously thrived. B, an asteroid collided with years 65million years ago and had roughly the same effect.
A and B both explain the high levels of iridium. Supernovas throw off heavy elements like iridium. Asteroids contain higher levels of iridium than the Earth's crust does. How do we choose between them? What we need is some kind of test. But is there one? Well, actually there is.
Hypothesis A, the supernova theory, predicts not only high levels of iridium, but also a massive amount of plutonium 244 in the relevant strata because supernovas throw off plutonium 244 as well as iridium.
Hypothesis B, the asteroid theory, predicts there is no plutonium 244. And no the plutonium 244 was found in the relevant strata.
Therefore, the correct answer is B.
The asteroid hypothesis beats the supernova hypothesis. But not so fast. We know there have been lots of asteroid strikes on the Earth which haven't resulted in mass extinctions, so why would this particular one have killed off the dinosaurs and their friends? That raises a new question.
How could this particular asteroid strike cause a mass extinction? Here's a hypothesis. The impact of a massive asteroid might have thrown up a lot of dust, blotting out the sun, and causing dramatic climate change. And to back up the second asteroid hypothesis, we would expect to find a large crater somewhere. The Gulf of Mexico looks like a good candidate. We will also expect to find various substances at the KT boundary, the time period when the dinosaurs became extinct. Things like tsunami debris, glass from the melding of rock, particles from theimpact site.
So what I hope we've done here is to give an example of how the scientific method works. The scientific method consists of a number of steps. One, identify a problem or pose a question. 2, devise a hypothesis to explain the event or the observation or the phenomenon. 3, derive a test for the hypothesis. 4, perform the test. And 5, accept or reject the hypothesis.
That looks about right, but you have to be careful about the last step with accepting or rejecting the hypothesis.
Why is that Dr. Logical?
Well, that's because logic tells us that tests can lead us to reject hypotheses, but it can't conclusively settle thatthey're true. That's the distinction between verification and falsification.
The University of Auckland | CTMOOC_Week_5.1 / FutureLearn.com
Der Titelheld von Friedrich Hölderlins Briefroman „Hyperion“ (1796) ist ein vom Leben enttäuschter Eremit im Griechenland des 18. Jahrhunderts, zu einer Zeit, in der die Griechen noch vergeblich versuchen, die türkische Fremdherrschaft abzuschütteln. Im zweiten Brief an seinen deutschen Freund Bellarmin beklagt Hyperion seine Einsamkeit und fährt dann fort:
Aber du scheinst noch, Sonne des Himmels! Du grünst noch, heilige Erde! Noch rauschen die Ströme ins Meer und schattige Bäume säuseln im Mittag. Der Wonnegesang des Frühlings singt meine sterblichen Gedanken in Schlaf. Die Fülle der alllebendigen Welt ernährt und sättiget mit Trunkenheit mein darbend Wesen.
O selige Natur! Ich weiß nicht, wie mir geschiehet, wenn ich mein Auge erhebe vor deiner Schöne, aber alle Lust des Himmels ist in den Tränen, die ich weine vor dir, der Geliebte vor der Geliebten. Mein ganzes Wesen verstummt und lauscht, wenn die zarte Welle der Luft mir um die Brust spielt. Verloren ins weite Blau, blick ich oft hinauf an den Aether und hinein ins heilige Meer, und mir ist, als öffnet ein verwandter Geist mir die Arme, als löste der Schmerz der Einsamkeit sich auf ins Leben der Gottheit. Eines zu sein mit allem, das ist Leben der Gottheit, das ist der Himmel des Menschen. Eines zu sein mit allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzukehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwüle und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des Kornfelds gleicht. (...)
Auf dieser Höhe steh” ich oft, mein Bellarmin! Aber ein Moment des Besinnens wirft mich herab. Ich denke nach und finde mich, wie ich zuvor war, allein, mit allen Schmerzen der Sterblichkeit, und meines Herzens Asyl, die ewig einige Welt, ist hin; die Natur verschließt die Arme und ich stehe, wie ein Fremdling, vor ihr, und verstehe sie nicht. Ach! Wär ich nie in eure Schulen gegangen. Die Wissenschaft, der ich in den Schacht hinunter folgte, von der ich, jugendlich töricht, die Bestätigung meiner reinen Freude erwartete, die hat mir alles verdorben. Ich bin bei euch so recht vernünftig geworden, habe gründlich mich unterscheiden gelernt von dem, was mich umgibt, bin nun Vereinzelt in der schönen Welt, bin so ausgeworfen aus dem Garten der Natur, wo ich wuchs und blühte, und vertrockne an der Mittagssonne. O ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da, wie ein missratener Sohn, den der Vater aus dem Hause stieß, und betrachtet die ärmlichen Pfennige, die ihm das Mitleid auf den Weg gab.*
(Friedrich Hölderlin , Hyperion )
Freiheit und sinnliche Natur sind in der Tradition der Philosophie Immanuel Kants Gegensätze, insofern sie verschiedenen Betrachtungsweisen angehören. Bereits Hölderlin hat sich daran gestört, umso mehr der Materialist Herbert Marcuse.
Was gegenwärtig geschieht, ist die Entdeckung (oder vielmehr Wiederentdeckung) der Natur als einer Verbündeten im Kampf gegen die ausbeuterischen Gesellschaften, in denen die Vergewaltigung der Natur die Vergewaltigung des Menschen verschärft. Die Entdeckung der befreienden Kräfte der Natur und ihrer entscheidenden Rolle beim Aufbau einer freien Gesellschaft wird zu einer neuen Kraft gesellschaftlicher Veränderung. Was bedeutet: Befreiung der Natur als Mittel der Befreiung des Menschen? Dieser Gedanke bezieht sich 1. auf die menschliche Natur: die Grundtriebe und Sinne des Menschen als Basis seiner Rationalität und Erfahrung; 2. auf die äußere Natur: die existentielle Umwelt des Menschen, seine „Auseinandersetzung mit der Natur“, in der seine Gesellschaft sich herausbildet. (...) Befreiung der Natur bedeutet Wiederentdeckung ihrer lebenssteigernden Kräfte, der sinnlich-ästhetischen Qualitäten, die einem in endlosen Konkurrenzleistungen vergeudeten Leben fremd sind; sie verweisen auf die neuen Qualitäten der Freiheit. Deshalb ist es kein Wunder, dass der „Geist des Kapitalismus“ die Idee der befreiten Natur verwirft oder lächerlich macht, dass er sie dichterischer Phantasie überlässt. Soweit sie nicht in „Reservaten“ unbehelligt ist und Schutz genießt, wird Natur in aggressiv wissenschaftlicher Weise behandelt; sie ist wertfreie Materie, bloßes Material. Diese Einstellung zur Natur ist ein historisches Apriori, das einer spezifischen Gesellschaftsform angehört. Eine freie Gesellschaft könnte durchaus unter einem ganz anderen Apriori stehen, ein ganz anderes Objekt haben; die Entwicklung der wissenschaftlichen Begriffe könnte in einer Erfahrung von Natur als einer Totalität zu schützenden und zu „kultivierenden“ Lebens gründen und die Technik würde sich dieser Wissenschaft zur Rekonstruktion der Lebenswelt bedienen. Herrschaft über Menschen vermittels Herrschaft über die Natur: Das konkrete Bindeglied zwi- schen der Befreiung des Menschen und der der Natur tritt heute in den wichtigen ökologischen Vorstößen der radikalen Bewegung deutlich zu Tage. Die Luft- und Wasserverschmutzung, der Lärm, die industrielle und kommerzielle Beschlagnahme bisher der Öffentlichkeit zugänglicher Naturgebiete sind nicht weniger schlimm als Versklavung oder Gefangenschaft. Der Kampf dagegen ist ein politischer Kampf; es ist offensichtlich, in welchem Maße die Vergewaltigung der Natur untrennbar mit der kapitalistischen Wirtschaft verknüpft ist. Gleichzeitig lässt sich jedoch die politische Funktion der Ökologie mühelos „neutralisieren“ und als Verschönerung des Bestehenden Verwenden. Trotzdem muss die physische, vom System verursachte Verschmutzung hier und heute bekämpft werden - genauso wie die geistige Verelendung.*
Herbert Marcuse, Natur und Revolution. - Suhrkamp 1973
Die französische Schriftstellerin, Philosophin und Feministin Simone de Beauvoir (1908 - 1986) hatte durch ihre Schrift „Das andere Geschlecht“ (1949) maßgeblichen Anteil an der Frauenemanzipationsbewegung. lm folgenden Text macht sie deutlich, dass die Frau sich nicht nur vom Mann, sondern auch von sich selbst zu emanzipieren hat.
Der Kampf der Geschlechter leitet sich nicht unmittelbar aus der Anatomie von Mann und Frau ab. Wenn man ihn heranzieht, nimmt man in Wirklichkeit für ausgemacht an, dass sich im überzeitlichen Himmel der Ideen ein Kampf zwischen unbestimmten Wesenheiten, dem Ewigweiblichen und dem Ewig- männlichen, abspielt. [...] Die Frau, die in der Immanenz eingeschlossen ist, versucht, auch den Mann in dieses Gefangnis hineinzuziehen. Auf diese Weise fällt dieses mit der Welt zusammen und sie leidet nicht mehr darunter, dass sie in ihm eingeschlossen ist: Die Mutter, die Gattin, die Liebende sind Kerkermeisterinnen. Die Gesellschaft, die von Männern in Rechtsordnungen gebracht wurde, erklärt die Frau für minderwertig: Sie kann diese Minderwertigkeit nur beseitigen, wenn sie die männliche Überlegenheit zerstört. Sie sucht den Mann zu verstümmeln, zu beherrschen, sie widerspricht ihm, leugnet seine Wirklichkeit und seine Werte. Doch dadurch verteidigt sie sich nur. [...] Heute nimmt der Kampf eine andere Gestalt an. Statt den Mann in ihrem Gefängnis mit einschließen zu wollen, versucht die Frau, aus diesem herauszukommen. Sie sucht nicht mehr, ihn in die Region der Immanenz hin-einzuziehen, sondern selbst in das Licht der Transzendenz emporzutauchen. Nunmehr schafft die Haltung der Männer einen neuen Konflikt: Nur widerwillig entlässt der Mann die Frau. Er möchte gern das eigenherrliche Subjekt, der absolut Überlegene, der Wesentliche bleiben. Er weigert sich, seine Gefährtin konkret für ebenbürtig zu halten. Sie beantwortet sein Misstrauen mit einer aggressiven Haltung. Es handelt sich nicht mehr um einen Krieg zwischen Individuen, die jedes in seiner Sphäre eingeschlossen sind: Eine ganze Kaste stellt Ansprüche, geht zum Angriff über und wird von der privilegierten Kaste in Schach gehalten. Es sind zwei Transzendenzen, die aufeinander prallen. Statt sich gegenseitig anzuerkennen, will jede Freiheit die andere beherrschen.
Dieser Unterschied in der Haltung macht sich auf der sexuellen wie auf der geistigen Ebene bemerkbar. Indem sich die feminine Frau zur passiven Beute macht, versucht sie, auch den Mann zu ihrer körperlichen Passivität zu nötigen. Sie verlegt sich darauf, ihm Fallen zu stellen, ihn durch die Begierde in Fesseln zu schlagen, die sie dadurch erregt, dass sie sich gefügig zu einer Sache macht. Die emanzipierte Frau dagegen möchte aktiv zupacken und verweigert die Passivität, die der Mann ihr auferlegen will. [...] Die moderne Frau akzeptiert [...] die männlichen Werte, sie ist darauf aus, analog wie der Mann zu denken, zu handeln, zu arbeiten, schöpferisch tätig zu sein. Statt dass sie die Männer herunterzuziehen sucht, betont sie, dass sie ihnen gleichkommt. In dem Maße, wie sich dieser ihr Widerspruch in konkreten Verhaltensweisen ausdrückt, ist er berechtigt. Und man muss hierbei die Anmaßung der Männer tadeln. [...] In der Tat finden die Männer in ihrer Gefährtin einen besseren Komplizen, als der Unterdrücker üblicherweise im Opfer seiner Unterdrückung findet. Daher halten sie sich böswillig zu der Erklärung berechtigt, sie habe das Schicksal gewollt, das sie ihr auferlegt haben. [...] Die ganze Gesellschaft - bei ihren verehrlichen Eltern angefangen - lügt sie an, wenn sie den hohen Wert der Liebe, der Ergebenheit, der Selbsthingabe predigen und ihr dabei verheimlichen, dass weder der Geliebte noch der Ehemann noch die Kinder geneigt sind, eine solch drückende Last zu ertragen. Sie adaptieren fröhlich diese Lügen, weil sie sie dazu anhalten, ihrer Bequemlichkeit nachzugeben. [...] So erzieht man aber die Frau, ohne sie je die Notwendigkeit zu lehren, selbst ihre Existenz auf sich zu nehmen. Sie lässt sich gern dahin treiben, dass sie mit der Protektion, der Liebe, der Hilfe, der Leitung anderer rechnet. Sie lässt sich von der Hoffnung faszinieren, sie könne, ohne etwas zu tun, ihr Wesen realisieren. Sie handelt verkehrt, wenn sie der Versuchung nachgibt. Dem Mann steht es jedoch in keiner Weise an, ihr Vorwürfe zu machen, da er selbst sie in Versuchung geführt hat.
Simone de Beauvoir
Ein Wort an Gaffer, Voyeure und andere wie wir
Jean Paul Sartre
Die Situation verändert sich nun, sobald der Andere zu mir herblickt; ich werde angesehen. Was das bedeutet, schildert Sartre durch ein neues Beispiel:
Nehmen wir an, ich sei aus Eifersucht, aus Neugier oder lasterhafterweise so weit gekommen, mein Ohr an eine Tür zu legen oder durch ein Schlüsselloch zu spähen. Ich bin allein und befinde mich auf der Ebene des nichtsetzenden Bewußtseins von mir. Das bedeutet zunächst, daß es kein Ich gibt, das mein Bewußtsein bewohnen könnte. Es gibt also nichts, zu was ich meine Akte in Beziehung setzen könnte, um sie näher zu bestimmen. Sie werden in keiner Weise erkannt, aber ich bin sie, und auf Grund dieser Tatsache tragen sie ihre vollkommene Rechtfertigung in sich. Ich bin reines Bewußtsein der Dinge (...). Jetzt habe ich Schritte im Vorsaal gehört: man sieht mich. Was soll das heißen? Das soll heißen, daß ich in meinem Sein plötzlich von etwas betroffen werde und daß in meinen Strukturen wesentliche Veränderungen auftreten - Veränderungen, die ich erfassen und durch das refle- Xive cogito begrifflich festlegen kannf' Zunächst bin ich hier und existiere als Ich für mein unreflektiertes Bewußtsein. Gerade diesen Einbruch des Ich hat man sehr häufig beschrieben: ich sehe mich, weil man mich sieht, so sagte man. Das ist in dieser Form nicht ganz richtig. (. . .)
Das unreflektierte Bewußtsein ergreift die Person nicht direkt und nicht als sein Objekt: die Person ist dem Bewußtsein gegenwärtig, insofern sie Objekt für Andere ist. Das bedeutet, daß ich mit einem Male Bewußtsein meiner selbst habe, soweit ich mir entgehe, und zwar nicht, insoweit ich die Grundlage meines eigenen Nichts bin, sondern insoweit ich meine Grundlage außerhalb meiner selbst habe. Für mich bin ich nur als reine Verweisung auf Andere. _ Und dennoch bin ich es, ich weise es nicht zurück wie ein befremdendes Bild, sondern es ist mir gegenwärtig wie ein Ich, das ich bin, ohne es zu erkennen, denn nur in der Scham (in anderen Fällen im Hochmut) entdecke ich es; die Scham oder der Stolz enthüllen mir den Blick des Anderen und mich selbst am Ziele dieses Blickes, sie bewirken, daß ich die Situation eines Erblickten erlebe, nicht erkenne. Die Scham aber ist (. . .) Scham über sich selbst, sie ist Anerkennung des Tatbestandes, daß ich wirklich jenes Objekt bin, das der Andere ansieht und aburteilt. (. . .) Ich bin, jenseits aller Erkenntnis, die ich haben kann, jenes Ich, das ein Anderer erkennt.
Sartres Analysen zeigen, daß vor allem bewußten Nachdenken die Existenz des Anderen für jeden Menschen eine fundamentale Rolle spielt. Durch den Blick des Anderen wird das Sein dessen, der da gesehen wird, auf eine Weise festgelegt, die außerhalb seiner Verfügungsgewalt steht. Der Andere macht ihn zu dem, was er ist. Allerdings wecken die Beispiele Sartres den Eindruck, als sei der Andere eine grundsätzlich aggressive und feindliche Instanz, die bedrohlich wirkt. In den christlich orientierten Richtungen des Existenzialismus wird die Rolle des Anderen wesentlich positiver aufgefaßt: Er wird zum „Du“ (statt zum bedrohlichen „Er“), und zwischenmenschliche Beziehungen erscheinen unter dem Aspekt der (christlich verstandenen) Liebe.
(Text und Kommentar laut: GK Pl.. Heller.Bd1.BSV)
Über Weiber, Liebe und Ehe
67
Es charakterisiert die erste Liebe, dass wir nicht begreifen, wie andere Menschen schon vor uns lieben konnten, da sie doch den einzigen Gegenstand, der uns liebenswert erscheint, nicht kannten.
Wenige haben geliebt. Bei den meisten vertritt teils Sinnlichkeit, teils Eitelkeit die Stelle der Liebe.
Gefahren und Weiber dürfen, wie Nessel, nicht zaghaft angefasst werden.
Frauen brauchen nur wenig Geist, um für geistreich zu gelten.
68
Jede Frau schätzt die männlichen Eigenschaften am höchsten, die ihrem Manne fehlen.
Jede Frau ist unglücklich mit ihrem Manne und weiß einen anderen, mit dem sie glücklich sein würde.
Wenn wir, im Verkehr mit einem edlen, geistreichen, uns innig sympathischen Weibe, schließlich auch den intimen Besitz desselben erlangen, so verlieren wir immer mehr, als wir gewinnen.
Wer den Wunsch hat, möglichst viele Personen des anderen Geschlechtes in sich verliebt zu machen, - ohne sie verführen, heiraten, plündern, oder sonst positive Vorteile erlangen zu wollen, - ist kokett. Dieser Wunsch ist entweder an Blicken und Bewegungen sichtbar oder nicht sichtbar und ferner entweder bewusst oder unbewusst Die bewusste Koketterie ist gewöhnlich unsichtbar, und die unbewusste stets sichtbar.
69
Wenn die bewusste Koketterie sichtbar ist, stößt sie ab, hingegen hat die unbewusste etwas Anziehendes. Eine feine Art der sichtbaren Koketterie ist diejenige, welche unbewusst scheint und bewusst ist. Die Äußerungsweise der Koketterie ist also mannigfaltig, ihre Stärke hingegen ist bei verschiedenen Menschen nicht sehr verschieden. An der Koketterie findet man Gefallen, teils weil es angenehm ist, Personen des anderen Geschlechtes zu seinen Füßen zu sehen, besonders aber weil man von Personen desselben Geschlechtes um seine Eroberungen beneidet werden will.
Mädchen schreiben die Erfolge anderer Mädchen stets der Koketterie derselben zu.
Schöne Frauen sind stolz auf ihre Eroberungen, hässliche auf ihre Tugend.
70
Frauen erscheinen uns in ihrer Wahl nie unbegreiflicher, als wenn sie andere uns vorziehen.
Die lebenslängliche Ehe ist ein nützliches, aber unnatürliches Institut.
Die Größe des ehelichen Glückes steht in umgekehrtem Verhältnis zu der Länge des täglichen Beisammenseins.
Bei den Heiraten unserer Zeit spielt keine Empfindung eine so untergeordnete Rolle, wie die Liebe.
Es ist reizvoll ein Mädchen nicht zu verführen, welches auf dem Punkte steht, sich uns zu ergeben: Denn unserer Eitelkeit genügt ihr Wollen, und für den flüchtigen Liebesgenuss erlangen wir das angenehme Gefühl unseres hohen Edelmutes.
71
In der Liebe macht man dem anderen Teil oft Kälte zum Vorwurf, um seine eigene Kälte zu verbergen.
71/72
Die Taktik, welche die Frauen zur Verteidigung ihrer Behauptungen anwenden, ist außerordentlich zweckmäßig. Zunächst sprechen sie die Behauptung aus, vielleicht mit Hinzufügung eines schwachen Beweises. Wenn der Mann diesen Beweis umständlich widerlegt hat, so sprechen sie ihre Behauptung, mit etwas ärgerlicherer Stimme, zum zweiten Mal aus, ohne irgend etwas hinzuzufügen. Der Mann, einigermaßen erstaunt, noch um keinen Schritt weiter gekommen zu sein, führt seinen Beweis von den verschiedensten Gesichtspunkten aus, aber die Frau wiederholt bloß ihre Behauptung, oder klagt, wenn sie der Sache überdrüssig ist, über Migräne und Nervenverstimmung, womit denn die Lazarettfahne aufgezogen und jeder weitere Angriff, nach den Gesetzen des Völkerrechts, abgeschnitten ist.
Das weibliche Geschlecht ist von Natur nicht koketter, als das männliche; aber während der Ehrgeiz des Mannes sich nach verschiedenen Richtungen hin betätigen kann, existiert für alle ehrgeizigen Bestrebungen des Weibes nur Eine Richtung: Eroberungen.
Die Koketterie ist der Ehrgeiz des weiblichen Geschlechts.
72/73
Wenn ein Mann heiratet, so hatte er gewöhnlich schon Dutzende von Weibern besessen; da hat seine Phantasie, sein Verlangen zu wechseln sich abgekühlt: Er bleibt seiner Frau aus Erschlaffung treu. Hingegen wird die Phantasie der Frau durch das eheliche Leben erst aufgeregt, und wenngleich sie ihren Mann im ersten Stadium der Ehe mehr liebt, als je zuvor, so wird sie doch bald seiner überdrüssig und verlangt zu wechseln.
Gewöhnlich entspringt die Untreue einer jungen Frau weniger aus Neigung zu ihrem Geliebten, als aus Überdruss an ihrem Manne.
Wenn man nicht mehr lieben mag, so denkt man daran, zu heiraten.
Dass sie keinen Mann haben, schmerzt die Mädchen weniger, als der Gedanke, dass man glauben möchte, sie könnten keinen Mann bekommen.
Wie oft man seiner Frau gegenüber auch Recht haben mag, die Frau behält immer Recht.
Liebende sind nie zärtlicher mit einander, als wenn sie ihre Langeweile verbergen wollen.
74
Gegen die Untreue seiner Geliebten kann man sich nur dadurch schützen, dass man sie von vornherein als unvermeidlich betrachtet.
Einen unglücklich Liebenden schmerzt es weniger, dass er des Liebesgenusses entbehren muss, als dass ein Anderer ihm vorgezogen ist, und einen glücklich Liebenden freut die Bevorzugung fast immer mehr, als der Liebesgenuss.
Unsere Liebe mästet sich mit dem Ärger über erlittene Zurücksetzung.
Die Eitelkeit ist die Amme der Liebe. Freilich gibt es eine wahre Liebe, die keine Amme bedarf, weil sie, wie Minerva, erwachsen zur Welt kommt.
Fast Alle werden geheiratet, weil man sie nicht kennt, fast Niemand, weil man ihn kennt.
75
Niemand würde seines Nächsten Gattin zum Weibe begehren, wenn er sie so genau kennte, wie sein Nächster. Männer herrschen, Frauen tyrannisieren
Jede Frau stachelt den Ehrgeiz ihres Mannes, weniger damit er von anderen Männern, als damit sie vor anderen Frauen hervorrage.
Der Liebende will besitzen, der Eitele nur begehrt werden.
Je mehr Glück wir uns von dem Besitz eines Gegenstandes versprechen, desto unglücklicher werden wir durch seinen Besitz. Daher sind die Ehen aus Liebe fast immer unglücklich und Geldheiraten verhältnismäßig glücklich.
75/76
Gegen seine Frau, seine Untergebenen, seine Diener darf man kein Misstrauen zeigen. Denn hierdurch werden sie an die Möglichkeit eines Treubruchs erinnert; auch erscheint ihnen derselbe weniger schlecht, weil der Misstrauische sich ja gleichsam auf ihn vorbereitet hat. Außerdem sind sie gerade treu, weil sie die Ehre, für treu gehalten zu werden, nicht verscherzen wollen, und endlich gewährt es kein geringes Vergnügen, Den, welcher misstrauisch jeden unserer Schritte bewacht, zu überlisten. Daher ist es zweckmäßig, stets das größte Vertrauen zu zeigen, - und das größte Misstrauen zu hegen.
Vor der Welt affektieren Gatten noch lange Glückseligkeit, nachdem die Welt schon bis ins Einzelnste von ihrem Unglück unterrichtet ist. Wie oft wir selbst auch zu lieben heucheln mögen, wir glauben stets aufrichtig geliebt zu werden.
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Die Mädchen lieben stets solche Männer, welche von Anderen schon geliebt werden: Um ihnen den Rang abzulaufen.
Das weibliche Geschlecht zieht stolze, anmaßende und freche Männer den unterwürfigen und bescheidenen vor: Jene reizen es, sie zu unterwerfen; diese sind schon unterworfen und haben deshalb keine Interesse mehr.
Wenn Liebe Gegenliebe findet, erlischt sie häufig, noch bevor sie irgend einen Liebesgenuss gekostet hat: Es lag ihr weder Sinnlichkeit noch Sympathie zu Grunde, sondern Eitelkeit.
Man heirate nicht: Denn von seinen erwachsenen Kindern wird man entweder mit Nachsicht behandelt (was unangenehm ist) oder ohne Nachsicht (was sehr unangenehm ist). Außerdem verbünden sich erwachsene Kinder mit der Mutter gegen den Vater oder mit dem Vater gegen die Mutter.
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Die Frau behandelt nicht ihren Freund so gut und ihren Mann so schlecht, weil die Persönlichkeit des Einen ihr zusagender ist, als die des Anderen, sondern weil eben der Eine ihr Mann und der Andere ihr Freund ist. Man lasse sie die Stellen tauschen, und ihre Behandlung wird gleichfalls umgekehrt werden.
Zurücksetzung vergrößert die Liebe, teils weil jeder erstrebte Gegenstand uns wertvoller erscheint, wenn
zwischen uns und ihn sich Schwierigkeiten drängen, besonders aber weil der Zurückgesetzte jetzt durch den Besitz des geliebten Gegenstandes nicht nur seiner Liebe zum Genuss verhelfen, sondern gleichzeitig seiner gekränkten, vielleicht durch Bevorzugung eines Anderen tief verletzten Eitelkeit Genugtuung verschaffen will. Daher auch die allen bekannte Tatsache, dass Eifersucht unsere Liebe verstärkt.
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Statt „dieses Mädchen ist kokett“ würde richtiger gesagt: Die Koketterie dieses Mädchens sieht man.
Man will die viel Begehrte, um der Vielen Vorgezogene zu sein.
Dass Weiber den ersten Fehltritt langsamer tun, als Männer, dann aber häufig schnell ganz und gar sinken, beruht nicht auf dem spezifisch weiblichen Charakter, sondern auf den Verhältnissen. Denn die Ehre des Weibes ist durch den ersten Fehltritt nun doch einmal verloren; es nützt ihm nichts, auf halbem Wege stehen zu bleiben.
Frauen entschuldigen an ihren Günstlingen Alles und tadeln Alles an Denen, die sie nicht leiden können.
Die Freier unserer Zeit prüfen nur die Emballage der Braut.
80
Ein schönes Weib macht häufig Die unglücklich, die sie nicht besitzen, und Den, welcher sie besitzt.
Den, welchen man nicht mehr liebt, behauptet man, nie geliebt zu haben. Daher die Versicherung aller Frauen, dass sie ihre Männer nie geliebt hätten.
Die Komplimente, welche wir den Weibern machen, sind ihnen schmeichelhaft als ein Tribut ihrer Schönheit, ihrer Liebenswürdigkeit, ihres Geistes, während wir sie doch nur machen, um selbst für liebenswürdig und geistreich gehalten zu werden.
Man will der Auszeichnung wegen Dem gefallen, dem sonst Niemand gefällt. Daher liebt das weibliche Geschlecht gerade die anspruchsvollen, verachtenden Männer.
82/83
Wenn zu der Liebe, mit der wir nach dem Besitz eines Weibes streben, sich Eifersucht gesellt, so erscheint das Weib uns liebenswürdiger, anmutiger und schöner, überhaupt um seiner selbst willen begehrenswerter, während wir tatsächlich seinen Besitz nur deshalb jetzt mehr begehren, weil wir Anderen vorgezogen werden wollen.
Eine glückliche Liebe mag Vorzüge vor einer unglücklichen haben, aber die unglückliche dauert länger, als die glückliche.
Das weibliche Geschlecht hat eine Vorliebe für ausschweifende Männer, teils wegen der Verständnisinnigkeit, teils weil es Reiz hat, den übrigen Geliebten Jener den Rang abzulaufen. Wenn ein Mädchen, das wir besitzen möchten, aber nicht heiraten, einen Anderen heiratet, so schmerzt uns das nur wenig. Hätte sie aber einen anderen Liebhaber uns vorgezogen, so würde uns das außerordentlich schmerzen: Woraus denn klar wird, wie wenig Liebe und wie viel Eitelkeit wir haben.
84/85
In den Garderoben der Ballsäle messen sich die Damen mit feindseligen Blicken; heimlich kichern sie über verunglückte Toiletten; mit unverstellter Freude gratuliert eine Gespielin der anderen zu ihrer gelungenen Toilette, wenn sie dieselbe misslungen findet, während dort ein Anzug als „nicht so hübsch wie sonst“ bezeichnet wird, wenn er ungewöhnlich hübsch ist; auch beachte man die guten Ratschläge über kleine, zweckmäßige Veränderungen bei Kostüms, die gegeben und von Neulingen, unter dem spöttischen Blick Erfahrener, befolgt werden; die Belagerung der Spiegel; den zufriedenen Ausdruck, mit dem schließlich jede von Spiegel fortgeht; die affektierte Unruhe derer, die ihrer Tänzer sicher sind; die affektierte Ruhe der Fürchtenden; die neidischen Blicke der Welkenden; die gleichgültigen Dinge, über die sich die Mütter unterhalten, während sie die Töchter vergleichend anschielen.
Weiber schreien, wo Männer handeln.
Cynthia liebt von zwei Männern den einen. Lesbia kommt dazu, welche ein natürliches Pendant zum anderen ist. Trotzdem liebt sie den ersteren, zu dem sie gar nicht passt: Um ihn Cynthia zu entreißen.
Wenn es aufhörte, Mode zu sein, dass man seine Eroberungen erzählt, so würde die öffentliche Sittlichkeit hierdurch mehr, als durch irgend etwas Anderes gehoben werden.
Um eine Frau für sich einzunehmen, ist es oft zweckmäßig, ihren Mann gegen sich einzunehmen.
86
Nichts bestärkt eine Frau so sehr in ihrem Vorsatz, wie der Widerspruch ihres Mannes. Man denkt: Mit diesem Mädchen wäre ich glücklich geworden, - ohne zu erwägen, dass man von seiner Frau dasselbe dachte.
Gatten behandeln sich so wenig menschenfreundlich, weil nicht – wie im Verkehr mit Fremden – Interesse oder Eitelkeit zu einen entgegengesetzten Betragen veranlassen.
Weil die Frau nachdrücklicher und gleichsam umsichtiger quält, als der Mann, und weil Männer sich dem Schelten, Bespötteln, Klagen, strafend Anblicken und Anschreien nicht so gut zu entziehen verstehen, wie Frauen, so hat die Bibel völlig Recht. Er soll dein Herr sein.
Das Band, welches Verlobte sowohl wie Eheleute bindet, ist oft die Furcht vor Skandal.
87
Oft glauben wir eine Person des anderen Geschlechts zu lieben, ihren Besitz zu begehren, wenn wir aus Eitelkeit von ihr begehrt werden wollen.
Unsere Liebe wächst, wenn ihr Gegenstand auch unseren Freunden gefällt, - weil unsere Eitelkeit nun gleichfalls triumphieren kann. Unsere Liebe nimmt ab, wenn ihr Gegenstand unseren Freunden missfällt, weil unsere Eitelkeit jetzt nicht triumphieren kann, vielleicht gar leidet.
Weiber sind von Natur nicht neidischer, als Männer, aber weil alle Weiber geborene Konkurrentinnen sind, so haben sie öfter Veranlassung zum Neiden. Die Treue unserer Geliebten hängt von dem Umstande ab, ob sie einen besseren Liebhaber findet oder nicht.
88
In der Liebe pflegt man gleichzeitig Betrüger und Betrogener zu sein.
Die Frau ist nicht selten über die Versehen ihres Mannes erfreut, weil sie nun durch Vorwürfe ihre Herrschaft festigen kann.
Die Frauen würden sich schneller ergeben, wenn sie nicht fürchteten, sich in den Augen des Verführers selbst herabzusetzen.
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Die Frauen gewähren ihre Gunstbezeugungen selten dem Zaghaften. Denn sie genieren sich vor ihm , durch ihr Betragen mehr Leichtigkeit zu zeigen, als er selbst in seiner Zaghaftigkeit vorausgesetzt. Hingegen scheint der Kühne sie nun doch einmal zu Gunstbezeugungen geneigt zu halten, so dass sie durch das Zugeständnis derselben nichts mehr vor ihm verlieren. Auch zwingt die zuversichtliche Besitznahme ihnen unwillkürlich den Gedanken auf, dass dieselbe irgendwie sich auf einen wirklichen Rechtsanspruch gründen müsse, und überhaupt ist einiger Mut erforderlich, um Jemanden Das abzuschlagen, was er wie sein rechtmäßiges Eigentum requirirt.
Eine Frau, die zufällig, gehört hat, dass bedeutende Frauen auch die Vorreden der Bücher lesen (nach Jean Paul), wird in Zukunft alle Vorreden lesen.
Paul Rée (* 21. November 1849 in Neu Bartelshagen, Pommern; † 28. Oktober 1901 in Celerina, Schweiz) war ein deutscher empiristischer Philosoph und späterer Arzt
Lyrik als Widerspruch zur gesellschaftlichen Praxis
Lassen Sie mich an Ihr eigenes Mißtrauen anknüpfen. "Sie empfinden die Lyrik als ein der Gesellschaft Entgegengesetztes, durchaus Individuelles. Ihr Affekt hält daran fest, daß es so bleiben soll, daß der lyrische Ausdruck, gegenständlicher Schwere entronnen, das Bild eines Lebens beschwöre, das frei sei vom Zwang der herrschenden Praxis, der Nützlichkeit, vom Druck der sturen' Selbsterhaltung. Diese Forderung an die Lyrik jedoch, die des jungfräulichen Wortes, ist in sich selbst gesellschaftlich. Sie impliziert den Protest gegen einen gesellschaftlichen Zustand, den jeder Einzelne als sich feindlich, fremd, kalt, be- drückend erfährt, und negativ prägt der Zustand dem Gebilde sich ein: je schwererer lastet, desto unnachgiebiger widersteht ihm das Gebilde, indem es keinem Heterognomen sich beugt und sich gänzlich nachdem je eigenen Gesetz konstituiert. Sein Abstand vom bloßen Dasein wird zum Maß von dessen Falschem und Schlechtem. Im Protest dagegen spricht das Gedicht den Traum einer Welt aus, in der es anders wäre. Die Idiosynkrasie des lyrischen Geistes gegen die Übergewalt der Dinge ist eine Reaktionsform auf die Verdinglichung der Welt, der Herrschaft von Waren über Menschen, die seit Beginn der Neuzeit sich ausgebreitet, seit der industriellen Revolution zur herrschenden Gewalt des Lebens sich entfaltet hat. […] –
Man pflegt zu sagen, ein vollkommenes lyrisches Gedicht müsse Totalität oder Universalität besitzen, müsse in seiner Begrenzung das Ganze, in seiner Endlichkeit das Unendliche geben. Soll das mehr sein als ein Gemeinplatz aus jener Ästhetik, die da als .Allerweltsmittel den Begriff des Symbolischen zur Hand hat, dann zeigt es an, daß in jedem lyrischen Gedicht das geschichtliche Verhältnis des Subjekts zur Objektivität, des Einzelnen zur Gesellschaft irn Medium des subjektiven, auf sich zurückgeworfenen Geistes seinen Niederschlag ınuß gefunden haben. Er- wird um so vollkommener sein, je weniger das Gebilde das Verhältnis von Ich und Gesellschaft thematisch macht, je unwillkürlicher es vielmehr im Gebilde von sich aus sich kristallisiert. […]
Die spezifische Paradoxie des lyrischen Gebildes, die in Objektivität umschlagende Subjektivität, ist gebunden an jenen Vorrang der Sprachgestalt in der Lyrik, von dem der Primat der Sprache in der Dichtung überhaupt, bis zur Form von Prosa, herstammt. Denn die Sprache ist selber ein Doppeltes. Sie bildet durch ihre Konfigurationen den subjektiven Regungen gänzlich sich ein; ja wenig fehlt, und man könnte- denken, sie zeitigte sie über- haupt erst. Aber sie bleibt doch Wiederum das Medium der Begriffe, das, was die un- abdingbare Beziehung auf Allgemeines und die Gesellschaft herstellt. Die höchsten lyrischen Gebilde sind darum die, in denen das Subjekt, ohne Rest von bloßem Stoff, in der Sprache tönt, bis die Sprache selber laut wird. Die Selbstvergessenheit des Subjekts, das der Sprache als einem Objektiven sich anheimgibt, und die Unmittelbarkeit und Unwillkürlichkeit seines Ausdrucks sind dasselbe: so vermittelt die Sprache Lyrik und Gesellschaft im Innersten. Darum zeigt Lyrik dort sich am tiefsten gesellschaftlich verbürgt, wo sie nicht der Gesellschaft nach dem Munde redet, wo sie nichts mitteilt, sondern wo das Subjekt, dem der Ausdruck glückt, zum Einstand mit der Sprache selber kommt, dem wohin diese von sich aus möchte. [...]
Wo das Ich in der Sprache sich vergißt, ist es doch ganz gegenwärtig; sonst verfiele die Sprache, als geweihtes Abrakadabra, ebenso der Verdinglichung wie in der kommunikativen Rede. Das weist aber zurück auf das reale Verhältnis zwischen Einzelnem und Gesellschaft. Nicht bloß ist der Einzelne in sich gesellschaftlich vermittelt, nicht bloß sind seine Inhalte immer zugleich auch gesellschaftlich. Sondern umgekehrt bildet sich und lebt die Gesellschaft auch nur vermöge der Individuen, deren Inbegriff sie ist. [. . .]
Es war meine Behauptung, das lyrische Gebilde sei stets auch der subjektive Ausdruck eines gesellschaftlichen Antagonismus. Da aber die objektive Welt, welche Lyrik hervorbringt, an sich die antagonistische ist, so geht der Begriff von Lyrik nicht auf im Ausdruck der Subjektivität, der die Sprache Objektivität schenkt. Nicht bloß verkörpert das lyrische Subjekt, je angemessener es sich kundgibt, um so verbindlicher auch das Ganze. Sondern die dichterische Subjektivität verdankt sich selber dem Privileg: daß es nur den wenigsten Menschen je vom Druck der Lebensnot erlaubt wurde, in Selbstversenkung das Allgemeine zu ergreifen, ja überhaupt als selbständige, des freien Ausdrucks ihrer selbstmächtige Subjekte sich zu entfalten.
Text aus: Theodor W. Adorno: Rede über Lyrik und Gesellschaft. In: Noten zur Literatur I. Frankfurt, 1969, S.77ff
Kurt Pinthus: Zur jüngsten Dichtung
Die jüngsten Menschen aber, nach 1900 sich entwickelnd, fanden sich wehrlos und ungeschützt hineingestellt in den schimmernden Zauber der abenteuerlichen Reisen, der freier sich bietenden Geschlechtlichkeit, der von geheimnisvollen Farben, Geräuschen und Gestalten schwirrenden und verwirrenden Straßen, Landschaften, Cafes und Vergnügungspaläste, der rätselhaften Fabriken, Maschinen und Bewegungsmöglichkeiten Sie stürzten sich, beherrscht vom rasenden Takt der mechanisch abrollenden Umwelt, mit wollüstigem Schrei in die „Welt neuer Wunder", verschwendeten sich entzückt an die Erscheinungen, ließen Sinne und Nerven lodern und zucken und dichteten Rausch, Spannung und Kater. Bis allmählich in der Seligkeit des Seins leise anklingend, dann posaunenhaft dröhnend die Erkenntnis aufschwoll: Wir sind! Und sind Menschen! Uns Menschen soll nicht die Welt, sondern die Menschheit das wichtige sein. „Die Welt fangt im Menschen an." (Werfel) „Uns dient die Erde nur, uns selbst zu sehen" (Wolfenstein) Alle unsre Wege sollen weg von uns, sondern zu uns hin führen.
Nicht wollen wir einen Mikrokosmos in die Welt, sondern den Makrokosmos in unsern Mikrokosmos hineinprojizieren und umgebärerı. Von der Expansion hin zur Konzentration! Nicht Erschütterungen der Sinne, sondern Erschütterungen der Seele! Mit aulkeimender Einsicht: Wirklichkeit und Kunst seien nicht ein Abhängiges, Bedingtes, sondern (urn es schärfstens- zu formulieren) sie schlössen sich aus, beginnt die Epoche der jüngsten Kunst. Die Wirklichkeit, die starr und wild, mild und sanft uns umgibt, jene Wirklichkeit, die unsere Sinne lockt, ätzt, quält, entzückt, jene Wirklichkeit, von der wir nicht wissen, was eigentlich an sich sie ist, jenes uns ganz Fremde, das außer uns, ohne uns ist, Chaos, jenseits unseres geistigen Willens, in das mühsam wir Gesetze hineininterpretieren - und jene Kunst, die ganz und gar aus uns selbst strömt, die ganz in der Idee, in der von uns gegebenen Form lebt, also ganz und immer Schöpfung und Werk unseres Gefiíhls, Geistes und Willens ist... was eigentlich haben sie miteinander gemeinsam? Was anderes, als dass wir der Kunst Ausdrucksmöglichkeiten, Requisiten wie eine Haut abnehmen von den Erscheinungen, welche die Wirklichkeit unseren Sinnen darbietet, - um das der Wirklichkeit Fremdeste: Geist, Fühlen, Wollen einander sichtbar zu machen.
Die Wirklichkeit vom Umriß ihrer Erscheinung zu befreien, uns selbst von ihr zu befreien, sie zu überwinden nicht mit ihren eigenen Mitteln, nicht indem wir ihr entfliehen, sondern, sie umso inbrünstiger umfassend, durch des Geists Bohrkraft, Beweglichkeit, Klärungssehnsucht, durch des Gefiihls Intensität und Explosivkrafi sie besiegen und beherrschen, das ist der gemeinsamste Wille der jüngsten Dichtung. Unter Wirklichkeit soll nicht etwa nur die Erscheinungswelt der Natur und der uns umgebenden, von uns selbst geschaffenen körperlichen Kulissen der Städte und der Erzeugnisse formender Technik verstanden werden, sondern vor allem das Gewirr unserer sozialen, kulturellen, politischen, wirtschaftlichen Beziehungen und Einrichtungen.
Kurt Pinthus
* 29. April 1886 in Erfurt; † 11. Juli 1975 in Marbach am Neckar; Pseudonym Paulus Potter, war ein deutscher Schriftsteller und Journalist.
Text aus: Vom jüngsten Tag. Ein Almanach neuer Dichtung. Leipzig 1915. ' ' Zifiert nach: Wort und Sinn, Arbeitsbuch Literatur, Struktur und Geschichte, Padeıbom 1980, Schöningh Verlag, S. 46/47.
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Februar / März 17 DIE ARCHAISCHE ZEIT (bis ca. 500 v. Chr.)
um 1000 Große oder Ägäische Wanderung: Zusammenbruch des Hethiterreiches und des ägyptischen Neuen Reiches. Niedergang der mykenischen Kultur in Griechenland. Die Illyrer geben den Anstoß zur Großen Wanderung; ein Teil davon ist die Dorische Wanderung: Die Peloponnes-Halbinsel wird von Doriern, das übrige Griechenland von Nordwestgriechen besetzt.
8. Jh. Entstehung der Polis: Stadtstaat, gegr. vom erstarkenden Adel, besonders in Thessalien, Argolis und Attika, häufig durch Zusammensiedlung von größeren und kleineren Gemeinwesen (Synoikismos).
Die Polis Athen wird Hauptort von Attika. Geometrischer Stil in der Kunst. Entwicklung der griech. Mythologie u. Götterwelt. Entwicklung des griech. Epos: Ilias und Odyssee, entstanden bei den Griechen Kleinasiens. Dichterfigur: Homer (keine sichere Zuordnung der Werke). Homer schafft eine allgemeine, griechische Literatursprache.
seit 1500 Entwicklung der kretisch-mykenischen Schrift bis zum griechischen Alphabet, zuerst auf Melos, Thera und Kreta. Erst im 7. Jh. nennen sich die Griechen "Hellenen" ("Griechen" kommt vom lateinischen "Graeci").
um 800 Gründung von Sparta
um 800 Eroberung der Festung Amyklai durch die Spartaner. Zu jedem Jahresanfang wird den Heloten von den Spartanern der Krieg neu erklärt. Tiefer Haß. Spartanisches Doppelkönigtum.
740-720 1. Messenischer Krieg.
660-640 2. Messenischer Krieg. Entwicklung der Phalanx aus den spartanischen Hoplitenkämpfern.
Tyrtaios: Spartanischer Elegiendichter, Sänger des spartanischen Mannestums und Kriegermutes.
nach 640 Bodenreform: gleiche Verteilung des Bodens an alle Spartiaten. Verfassungsänderung: Apella, Versammlung der Wehrgemeinde; Gerusia, Rat der Alten; Doppelkönigtum mit Vetorecht; neben die "Phylen" treten die "Oben"; an die Spitze des Staates treten fünf Männer, die Ephoren, die jährlich wechseln. König und Ephoren garantieren sich gegenseitig. Nach antiker Überlieferung geht diese Verfassung schon auf Lykurgos (im 8. Jh.) zurück. Die Reformen beschränken sich auf die Spartiaten.
Die Heloten und Periöken werden weiter brutal unterdrückt. Verhältnis Spartiaten zu Heloten: ca. 1:7.
550 Bildung des Peloponnesischen Bundes unter Führung Spartas.
8./6. Jh. DIE GRIECHISCHE KOLONISATION
Ausdehnungsvorgang der griechischen Welt auf sämtliche Küsten des Mittelmeeres und des Schwarzen Meeres.
Kolonisation in politisch noch leere Räume. Ausgangspunkte: Chalkis, Eretria (ionisch), Megara, Korinth.
Zunächst meist Ackerbaukolonien.
Erste Gründung im Westen (Italien): Kyme (Cumae).
Einzige spartanische Kolonie: Tarent.
im 7. Jh. Soziale Krise des Demos.
Einteilung der Bevölkerung in Phylen (Stamm) und Phratrien (Bruderschaft), urspr. zu milit. Zwecken, schon bei Homer. Später die äußere juristische Gliederung des Gemeinwesens: Phratrie = Zusammenschluß mehrerer Familien, Phyle = mehrere Phatrien. Zugehörigkeit zu beiden war erblich. Veränderungen in der Kampfesweise: vom homerischen Einzelkämpfer zur Phalanx.
um 600 Gründung von Massalia (Marseille).
Entwicklung des Dionysos-Kultes als Antipode der homerischen, olympischen Götter.
7. Jh. Hesiod: "Theogonie", Gedicht von der Entstehung der Götter.
um 650 Archilochos: erster griechischer Lyriker.
um 650 Erste griech. Tyrannis in Korinth. (Ursprünglich ausgleichende Wirkung der Tyrannis zwischen Adel und Demos.)
594 Kodifizierung des Rechts: Solonische Gesetzgebung.
um 500 Erstarken Karthagos im Westen und Persiens im Osten. Damit Ende der griechischen Kolonisation.
6./5. Jh. DAS KLASSISCHE ATHEN
594 Wahl Solons zum Archon.
559 Tod Solons. (Nach mehrjähriger Amtsführung geht Solon auf Reisen, bis er 559 in Athen stirbt.)
ab 561 Tyrannis des Peisistratos, der zweimal vertrieben wird und 527 stirbt. Er entfaltet rege Bautätigkeit in Athen. Schaffung der Panathenäen und der All-Athene-Feiern. Seine Söhne Hipparchos und Hippias regieren wie ihr Vater unter Mißachtung der Solonischen Verfassung.
514 Ermordung des Hipparchos.
510 Vertreibung des Hippias mit Hilfe der Spartaner unter König Kleomenes. Nach einigen Wirren in Athen behauptet sich:
509/07 Kleisthenes: Phylen-Reform.
DIE BLÜTEZEIT GRIECHENLANDS (510-404 v. Chr.)
500-494 Aufstand der Griechen in Kleinasien gegen die Perser. Athen leistet Hilfe.
494 Zerstörung von Milet durch die Perser. Herodot (485-430): Historiker der Perserkriege.
493 Themistokles (528-462) wird Archon in Athen.
492 1. Perserzug gegen Athen. (Perserkönig Dareios).
492 Untergang der persischen Flotte im Sturm am Kap Athos.
490 2. Perserzug gegen Athen. Schlacht bei Marathon. Sieg der Athener.
480-477 3. Perserzug gegen Griechenland
480 Schlacht bei den Thermopylen: Niederlage der Spartaner unter Leonidas durch Verrat. (Perserkönig Xerxes).
480 Seeschlacht bei Salamis: Themistokles besiegt die Perser.
479 Endgültiger Sieg der Griechen bei Platää über die Perser.
477 Gründung des Attischen Seebundes gegen die Perser, unter Führung Athens (ohne Sparta). Zweifrontenstellung Athens gegen Persien und Sparta.
471 Verbannung von Themistokles aus Athen (durch Ostrakismus: Scherbengericht).
476-461 Kimon herrscht in Athen.
461 Verfassungsreform: Ausschaltung des Areopags.
448 Kallias-Friede zw. Athen und Persien. Athen gibt den Kampf gegen Persien auf, Persien verzichtet auf die griechischen Städte in Kleinasien.
446-431 Zeitalter des Perikles in Athen
Perikles (495-429): verbessert die demokratische Verfassung.
446 Er schließt Frieden mit Sparta.
Er läßt die Akropolis erbauen.
Er läßt die Langen Mauern um den Hafen Piräus und die Stadt Athen bauen: Athen Land- und Seefestung.
Krise um den Attischen Seebund.
Höhepunkt der griechischen Demokratie: Im Unterschied zur modernen Demokratie noch ohne Repräsentativsystem und Institutionalisierung der Regierungsfunktionen. Aber Ansätze zur Gewaltenteilung. Ämter durch Lose verteilt. Nur die 10 Strategen werden gewählt. In der Volksversammlung verkörpert sich die Gesamtheit der Vollbürger in der Polis als Stadtstaat. Einfluß auf die Politik durch Beschlüsse der Volksversammlung. Unabhängigkeit der Rechtsprechung durch Geschworenengerichtshöfe. Noch keine methodische Rechtswissenschaft (daher heute Einfluß des römischen Rechts stärker). Dreiteilung der Bevölkerung in Vollbürger, Metöken (Zugewanderte) und Sklaven.
Höhepunkt der Klassik in der griechischen Philosophie, Literatur, Geschichtsschreibung, Theater- und Baukunst.
431-404 Der Peloponnesische Krieg
Ursache: Rivalität zwischen Athen und Sparta.
Anlaß: Einmischung Athens in einen Krieg zwischen Kerkyra und Korinth. Kriegsbeschluß Korinths und Spartas gegen Athen.
Thukydides (um 460 bis nach 400): Historiker des Pelop. Krieges.
Drei Phasen des Pelop. Krieges:
a) 431-421: Der Archidamische Krieg.
b) 415-413: Die Expedition Athens nach Sizilien.
c) 413-404: Der Dekeleische Krieg.
429 Perikles stirbt an der Pest in Athen.
421 Der Friede des Nikias: der "faule Friede" beseitigt nicht die Feindschaft zwischen Athen und Sparta.
415-413 Krieg der Athener gegen Sizilien auf Veranlassung des Alkibiades. Katastrophales Scheitern der Athener. Alkibiades verrät die Athener, flieht nach Sparta und zu den Persern.
413-404 Dekeleische Krieg: Sparta besetzt Dekelea auf Attika und terrorisiert die Landbevölkerung von Athen. Verfassungsänderung von Athen.
404 Belagerung Athens und endgültige Niederlage des Stadtstaates gegen Sparta.
4. Jh. DER NIEDERGANG DER DEMOKRATIE IN ATHEN UND DIE ÜBERFORDERUNG SPARTAS ALS SIEGERMACHT
399 Sokrates hingerichtet.
401-399 Zug der Zehntausend: "Anabasis" von Xenophon, die Katastrophe eines griech. Söldnerheeres in persischen Diensten am Schwarzen Meer.
399-394 Krieg zw. Sparta und Persien. Niederlage der Spartaner.
387 Der "Königsfriede": Kleinasien wird persisch, Hegemonie Spartas in Griechenland.
379-362 Krieg zwischen Sparta und Theben.
371 Schlacht bei Leutra. Der Thebaner Epaminondas vernichtet die Macht der Spartaner. Auflösung des Pelop. Bundes. Ende des klassischen Sparta.
362 Schlacht bei Mantinea: Tod des Epaminondas.
357-355 Bundesgenossenkrieg Athens gegen seine kleinasiatischen Bündner.
359-336 König Philipp II. von Makedonien einigt die makedonischen Völker.
338 Schlacht von Chaironeia: Sieg Philipps über die Griechen, entschieden durch die Reiterei unter Sohn Alexander.
336 Ermordung Philipps.
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336-323 ALEXANDER DER GROSSE (geb. 356)
Durch Philipp II. geeinigt, hat Makedonien die Hegemonie über Griechenland errungen. Sein Sohn Alexander greift nach der Weltmacht.
335 Zerstörung von Theben durch Alexander.
334 Eröffnung des Feldzugs gegen Persien als griech.-makedonischer "Rachefeldzug".
334 Sieg am Granikos über die Perser.
333 Sieg bei Issos über Dareios III. Alexander erobert den Westteil des Perserreiches.
331 Sieg bei Arbela und Gaugamela. Tod von Dareios III. Alexander wird Herrscher über das Perserreich.
327-325 Alexanders Zug nach Nordwestindien.
324 Massenhochzeit von Susa: Plan zur Verschmelzung von Makedonen und Persern zur Begründung eines griech.-orient. Weltreiches. Plan zur Eroberung des westlichen Mittelmeeres, Arabiens und Afrikas.
323, Juni Tod Alexanders am Fieber in Babylon.
323-280 DIE KÄMPFE DER DIADOCHEN
Der plötzliche Tod von Alexander macht offenbar, daß seine Weltreichidee kaum zu realisieren ist:
nach 323 Entstehung von Diadochenreichen:
- Perdikkas: Reichsverweser.
- Antipater: Statthalter in Makedonien und Griechenland.
- Antigonos: Statthalter in Phrygien und Lykien.
- Ptolemaios: Statthalter in Ägypten.
- Lysimachos: Statthalter in Thrakien.
315 Antigonos Herr in Asien.
306 Antigonos nimmt Königstitel an.
304 Ptolemaios, Seleukos, Lysimachos und Kassander nehmen ebenfalls Königstitel an.
301 Schlacht bei Ipsos: Sieg des Seleukos und Lysimachos über Antigonos. Entstehung von 4 Reichen:
- Makedonien: Reich des Kassander.
- Kleinasien: Reich des Lysimachos.
- Ägypten: Reich des Ptolemaios.
- Syrien: Reich des Seleukos.
281 Schlacht bei Kurupedion: Sieg des Seleukos über Lysimachos (Tod).
280 Die Diadochenkämpfe enden mit drei großen hellenistischen Monarchien:
- Makedonien: unter den Antigoniden
- Vorderasien: unter den Seleukiden
- Ägypten: unter den Ptolemaiern
168-30 Die Römer erobern die Reste der hellenistischen Reiche und formen sie zu eigenen Provinzen um.
30 v. Chr. Niederlage und Tod von Kleopatra und Marc Antonius in Ägypten gegen die Römer.
280-30 DER HELLENISMUS
Der Begriff des Hellenismus (neugeprägt von Droysen) bezeichnet die Durchdringung des Orients (und des Westens, einschließlich Roms) durch die griechische Kultur sowie die gleichzeitige Einwirkung von orientalischem Kulturgut auf die Griechen. In der politischen Betrachtung umfaßt das Zeitalter des Hellenismus aber nur die Geschichte der Diadochenstaaten - und daneben die der Griechen des Mutterlandes - von ihrer Herauslösung aus dem Alexanderreich bis zur Eroberung Ägyptens durch Rom im Jahre 30 v. Chr. (und damit dem Ende des letzten Diadochenstaates). Verfassungs- und Lebensform der griechischen Polis bleiben im Hellenismus weitgehend intakt. Auch der Aufstieg des Orients vollzieht sich erst unter der Kulturdecke des Hellenismus. Ebenso ist die Verbreitung einer griechischen Umgangssprache (Koine) im Zeitalter des Hellenismus und die Offenheit für orientalisches Denken bei den Griechen und Römern eine wesentliche Voraussetzung für die rasche Ausbreitung des Christentums nach der Zeitenwende.
Beispiele für hellenistische Kunst und Wissenschaft:
- Baukunst: Zeusaltar von Pergamon.
- Technik: Leuchtturm von Alexandria.
- Naturwissenschaften: Entdeckungen in Mathematik, Physik, Geographie, Astronomie, Anatomie und Biologie: Euklid, Archimedes, Apollonios, Philon, Aristarchos, Hipparchos, Eratosthenes u.a.
- Sprach- und Literaturwissenschaft: Bibliothek von Alexandria (verbrannt); Texte griechischer Dichter; Werke von Homer in Abschriften und Übersetzungen; das Alte Testament in Abschriften u. Übersetzungen.
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753-510 DIE KÖNIGSZEIT
um 900 Stadtstaaten der Etrusker.
753 Gründung Roms.
Sagenhaft: Romulus und Remus und die Wölfin. Sagenhafte Reihe der 7 Könige: Romulus, Numa Pompilius, Tullus Hostilius, Ancus Marcius, Tarquinius Priscus, Servius Tullius, Tarquinius Superbus.
um 510 Vertreibung der etruskischen Königsfamilie.
510-340 DAS WERDEN DER RÖMISCHEN REPUBLIK
5. Jh. Die Patrizier beherrschen die Republik.
Ständekämpfe zwischen Patriziern und Plebejern.
Centuriatsverfassung. Nobilität.
um 451 Zwölftafelgesetz.
387/86 Niederlage der Römer an der Allia gegen die Gallier.
um 378 Errichtung einer Stadtmauer in Rom um die 7 Hügel:
Capitolinum, Palatium, Aventinus, Caelius, Esquilinus, Viminalis, Quirinalis.
367/66 Plebejer erhalten Zugang zum Konsulat.
343-341 1. Samniterkrieg.
340-268 DIE BEGRÜNDUNG DER HERRSCHAFT IN ITALIEN
340-338 Latinerkrieg. Unterwerfung Latiums durch die Römer.
326-304 2. Samniterkrieg.
298-290 3. Samniterkrieg. Sieg der Römer.
Einverleibung des Ager Gallicus. Sieg über die Etrusker.
287 Beschlüsse der Plebejerversammlung sind Gesetz.
Abschluß der Ständekämpfe zw. Patriziern u. Plebejern.
282-272 Krieg mit Tarent (geg. d. süditalien. Griechen).
279 Pyrrhus-Sieg bei Asculum in Apulien unter großen Verlusten. Der Grieche Pyrrhus erobert fast ganz Sizilien. Kriegsbündnis zwischen Rom und Karthago.
275 Pyrrhus in der Schlacht bei Beneventum von den Römern geschlagen. Begründung der Italischen Wehrgenossenschaft.
264-133 DIE BEGRÜNDUNG DER WELTHERRSCHAFT
264-241 1. Punischer Krieg.
Rom gegen Karthago. Friede: Die Karthager verzichten auf ganz Sizilien. Der Westteil Siziliens wird erste röm. Provinz.
238 Abtretung der Inseln Sardinien und Korsika an die Römer.
(2. römische Provinz).
218-201 2. Punischer Krieg.
Anlaß: Eroberung Sagunts in Spanien durch Hannibal 219.
218 Hannibals Zug über die Alpen nach Italien.
217 Schlacht am Trasimenischen See: Hannibal vernichtet 30.000 Römer unter C. Flaminius. Q. Fabius Cunctator (der Zögerer) zum röm. Diktator bestimmt. Dieser vermeidet die offene Schlacht mit dem karthagischen Heer.
216 Schlacht bei Cannae: Hannibal vernichtet in der wohl berühmtesten Kesselschlacht der Geschichte die Römer. Rom isoliert. Nur Latium und Campanien bleiben treu. Dennoch gibt Rom seine Sache nicht verloren. In diesem Überdauern der Niederlage hat der griech. Historiker Polybios (gest. um 120) den Anfang zu Roms stetigem Aufstieg zur Großmacht erkannt.
215 Wendung des Krieges zugunsten der Römer. Hannibal muß den Angriffskrieg aufgeben. Er erhält von Karthago keine Unterstützung mehr.
214-210 Krieg in Sizilien. Die Römer erobern Syrakus. Hannibal operiert hilflos in Süditalien.
212 Zug gegen Rom mißlingt: "Hannibal ante portas!"
Gleichzeitig Kämpfe der Scipionen in Spanien gegen Hannibals Bruder Hasdrubal.
209 Carthago nova von den Römern erobert. (Scipio Afrikanus).
207 Niederlage und Tod Hasdrubals bei Schlacht in Oberitalien.
215-205 Gleichzeitig im Osten: 1. Makedonischer Krieg:
Philipp von Makedonien unterstützt zunächst Hannibal, bringt jedoch keine entscheidende Hilfe.
205 Friede von Phoinike.
204 Scipio landet in Afrika. Hannibal wird von den Karthagern aus Italien zurückgerufen.
202 Entscheidungsschlacht bei Zama in Nordafrika zwischen den Heeren von Scipio und Hannibal. Karthager vernichtet. Hannibal flüchtet und rät zum Frieden.
201 Friedensschluß: Karthago verzichtet auf Spanien und die Inseln im Mittelmeer. Es übergibt Numidien an Masinissa, zahlt auf 50 Jahre eine jährliche Kriegskostenentschädigung von 200 Talenten, liefert alle Kriegsschiffe aus bis auf 10 und darf fortan nur noch mit Erlaubnis der Römer Krieg führen. Rom tritt die Nachfolge Karthagos in der Beherrschung des westlichen Mittelmeeres an.
200-191 Oberitalien wird Provinz Gallia cisalpina (nach schwerem Kampf mit den dortigen Stämmen).
200-197 2. Makedonischer Krieg: Sieg der Römer in der Schlacht bei Kynoskephalae 197 gegen Philipp V.
183 Selbstmord Hannibals.
171-168 3. Makedonischer Krieg: Sieg der Römer unter L. Aemilius Paullus über den makedonischen König Perseus in der
168 Schlacht bei Pydna. Ende des makedonischen Königtums. Seit 168 ist Rom Schiedsrichter der Welt am Mittelmeer. Wachsende Verachtung der "Graeculi" in Rom.
146 Römische Provinz Makedonia.
149-146 3. Punischer Krieg: Streitigkeiten der Karthager mit Masinissa führen zu Kämpfen ohne römische Erlaubnis. In Rom drängt Cato (gest. 149) auf Krieg: "Ceterum censeo Carthaginem esse delendam".
146 Einnahme und Zerstörung Karthagos. Afrika röm. Provinz.
135-131 1. Sklavenkrieg.
133 Röm. Provinz Asia.
121 Röm. Provinz Gallia Narbonensis. Die röm. Politik, besonders in den Provinzen, ist bestimmt durch den Gedanken der "Pax Romana". Roms Erfolge im Osten werden vom Zerfall der hellenistischen Staaten erleichtert.
133-30 DAS ZEITALTER DER BÜRGERKRIEGE
133-121 Die Revolution der Gracchen: Tiberius Sempronius Gracchus fordert Revision der Zuweisung von Gemeindeland. Beim Versuch, seine Wiederwahl als Volkstribun gesetzeswidrig durchzudrücken, wird
133 Tiberius 133 mit 300 Anhängern von den Optimaten unter P. Cornelius Scipio Nasica erschlagen.
123 Gaius Sempronius Gracchus erneuert als Volkstribun das Agrargesetz seines Bruders, fordert staatlichen Getreidekauf an Arme zu verbilligten Preisen, Erleichterung des Kriegsdienstes, Sicherung der persönlichen Freiheit. Er fordert die Zuerkennung latinischen Rechts an alle italischen Bundesgenossen. Dadurch Opposition gegen ihn.
121 Selbstmord von Gaius Gr., nach Straßenkämpfen in Rom, Erstürmung des Aventin.
Aufhebung der "leges" des Gaius Gracchus.
120-70 MARIUS UND SULLA
111-105 Jugurthinischer Krieg.
113-101 Krieg gegen die Kimbern und Teutonen:
Erneuerung des Gallierschreckens in Rom. Marius, fünfmal zum Konsul gewählt, reformiert das röm. Heer zum Berufsheer.
105 Niederlage der Römer bei Arausio gegen die Kimbern.
102 Schlacht bei Aquae Sextiae: Marius besiegt die Teutonen.
101 Schlacht bei Vercellae: Marius besiegt die Kimbern.
88-84 1. Mithridatischer Krieg.
Gleichz. Bürgerkrieg zwischen Marius und Sulla. Letzte Erhebung des Griechentums gegen Rom. König Mithradates tötet 80.000 Römer. Reaktion gegen das Treiben der röm. Steuerpächter. Sulla schlägt Mithradates in Griechenland.
84 Friede zu Dardanos mit Mithradates. Mit 40.000 Mann kehrt Sulla nach Italien zurück, wo inzwischen die Marianer herrschen (Schreckensherrschaft der Optimaten unter Marius und Cinna).
86 Tod von Marius.
84 Tod von Cinna.
82 Sulla besetzt Rom mit seinen sieggewohnten Truppen. Proskriptionslisten (Todes-Namenslisten) gegen die Marianer.
82 Sulla Diktator in Rom. Reaktionäre Gesetzgebung.
83-81 2. Mithridatischer Krieg.
Erneuter Sieg und Triumph Sullas.
80 Sulla legt überraschend die Diktatur nieder und zieht sich aus der Politik zurück.
79 Tod Sullas.
74-64 3. Mithridatischer Krieg.
Pompeius schlägt König Mithradates.
70 Umsturz der Sullanischen Verfassung: Wiederherstellung der tribunizischen Gewalt durch die Konsuln Pompeius und Crassus.
MERKMALE DER SULLANISCHEN EPOCHE:
Reaktion gegen den Radikalismus der Gracchen.
Wiederbelebung altadliger Haltung in Politik und Kultur, vertieft durch späthellenistischen Schicksalsglauben und Epikureismus. Begünstigung italischer Sitten und altrömischer Kultur. Abschirmung der Senatherrschaft bei gleichzeitiger Schwächung der Macht der Volkstribunen.
70-44 POMPEIUS UND CAESAR
106-48 Pompeius: geb. 29.09.106 v. Chr., steigt unter Sulla als Feldherr auf. Von 67-64 rottet er das Seeräuberunwesen im Mittelmeer aus. Er beendet siegreich den 3. Mithradatischen Krieg. Neuordnung Asiens: Neue Provinzen Pontus, Syria und Cilicia.
100-44 C. Julius Caesar: geb. 12.07.100 v. Chr., aus altadligem Geschlecht, aber Neffe des Marius, Schwiegersohn Cinnas, daher 82 von Sulla geächtet, dann "begnadigt". Caesar tut Kriegsdienst in Cilicia, studiert in Rhodos Rhetorik, wird von Seeräubern gefangen.
68 Caesar wird Quästor in Spanien.
65 Caesar wird Aedil.
63 Caesar wird Pontifex Maximus.
63 Cicero Konsul: er bekämpft die Verschwörung des Catilina (Umtriebe verarmter Optimaten).
62 Niederlage und Tod des Catilina mit 3.000 seiner Anhänger in der Schlacht bei Pistoria.
60 Triumvirat zwischen Pompeius, Caesar und Crassus.
59 Caesar Konsul:
Übernahme von Cypern als Erbe der Ptolemaier.
Ächtung Ciceros wegen der Hinrichtung römischer Bürger (der Catilinarier) ohne gerichtliches Urteil.
56 Erneuerung des Triumvirats zw. Pompeius, Caesar, Crassus.
53 Crassus auf Kriegszug gegen die Parther getötet.
52 Pompeius wird Konsul "sine collega": Er erreicht damit sein Ziel verfassungsmäßiger Alleinherrschaft.
58-51 Caesar erobert Gallien: "Bellum Gallicum".
Provinz Gallia.
Caesar gewinnt dabei ein kampferprobtes, ergebenes Heer. Er verlangt von Pompeius die Niederlegung des Oberbefehls über das röm. Heer. Der Senat fordert die Auflösung von Caesars Heer. "Senatus consultum ultimum" geg. Caesar.
49 Bürgerkrieg zwischen Pompeius und Caesar.
Caesar überschreitet den Rubicon: "Alea iacta est!"
Pompeius und ein Teil des Senats, darunter Cicero, entweichen nach Brundisium, bei Caesars Nachsetzen nach Dyrrhachium. Caesar ist Diktator.
48 Entscheidungsschlacht bei Pharsalus in Griechenland zwischen Pompeius und Caesar. Caesar siegt, Pompeius flieht und wird ermordet.
48-47 Alexandrinischer Krieg: Während der Verfolgung des Pompeius Verbrennung der Flotte vor Alexandria und des berühmten Museions in Alexandria mit seiner unersetzlichen hellenistischen Bibliothek.
Caesar siegt am Nil.
Kleopatra Königin in Ägypten (und Geliebte Caesars).
47 Krieg Caesars gegen Pharnaces, den Sohn des Mithradates. ("Veni, vidi, vici!")
Caesar kehrt siegreich nach Rom zurück. Begnadigung seiner Gegner, darunter Cicero.
46 Sieg Caesars bei Thapsus in Afrika gegen die Pompeianer und Teile des Senats.
Triumph Caesars über Gallien, Ägypten, Pharnaces, Afrika.
Wahl zum Diktator auf 10 Jahre, später auf Lebenszeit.
Ehrennamen: "Imperator" und "Pater patriae".
Neuordnung des Staates. Lex Julia mincipalis über die Gemeinden Italiens. Äckerverteilung an die Veteranen. Erweiterung des Senats.
Julianischer Kalender: Einführung des ägyptischen Sonnenjahres (statt röm. Mondjahr) mit 365 1/4 Tagen und einem Schaltjahr alle 4 Jahre. (Gültigkeit bis zur Gregorianischen Reform 1582.)
Übersteigerung der Ehrungen für Caesar und der Verdacht, er wolle sich eine Königskrone aufsetzen lassen, führen zu einer republikanischen Verschwörung im Senat, der Caesar zum Opfer fällt:
44, 15.03. Die Iden des März: Ermordung Caesars (Erdolchung) durch seinen Adoptivsohn Brutus und andere Senatoren. (Im Senat, vor dem Denkmal des Pompeius.)
44-30 DAS ENDE DER BÜRGERKRIEGE
Marc Antonius reißt die Vollstreckung von Caesars Testament an sich.
43 Triumvirat zwischen Marc Antonius, Octavian und Lepidus.
43-42 Krieg gegen die Caesarmörder.
42 Schlacht bei Philippi: Antonius schlägt die Caesarmörder Brutus und Cassius.
31-30 Krieg zwischen Marc Antonius und Octavian.
31 Seeschlacht bei Actium: Sieg Octavians. Selbstmord von Antonius und seiner Geliebten Kleopatra.
30 Einnahme von Alexandria durch Octavian. Ägypten wird römische Provinz. Ende der hellenistischen Staaten.
30 v. - 476 n. Chr. DIE RÖMISCHE KAISERZEIT
30 v. bis 14 n. Chr. Kaiser Augustus (Octavian).
27 Neue Staatsform des Prinzipats, Ende der Republik: Der Kaiser als "princeps", zunächst im Senat, dann allgemein. Titel: "Imperator Caesar Augustus".
Alle verfassungsmäßigen Ämter auf Lebenszeit für Augustus. Wiederaufnahme des frührepublikanischen Nebeneinander von "tribunus plebis" und Senat: der Kaiser künftig als "Schutzherr" des Volkes (plebs). Ruhigstellung des Volkes durch "panem et circenses" (Brot und Spiele).
Einlullung mit Gladiatorenkämpfen.
26-25 Unterwerfung der Iberischen Halbinsel.
23-21 Regierungskrise des Augustus.
20 Rückgabe der röm. Feldzeichen durch die Parther.
15-12 Unterwerfung der Zentralalpen durch Tiberius und Drusus.
12-9 Drusus in Germanien.
12-9 Tiberius in Illyrien.
nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn
0 CHRISTI GEBURT - (wohl schon 6/7 vor Chr.) ZEITENWENDE
nnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnnn
4- 6 n. Chr. Vorbereitung der endgültigen Unterwerfung Germaniens durch Tiberius.
6- 9 n. Chr. Pannonischer Aufstand (heut. Ungarn, Istrien, Adriaküste) durch Tiberius niedergekämpft.
9 n. Chr. Schlacht im Teutoburger Wald:
(genauer: Kalkriese bei Osnabrück am Wiehengebirge!):
Römische Legionen unter Varus werden von Germanen unter Hermann dem Cherusker vollständig aufgerieben. Aber kein allgemeiner Aufstand der Germanen.
10-12 Tiberius hält die Rheingrenze gegen die Germanen.
59-17 n. Historiker: Livius.
43-17 n. Dichter: Ovid.
30 v. bis 68 n. Chr. Das julisch-claudische Herrscherhaus
30 v. bis 14 n. Kaiser Augustus (Octavian).
14-37 Kaiser Tiberius.
7-41 Kaiser Caligula.
41-54 Kaiser Claudius.
54-68 Kaiser Nero.
64 Brand Roms. Erste Christenverfolgung.
69-96 Das flavische Herrscherhaus
69-79 Kaiser Vespasian.
70 Zerstörung von Jerusalem. Vertreibung der Juden.
79-81 Kaiser Titus.
81-96 Kaiser Domitian. Baubeginn des Limes in Germanien.
96-192 Die Adoptivkaiser
96-98 Kaiser Nerva.
98-117 Kaiser Traian. Beginn einer Kulturblüte, die bis 180 anhält: das "humanitäre Kaisertum". Historiker: Tacitus. Dichter: Plutarch. Aber auch: Wiederaufnahme der Eroberungspolitik Caesars.
117-138 Kaiser Hadrian.
Einführung eines Beamtenapparates. Hadrian begründet den Höhepunkt des Kaiserfriedens.
138-161 Kaiser Antonius Pius.
161-169 Kaiser Marc Aurel und Kaiser Lucius Verus.
169-180 Kaiser Marc Aurel.
Der "Philosoph auf dem römischen Kaiserthron".
180-192 Kaiser Commodus.
Unter ihm Krise des Kaisertums.
180-235 Der Zusammenbruch des humanitären Kaisertums und der Prinzipatsverfassung.
193-235 Das severische Herrscherhaus
193-211 Kaiser Severus.
211-217 Kaiser Caracalla.
218-222 Kaiser Elagabalus.
222-235 Kaiser Severus Alexander.
235-325 Die Soldatenkaiser
235-238 Kaiser Maximinus Thrax.
238-244 Kaiser Gordianus III.
244-249 Kaiser Philippus Arabs.
249-251 Kaiser Decius.
252-268 Kaiser: Trebonianus Gallus, Aemilianus, Valerianus und Gallienus.
Unter den Soldatenkaisern vollendet sich als Folge der Prätendentenkämpfe der Zusammenbruch des Kaiserfriedens. Krise der alten Welt durch den Eintritt neuer Völker in die Geschichte: Franken, Alamannen, Goten, Heruler, Sassaniden.
268-270 Kaiser Claudius II.
270-275 Kaiser Aurelianus.
276-283 Kaiser: Tacitus, Probus und Carus.
284-305 Kaiser Diocletian. Neue Reichsverfassung mit absoluter Monarchie.
293 Begründung der Tetrachie: Aufgliederung des Reiches in vier Teilgebiete mit Hauptstädten Tier, Mailand, Sirmium und Nikomedia. 12 Diözesen.
303 Christenverfolgung.
305-325 Kaiser: Galerius, Chlorus, Constantinus, Maxentius, Licinius, Constantin.
325-476 Die christliche Monarchie
325-337 Kaiser Constantin der Große.
312 Mit-Kaiser Constantin siegt über Maxentius an der Milvischen Brücke unter einem christlichen Feldzeichen.
313 Toleranzedikt von Mailand:
Constantin und Licinius erlassen Gesetz über Religionsfreiheit: Ende der Christenverfolgungen.
325 Konzil von Nicaea: erste allg. Kirchenversammlung der Christen. Streit zwischen Arianern und Athanasianern: Arianer: Lehre, daß Christus nur gottähnlich sei; Athanasianer: Lehre, daß Christus mit Gott wesensgleich sei. (Langfristig: Durchsetzung der Athanasianer.)
Constantin begründet das politische Dogma, daß der Kaiser als Stellvertreter Christi Herr des Staates wie auch der Kirche ist. Damit leitet er die Entwicklung des Byzantinischen Reiches und seiner Staatsidee ein.
326 Constantin wählt Byzanz unter dem Namen Constantinopel zur Hauptstadt.
ab 340 Allmähliche Teilung des Reiches in West- und Ostrom
Doppelreich der Söhne des Constantin:
340-350 Westen: Kaiser Constans.
340-361 Osten: Kaiser Constantius.
361-363 Kaiser Julianus, genannt Apostata.
364-378 Kaiser: Valentius I. und Valens.
um 375 Beginn der germanischen Völkerwanderung.
379-395 Kaiser Theodosius I.
391 Christentum wird Staatsreligion. Begründung des oströmischen Caesarpapismus.
330-420 Kirchenvater Hieronymus.
354-430 Kirchenvater Augustinus.
395 Endgültige Reichsteilung:
395-408 Ostrom: Kaiser Arcadius (Hauptstadt Konstantinopel).
395-423 Westrom: Kaiser Honorius (Hauptstadt: Ravenna).
410 Einnahme Roms durch die Goten unter Alarich. Schwere Gefährdung Westroms.
408-450 Ostrom: Kaiser Theodosius II.
425-455 Westrom: Kaiser Valentinian III.
451 Schlacht auf den Katalaunischen Feldern: Die Hunnen unter Attila werden von Aetius und dem Westgotenkönig Theoderich geschlagen.
457-474 Leo I.
5./6. Jh. Germanenreiche im geteilten Römischen Reich
429-534 Vandalenreich in Afrika.
419-507 Westgotenreich in Südfrankreich.
443-534 Burgunderreich vor den Alpen.
493-553 Ostgotenreich in Italien.
ab 5. Jh. Frankenreich in Gallien (zerfällt nicht; es führt in den folgenden 350 Jahren die römische Tradition fort.)
476 Absetzung des letzten weströmischen Kaisers: Romulus
610-641 Ende Ostroms unter Kaiser Herakleios durch die Einführung des griechischen Kaisertums.
4.-6. Jh. Auseinandersetzung zwischen Antike und Christentum
29.12.16
PLATON
Der Künstler als Lügner und Verführer
Über den Nachbildner also sind wir eins; sage mir aber vom Maler noch dieses. Dünkt er dich darauf auszugehen, von jeglichem jenes eine in der Natur nachzubilden oder die Werke der zweiten Bildner?
Die der Werkbildner, sagte er.
Und wie sie sind oder wie sie erscheinen? Denn auch dieses unterscheide mir wohl.
Wie meinst du? sagte er.
So. Ein Bettgestell, wenn man es von der Seite sieht oder von vorne oder wie sonst, ist es deshalb von sich selbst verschieden oder das zwar gar nicht, es erscheint aber anders? Und mit allem anderen ebenso?
So ist es, sagte er; es erscheint anders, ist aber nicht verschieden.
Nun betrachte mir eben dieses. Auf welches von beiden geht die Malerei bei jedem? Das Seiende nachzubilden, wie es sich verhält, oder das Erscheinende, wie es erscheint, als eine Nachbildnerei der Erscheinung oder der Wahrheit?
Der Erscheinung, sagte er.
Gar weit also von der Wahrheit ist die Nachbildnerei; und deshalb, wie es scheint, macht sie auch alles, weil sie von jedem nur ein Weniges trifft und das im Schattenbild. Wie der Maler, das leugnen wir doch nicht, uns Schuster, Tischler und die anderen Handwerker nachbilden wird, ohne irgend etwas von diesen Künsten zu verstehen; aber doch, ist er nur ein guter Maler und zeigt, wenn er einen Tischler gemalt hat, ihn nur hübsch von fern, so wird er doch Kinder wenigstens und unkluge Leute anführen, daß sie das Gemälde für einen wirklichen Tischler halten.
Wie sollte er nicht! Aber dieses, meine ich, o Freund, müssen wir doch von allen dieser Art denken, wenn uns jemand von einem berichtet, er habe einen Menschen ange- troffen, der alle Handwerke verstehe und alles andere, was sonst jeder nur einzeln weiß, verstehe er um nichts weniger genau als irgendeiner, den muß man doch gleich darauf anreden, daß er ein einfältiger Mensch ist, den ein Taschenspieler oder ein Nachbildner angeführt hat, daß er ihn wirklich für allweise hält, weil er selbst nämlich nicht fähig ist, Erkenntnis und Unkenntnis und Nachbildung zu sichten.
Vollkommen richtig, sagte er.
Wollen wir also feststellen, daß vom Homeros an alle Dichter nur Nachbildner von Schattenbildern der Tugend seien und der anderen Dinge, worüber sie dichten, die Wahrheit aber gar nicht berühren; sondern, wie wir eben sagten, der Maler werde etwas machen,was man für einen Schuhmacher hält, ohne selbst etwas von der Schu- sterei zu verstehen, und für die, welche nichts davon verstehen, sondern nur auf Farben und Umrisse sehen?
Das sagten wir.
Ebenso, denke ich, wollen wir auch von dem Dichter sagen, daß er Farben gleichsam von jeglicher Kunst in Wörtern und Namen auftrage, ohne daß er etwas verstände als eben nachzubilden; so daß andere solche, wenn sie die Dinge nach seinen Reden betrachten, mag er nun von der Schusterei handeln in gemessener, wohlgebauter und wohlklingender Rede, glauben müssen, daß es vollkommen richtig gesetzt sei, oder mag er vom Kriegswesen oder was du sonst irgend willst, handeln, so einen gewaltigen Reiz habe eben dieses von Natur. Denn wie die Werke der Dichter, entkleidet von den Farben dieser Tonkunst an und für sich vorgetragen, sich zeigen, das denke ich, weißt du; du hast es ja wohl einmal wahrgenommen.
Das habe ich freilich, sagte er.
Nicht wahr, sprach ich, sie gleichen „jugendlichen, aber nicht schönen Gesichtern“, wie die anzusehen sind, wenn ihre Blütezeit vorüber ist?
Vollkommen, sagte er.
Der Maler, sagen wir, kann uns Zaum und Gebiß malen?
Ja.
Machen aber wird sie der Sattler und Kupferschmied?
Freilich.
Wie nun Zügel und Stange beschaffen sein müssen, versteht das der Zeichner? Oder nicht einmal der Kupferschmied und der Sattler, der sie macht, sondern nur jener allein, der sich derselben zu bedienen weiß, der Reiter?
Vollkommen richtig.
Wollen wir nun nicht sagen, daß es sich mit allem so verhalte?
Wie?
Daß es für jedes diese drei Künste gibt, die gebrauchende, die verfertigende, die nachbildende?
Ja.
Nun aber bezieht sich doch eines jeglichen Gerätes und Werkzeuges sowie jedes lebenden Wesens und jeder Handlung Tugend, Schönheit und Richtigkeit auf nichts anderes als auf den Gebrauch, wozu eben jegliches angefertigt oder von der Natur hervorgebracht ist.
Richtig.
Notwendig also ist auch der Gebrauchende immer der Erfahrenste und muß dem Verfertiger Bericht erstatten, wie sich das, was er gebraucht, gut oder schlecht zeigt im Gebrauch. Wie der Flötenspieler dem Flötenmacher Bescheid sagen muß von den Flöten, welche ihm gute Dienste tun beim Bla-sen, und ihm angeben muß, wie er sie machen soll, dieser aber Folge leisten muß.
Natürlich.
Der eine also als Wissender gibt an, was gute und schlechte Flöten sind, der andere aber verfertigt sie als Glaubender?
Ja.
Von demselben Gerät also hat der Verfertiger einen richtigen Glauben, wie es schön sei oder schlecht, weil er mit dem Wissenden umgeht und genötigt wird, auf diesen Wissenden zu hören; die Wissenschaft davon aber hat der Gebrauchende.
Freilich.
Der Nachbildner aber, wird der aus dem Gebrauch eine Wissenschaft haben von dem, was er zeichnet, ob es schön und richtig ist oder nicht? Oder hat er eine richtige Meinung vermöge notwendigen Umganges mit dem Wissenden und weil dieser ihm befiehlt, wie er zeichnen soll?
Keines von beiden.
Also weder Einsicht wird der Nachbildner haben noch richtige Vorstellung von dem, was er nachbildet, was Güte und Schlechtigkeit anlangt.
Es scheint nicht.
Trefflich also ist der in der Nachbildung begriffene Nachbildner in der Kunde von dem, was er macht?
Nicht sonderlich.
Aber doch wird er drauflos nachbilden, ohne zu wissen, wie jedes gut oder schlecht ist, sondern, wie es scheint, was dem Volk und den Unkundigen als schön erscheint, das bildet er nach.
Was auch sonst!
Dieses also, wie sich zeigt, ist uns ziemlich klar geworden, daß der Nachbildner nichts der Rede Wertes versteht von dem, was er nachbildet, sondern die Nachbildung eben nur ein Spiel ist und kein Ernst und daß, die sich mit der tragischen Dichtung beschäftigen in Jamben sowie in Hexametern, insgesamt Nachbildner sind so gut wie irgendeiner.
Allerdings.
(Politeia X, 598a-602 b)
Können wir ihn (den Dichter, der Hrsg.) also nicht jetzt mit vollem Recht angreifen und ihn als ein Seitenstück zu dem Maler aufstellen? Denn darin, daß er Schlechtes hervorbringt, wenn man auf die Wahrheit sieht, gleicht er ihm; und daß er sich an ebensolches in der Seele wendet und nicht an das Beste, auch darin sind sie einander ähnlich. Und so sind wir wohl schon gerechtfertigt, wenn wir ihn nicht aufnehmen in eine Stadt, die eine untadelige Verfassung haben soll, weil er jenes in der Seele aufregt und nährt und, indem er es kräftig macht, das Vernünftige verdirbt, wie im Staat, wenn einer den Schlechten die Gewalt verschaffend den Staat verrät und die Besseren herunterbringt, ebenso werden wir sagen, daß der nachbildende Dichter jedem eine schlechte Verfassung in seiner Seele aufrichtet, indem er dem Unver- nünftigen darin, welches nicht einmal Großes und Kleines unterscheidet, sondern dasselbe bald für groß hält, bald für klein, sich gefällig beweist und ihm Schattenbilder hervorruft, von der Wahrheit aber ganz weit entfernt bleibt.
Allerdings.
Und doch haben wir die größte Anklage gegen sie noch nicht vorgebracht; denn daß sie imstande ist, auch die Wohlgesinnten, einige gar wenige ausgenommen, zu verderben, das ist doch gar arg.
Ganz gewiß, wenn sie dies nur wirklich tut.
So höre und überlege. Auch die Besten von uns, wenn wir den Homeros hören oder einen anderen Tragödiendichter, wie er uns einen Helden darstellt in trauriger Bewegung, eine lange Klagerede haltend, oder auch Singende und sich heftig Gebärdende, so wird uns wohl zumute, wir geben uns hin und folgen mitempfindend, und, die Sache sehr ernsthaft nehmend, loben wir den als einen guten Dichter, der uns am meisten in diesen Zustand versetzt.
Das weiß ich; wie sollten wir auch nicht?
Wenn aber einen von uns ein eigener Kummer trifft, so merkst du doch, daß wir dann ganz im Gegenteil unseren Ruhm darein setzen, wenn wir imstande sínd, ruhig zu sein und auszuharren, weil das die Sache eines Mannes sei, jenes aber weibisch, was wir damals lobten?
Das merke ich, sagte er.
Ist das nun wohl ein feiner Ruhm, wenn man jemanden sieht, so wie man selbst nicht sein möchte, sondern sich schämen würde, davor sich nicht zu ekeln, sondern sich daran zu freuen und es zu loben?
(Politeia X, 605a-605e)
Friedrich Nietzsche
Kunstmetaphysik
a) Die Hinterwelt
Bereits im Vorwort an Richard Wagner wird die Kunst - und nicht die Moral - als die eigentlich metaphysische Tätigkeit des Menschen hingestellt; im Buche selbst kehrt der anzügliche Satz mehrfach wieder, daß nur als ästhetisches Phänomen das Dasein der Weltgerechtfertigt ist. In der Tat, das ganze Buch kennt nur einen Künstler-Sinn und - Hintersinn hinter allem Geschehen, - einen „Gott“, wenn man will, aber gewiß nur einen gänzlich unbedenklichen und unmoralischen Künstler-Gott, der im Bauen wie im Zerstören, im Guten wie im Schlimmen, seiner gleichen Lust und Selbstherrlichkeit innewerden will, der sich, Welten schaffend, von der Not der Fülle und Überfülle, vom Leiden der in ihm gedrängten Gegensätze löst. Die Welt, in jedem Augenblick die erreichte Erlösung Gottes, als die ewig wechselnde, ewig neue Vision des Leidendsten, Gegensätzlichsten, Widerspruchreichsten, der nur im Scheine sich zu erlösen weiß: diese ganze Artisten-Metaphysik mag man willkürlich, müßig, phantastisch nennen -, das Wesentliche daran ist, daß sie bereits einen Geist verrät, der sich einmal aufjede Gefahr hin gegen die moralische Ausdeutung und Bedeutsamkeit des Daseins zur Wehre setzen wird. Hier kündigt sich, vielleicht zum ersten Male, ein Pessimismus „jenseits von Gut und Böse“ an, hier kommt jene „Perversität der Gesinnung“ zu Wort und Formel, gegen welche Schopenhauer nicht müde geworden ist, im voraus seine zornigsten Flüche und Donnerkeile zu schleudern, -eine Philosophie, welche es wagt, die Moral selbst in die Welt der Erscheinung zu setzen, herabzusetzen und nicht nur unter die „Erscheinungen“ (im Sinne des idealistischen terminus technicus), sondern unter die „Täuschungen“, als Schein, Wahn, Irrtum, Ausdeutung, Zurechtmachung, Kunst. Vielleicht läßt sich die Tiefe dieses widermoralischen Hanges am besten aus dem behutsamen und feindseligen Schweigen ermessen, mit dem in dem ganzen Buche das Christentum behandelt ist, - das Christentum als die ausschweifendste Durchfi- gurierung des moralischen Themas, welche die Menschheit bisher anzuhören bekommen hat. ln Wahrheit, es gibt zu der rein ästhetischen Weltauslegung und Welt-Rechtfertigung, wie sie in diesem Buche gelehrt wird, keinen größeren Gegensatz als die christliche Lehre, welche nur moralisch ist und sein will und mit ihren absoluten Maßen, zum Beispiel schon mit ihrer Wahrhaftigkeit Gottes, die Kunst, jede Kunst ins Reich der Lüge verweist, - das heißt verneint, verdammt, verurteilt. Hinter einer derartigen Denk- und Wertungsweise, welche kunstfeindlich sein muß, solange sie irgendwie echt ist, empfand ich von jeher auch das Lebensfeindliche, den ingrimmigen rachsüchtigen Widerwillen gegen das Leben selbst: denn alles Leben ruht auf Schein, Kunst, Täuschung, Optik, Notwendigkeit des Perspektivischen und des lrrtums. Christentum war von Anfang an, wesentlich und gründlich, Ekel und Überdruß des Lebens am Leben, welcher sich unter dem Glauben an ein „anderes“ oder „besseres“ Leben nur verkleidete, nur versteckte, nur aufputzte.
Der Haß auf die „Welt“, der Fluch auf die Affekte, die Furcht vor der Schönheit und Sinnlichkeit, ein Jenseits, erfunden, um das Diesseits besser zu verleumden, im Grunde ein Verlangen ins Nichts, ans Ende, ins Ausruhen, hin zum „Sabbat der Sabbate“ - dies alles dünkte mich, ebenso wie der unbedingte Wille des Christentums, nur moralische Werte gelten zu lassen, immer wie die gefährlichste und unheimlichste Form aller möglichen Formen eines „Willens zum Untergang“, zum mindesten ein Zeichen tiefster Erkrankung, Müdigkeit, Mißmutigkeit, Erschöpfung, Verarmung an Leben, - denn vor der Moral (insonderheit christlichen, das heißt unbedingten Moral) muß das Leben beständig und unvermeidlich Unrecht bekommen, weil Leben etwas essentiell Unmoralisches ist, - muß endlich das Leben, erdrückt unter dem Gewichte der Verachtung und des ewigen Neins, als begehrensunwürdig, als unwert an sich empfunden werden. Moral selbst- wie? sollte Moral nicht ein „Wille zur Verneinung des Lebens“, ein heimlicher lnstinkt der Vernichtung, ein Verfalls-, Verkleinerungs-, Verleumdungsprinzip, ein Anfang vom Ende sein? Und, folglich, die Gefahr der Gefahren? _ _ Gegen die Moral also kehrte sich damals, mit diesem fragwürdigen Buche, mein lnstinkt, als ein fürsprechender lnstinkt des Lebens, und erfand sich eine grundsätzliche Gegenlehre und Gegenwertung des Lebens, eine rein artistische, eine antichristliche. Wie sie nennen? Als Philologe und Mensch der Worte taufte ich sie, nicht ohne einige Freiheit - denn wer wüßte den rechten Namen des Antichrist? - auf den Namen eines griechischen Gottes: ich hieß sie die dionysische. -
(Die Geburt der Tragödie. Werke I, S. 14-15)
Man wird mir dankbar sein, wenn ich eine ,so wesentliche, so neue Einsicht in vier Thesen zusammendränge: ich erleichtere damit das Verstehen, ich fordere damit den Widerspruch heraus.
Erster Satz. Die Gründe, daraufhin „diese“ Welt als scheinbar bezeichnet worden ist, begründen vielmehr deren Realität- eine andre Art Realität ist absolut unnachweisbar.
Zweiter Satz. Die Kennzeichen, welche man dem „wahren Sein“ der Dinge geben hat, sind die Kennzeichen des Nicht-Seins, des Nichts - man hat die „wahre Welt“ aus dem Widerspruch zur wirklichen Welt aufgebaut: eine scheinbare Welt in der Tat, insofern sie bloß eine moralisch-optische Täuschung ist.
Dritter Satz. Von einer „andren“ Welt als dieser zu fabeln hat gar keinen Sinn, vorausgesetzt, daß nicht ein lnstinkt der Verleumdung, Verkleinerung, Verdächtigung des Lebens in uns mächtig ist: im letzteren Falle rächen wir uns am Leben mit der Phantasmagorie eines „anderen“, eines „besseren“ Lebens.
Vierter Satz. Die Welt scheiden in eine „wahre“ und eine „scheinbare“, sei es in der Art des Christentums, sei es in der Art Kants (eines hinterlistigen Christen zu guter Letzt -) ist nur eine Suggestion der décadence - ein Symptom niedergehenden Lebens. Daß der Künstler den Schein höher schätzt als die Realität, ist kein Einwand gegen diesen Satz. Denn „der Schein“ bedeutet hier die Realität noch einmal, nur in einer Auswahl, Verstärkung, Korrektur. Der tragische Künstler ist kein Pessimist -er sagt gerade Ja zu allem Fragwürdigen und Furchtbaren selbst, er ist dionysisch _ _ _
(Götzendämmerung, Werke ll. S. 960-961)
Kunst und Erlösung
Die Kunst in der „Geburt der Tragödie“
I
Die Konzeption des Werks, auf welche man in dem Hintergrunde dieses Buches stößt, ist absonderlich düster und unangenehm: unter den bisher bekannt gewordnen Typen des Pessimismus scheint keiner diesen Grad von Bösartigkeit erreicht zu ha- ben. Hier fehlt der Gegensatz einer wahren und einer scheinbaren Welt: es gibt nur eine Welt, und diese ist falsch, grausam, widersprüchlich, verführe- risch, ohne Sinn... Eine so beschaffene Welt ist die wahre Welt. Wir haben Lüge nötig, um über diese Realität, diese „Wahrheit“ zum Sieg zu kommen, das heißt, um zu leben… Daß die Lüge nötig ist, um zu leben, das gehört selbst noch mit zu diesem furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins.
Die Metaphysik, die Moral, die Religion, die Wissenschaft - sie werden in diesem Buche nur als verschiedne Formen der Lüge in Betracht gezogen: mit ihrer Hilfe wird ans Leben geglaubt. „Das Leben soll Vertrauen einflößen“: die Aufgabe, so gestellt, ist ungeheuer. Um sie zu lösen, muß der Mensch schon von Natur Lügner sein, er muß mehr als alles andere Künstler sein. Und erist es auch: Metaphysik, Religion, Moral, Wissenschaft - alles nur Ausgeburten seines Willens zur Kunst, zur Lüge, zur Flucht vor der „Wahrheit“, zur Verneinung der „Wahrheit“. Das Vermögen selbst, dank dem er die Realität durch die Lüge vergewaltigt, dieses Künstler -Vermögen des Menschen par excellence - er hat es noch mit allem, was ist, gemein. Er selbst ist ja ein Stück Wirk- lichkeit, Wahrheit, Natur: wie sollte er nicht auch ein Stück Genie der Lüge sein!
Daß der Charakter des Daseins verkannt werde -tiefste und höchste Geheim-Absicht hinter allem,wasTugend, Wissenschaft, Frömmigkeit, Künstlertum ist. Vieles niemals sehn, vieles falsch sehn, vieles hinzusehn: o wie klug man noch ist, in Zuständen, wo man am fernsten davon ist, sich für klug zu halten! Die Liebe, die Begeisterung, „Gott“ lauter Feinheiten des letzten Selbstbetrugs, lauter Verführungen zum Leben, lauter Glaube an das Leben! ln Augenblicken, wo der Mensch zum Betrognen ward, wo er sich überlistet hat, wo er ans Leben glaubt: o wie schwillt es da in ihm auf! Welches Entzücken! Welches Gefühl von Macht! Wieviel Künstler-Triumph im Gefühl der Macht! Der Mensch ward wieder einmal Herr über den „Stoff“ - Herr über die Wahrheit! - Und wann immer der Mensch sich freut, er ist immer der gleiche in seiner Freude: er freut sich als Künstler, er genießt sich als Macht, er genießt die Lüge als seine Macht...
II
Die Kunst und nichts als die Kunst! Sie ist die große Ermöglicherin des Lebens, die große Verführerin zum Leben, das große Stimulans des Lebens. Die Kunst als einzig überlegene Gegenkraft gegen allen Willen zur Verneinung des Lebens, als das Antichristliche, Antibuddhistische, Antinihilistische par excellence. Die Kunst als die Erlösung des Erkennenden - dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Daseins sieht, sehen will, des Tragisch- Erkennenden. Die Kunst als die Erlösung des Handelnden - dessen, der den furchtbaren und fragwürdigen Charakter des Da- seins nicht nur sieht, sondern lebt, leben will, des tragisch-kriegerischen Menschen, des Helden.
Die Kunst als die Erlösung des Leidenden - als Weg zu Zuständen, wo das Leiden gewollt, verklärt, vergöttlicht wird, wo das Leiden eine Form der großen Entzückung ist.
lll
Man sieht, daß in diesem Buche der Pessimismus, sagen wir deutlicher der Nihilismus, als die „Wahrheit“ gilt. Aber die Wahrheit gilt nicht als ober- stes Wertmaß, noch weniger als oberste Macht. Der Wille zum Schein, zur lllusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln (zur objektivierten Täuschung) gilt hier als tiefer, ursprüngli- cher, „metaphysischer“ als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Schein - letzterer ist selbst bloß eine Form des Willens zur Illusion. Ebenso gilt die Lust als ursprünglicher als der Schmerz: der Schmerz erst als bedingt, als eine Folgeerscheinung des Willens zur Lust (des Willens zum Werden, Wachsen, Gestalten, d. h. zum Schaffen: im Schaffen ist aber das Zerstören eingerechnet). Es wird ein höchster Zustand von Bejahung des Daseins konzipiert, aus dem auch der höchste Schmerz nicht abgerechnet werden kann: der tragisch-dionysische Zustand.
IV
Dies Buch ist dergestalt sogar antipessimistisch: nämlich in dem Sinne, daß es etwas lehrt, das stärker ist als der Pessimismus, das „göttlicher“ ist als die Wahrheit: die Kunst. 'Niemand würde, wie es scheint, einer radikalen Verneinung des Lebens, einem wirklichen Neintun noch mehr als einem Neinsagen zum Leben ernstlicher das Wort reden, als der Verfasser dieses Buches. Nur weiß er - er hat es erlebt, er hat vielleicht nichts anderes erlebt! - daß die Kunst mehr wert ist, als die Wahrheit. ln der Vorrede bereits, mit der Richard Wagner wie zu einem Zwiegespräche eingeladen wird, erscheint dies Glau- bensbekenntnis, dies Artisten-Evangelium: „die Kunst als die eigentliche Aufgabe des Lebens, die Kunst als dessen metaphysische Tätigkeit…“
(Aus dem Nachlaß der Achtzigerjahre. Werke Ill, S. 691-694)
Wir basteln. - Danke fürs Interesse....., was tatsächlich sehr stört.
d) Die Wahrheit des Kunstwerks
Kunstwerke, die der Betrachtung und dem Gedanken ohne Rest aufgehen, sind keine. Rätsel ist dabei keine Allerweltsphrase wie meist das Wort Problem, das ästhetisch nur im strikten Sinn der von der immanenten Zusammensetzung der Werke gestellten Aufgabe zu verwenden wäre. Nicht minder strikt sind die Kunstwerke Rätsel. Sie enthalten potentiell die Lösung, nicht ist sie objektiv gesetzt. Jedes Kunstwerk ist ein Vexierbild, nur derart, daß es beim Vexieren bleibt, bei der prästabilierten Niederlage ihres Betrachters. Das Vexierbild wiederholt im Scherz, was die Kunstwerke im Ernst verüben. Spezifisch ähneln sie jenem darin, daß das von ihnen Versteckte, wie der Poesche Brief, erscheint und durchs Erscheinen sich versteckt. Die Sprache, wie sie vorphilosophisch die ästhetische Erfahrung beschreibt, sagt mit Grund, einer verstünde etwas von Kunst, nicht, er verstünde Kunst. Kennerschaft ist adäquates Verständnis der Sache und borniertes Unverständnis des Rätsels in eins, neutral zum Verhüllten. Wer bloß verständnisvoll in der Kunst sich bewegt, macht sie zu einem Selbstverständlichen, und das ist sie am letzten. Sucht einer dem Regenbogen ganz nahezukommen, so verschwindet dieser. Prototypisch dafür ist, vor den anderen Künsten, die Musik, ganz Rätsel und ganz evident zugleich. Es ist nicht zu lösen, nur seine Gestalt zu dechiffrieren, und eben das ist an der Philosophie der Kunst. Erst der verstünde Musik, welcher so fremd sie hörte wie ein Unmusikalischer und so vertraut wie Siegfried die Sprache der Vögel. Durchs Verstehen jedoch ist der Rätselcharakter nicht ausgelöscht. Noch das glücklich interpretierte Werk möchte weiterhin verstanden werden, als wartete es auf das lösende Wort, vor dem seine konstitutive Verdunklung zerginge.
(Ästhetische Theorie, S. 184-185)
Urteilslos deuten die Kunstwerke gleichwie mit dem Finger auf ihren Gehalt, ohne daß er diskursiv würde. Die spontane Reaktion des Rezipierenden ist Mimesis an die Unmittelbarkeit dieses Gestus. ln ihm jedoch erschöpfen die Werke sich nicht. Die Position, die jene Stelle durch ihren Gestus bezieht, unterliegt, einmal integriert, der Kritik: ob die Macht des Sound nicht Andersseins, auf deren Epiphanie solche Augenblicke der Kunst es abgesehen haben, Index ihrer eigenen Wahrheit sei. Volle Erfahrung, terminierend im Urteil über das urteils Iose Werk, verlangt die Entscheidung darüber und deswegen den Begriff. Das Erlebnis ist einzig ein Moment solcher Erfahrung und ein fehlbares, mit der Qualität des Überredetwerdens. Werke des Typus der Neunten Symphonie üben Suggestion aus: die Ge- walt, die sie durch ihr eigenes Gefüge erlangen, springt auf die Wirkung über.
(Ästhetische Theorie, S. 363-364)
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Apparition (Theodor W. Adorno)
a) Kunst als Schein und gesellschaftliche Utopie
Herkömmlicherweise wird der Scheincharakter der Kunstwerke auf ihr sinnliches Moment bezogen, zumal in der Hegelschen Formulierung vom sinnlichen Scheinen der Idee. Diese Ansicht vom Schein steht im Bann der traditionellen, Platonisch-Aristotelischen vom Schein der Sinnenwelt hier, dem Wesen, oder dem reinen Geist, als dem wahrhaften Sein dort. Der Schein der Kunstwerke entspringt jedoch in ihrem geistigen Wesen. Dem Geist selber, als einem von seinem Anderen Getrennten, ihm gegenüber sich Verselbständigenden und in solchem Fürsichsein Ungreifbaren, eignet ein Scheinhaftes; aller Geist, Ewgíg vom Leibhaften, hat in sich den Aspekt, ein Nichtseiendes, Abstraktes zum Seienden zu erheben; das ist das Wahrheitsmoment des Nominalismus. Kunst macht auf die Scheinhaftigkeit des Geistes als eines Wesens sui generis die Probe, indem sie den Anspruch des Geistes, Seien des zu sein, beim Wort nimmt und ihn als Seiendes vor Augen stellt. Das, viel mehr als die Nachahmung der Sinnenwelt durch das ästhetisch Sinnliche, auf welche die Kunst verzichten lernte, nötigt sie zum Schein. Geist in dessen ist nicht nur Schein, sondern auch Wahrheit, er ist nicht nur der Trug eines Ansichseienden, sondern ebenso die Negation alles falschen Ansichseins. Das Moment seines Nichtseins und seiner Negativität tritt in die Kunstwerke ein, die ja den Geist nicht unmittelbar versinnlichen, dingfest machen, sondern allein durchs Verhältnis ihrer sinnlichen Elemente zueinander Geist werden. Deshalb ist der Scheincharakter der Kunst zugleich ihre Methexis (1) an der Wahrheit. Die Flucht mancher gegenwärtiger Manifestationen der Kunst in den Zufall dürfte als desperate Antwort auf die Ubiquität des Scheins zu deuten sein: das Kontingente soll ins Ganze übergehen ohne das Pseudos prästabilierter Harmonie. Damit indessen wird einerseits das Kunstwerk einer blinden Gesetzmäßigkeit ausgeliefert, die von seiner totalen Determination von oben her gar nicht mehr zu unter scheiden ist, andererseits das Ganze dem Zufall überantwortet und die Dialektik von Einzelnem und Ganzem zum Schein entwertet: indem nämlich ein Ganzes gar nicht resultiert. Vollendete Scheinlosigkeit regrediert aufs chaotisch Gesetzliche, darin Zufall und Notwendigkeit ihre unselige Ver schwörung erneuern. Kunst hat keine Gewalt über den Schein durch dessen Abschaffung. Der Scheincharakter der Kunstwerke bedingt, daß ihre Erkenntnis dem Erkenntnisbegriff der Kantischen reinen Vernunft widerstreitet. Schein sind sie, indem sie ihr Inneres, Geist, nach außen setzen, und sie werden nur insoweit erkannt, wie, gegen das Verbot des Amphiboliekaptels, ihr Inneres erkannt wird. [. . .] Schein sind die Kunstwerke dadurch, daß sie dem, was sie selbst nicht sein können, zu einer Art von zweitem, modifiziertem Dasein verhelfen; Erscheinung, weil jenes Nichtseiende an ihnen, um dessentwillen sie existieren, vermöge der ästhetischen Realisierung zu einem wie immer auch gebrochenen Dasein gelangt. Identität von Wesen und Erscheinung jedoch ist der Kunst so wenig erreichbar wie der Erkenntnis von Realem.
(Ästhetische Theorie, S. 165-168)
Das Verhältnis zum Neuen hat sein Modell an dem Kind, das auf dem Klavier nach einem noch nie gehörten, unberührten Akkord tastet. Aber es gab den Akkord immer schon, die Möglichkeiten der Kombination sind beschränkt, eigentlich steckt alles schon in der`Klaviatur. Das Neue ist die Sehnsucht nach dem Neuen, kaum es selbst, daran krankt alles Neue. Was als Utopie sich fühlt, bleibt ein Negatives gegen das Bestehende, und diesem hörig. Zentral unter den gegenwärtigen Antinomien ist, daß Kunst Utopie sein muß und will und zwar desto entschiedener, je mehr der reale Funktionszusammenhang Utopie verbaut; daß sie aber, um nicht Utopie an Schein und Trost zu verraten, nicht Utopie sein darf. Erfüllte sich die Utopie von Kunst, so wäre das ihr zeitliches Ende. Hegel als erster hat er kannt, daß es in ihrem Begriff impliziert ist. Daß seine Prophezeiung nicht eingelöst ward, hat einen paradoxen Grund in seinem Geschichtsoptimismus. Er verrie tdie Utopie, indem er das Bestehende konstruierte, als wäre es jene, die absolute Idee. Gegen Hegels Lehre, der Weltgeist sei über die Gestalt der Kunst hinaus, behauptet sich seine andere, welche die Kunst der widerspruchsvollen Existenz zuordnet, die wider alle affirmative Philosophie fortwährt. Schlagend ist das an der Architektur: wollte sie, aus Überdruß an den Zweckformen und ihrer totalen Angepaßtheit, der ungezügelten Phantasie sich anheimgeben, sie geriete sogleich in Kitsch. So wenig wie Theorie vermag Kunst Utopie zu konkretisieren; nicht einmal negativ. Das Neue als Kryptogramm ist das Bild des Untergangs; nur durch dessen absolute Negativität spricht Kunst das Unaussprechliche aus, die Utopie. Zu jenem Bild versammeln sich all die Stigmata des Abstoßenden und Abscheulichen in der neuen Kunst. Durch unversöhnliche Absage an den Schein von Versöhnung hält sie diese fest inmitten des Unversöhnten, richtiges Bewußtsein einer Epoche, darin die reale Möglichkeit von Utopie, daß die Erde, nach dem Stand der Produktivkräfte, jetzt, hier, unmittelbar das Paradies sein könnte auf einer äußersten Spitze mit der Möglichkeit der totalen Katastrophe sich vereint. ln deren Bild keinem Abbild sondern den Chiffren ihres Potentials tritt der magische Zug der fernsten Vorzeit von Kunst unterm totalen Bann wieder hervor; als wollte sie die Katastrophe durch ihr Bild beschwörend verhindern. Das Tabu über dem geschichtlichen Telos ist die einzige Legitimation dessen, wodurch das Neue politisch-praktisch sich kompromittiert, seines Auftretens als Selbstzweck.
(Ästhetische Theorie, S. 55-56)
Ohnmächtig wären Kunstwerke aus bloßer Sehnsucht, obwohl kein stichhaltiges ohne Sehnsucht ist. Wodurch sie jedoch die Sehnsucht transzendieren, das ist die Bedürftigkeit, die als Figur dem geschichtlich Seienden einbeschrieben ist. Indem sie diese Figur nachzeichnen, sind sie nicht nur mehr, als was bloß ist, sondern haben soviel an objektiver Wahrheit, wie das Bedürftige seine Ergänzung und Änderung herbeizieht. Nicht für sich, dem Bewußtsein nach, jedoch an sich will, was ist, das Andere, und das Kunstwerk ist die Sprache solchen Willens und sein Gehalt so substantiell wie er. Die Elemente jenes Anderen sind in der Realität versammelt, sie müßten nur, um ein Geringes versetzt, in neue Konstellation treten, um ihre rechte Stelle zu finden. Weniger als daß sie imitierten, machen die Kunstwerke der Realität diese Versetzung vor. Umzukehren wäre am Ende die Nachahmungslehre; in einem sublimierten Sinn soll die Realität die Kunstwerke nachahmen. Daß aber die Kunstwerke da sind, deutet darauf, daß das Nichtseiende sein könnte. Die Wirklichkeit der Kunstwerke zeugt für die Möglichkeit des Möglichen. Worauf die Sehnsucht an den Kunstwerken geht die Wirklichkeit dessen, was nicht ist -, das verwandelt sich ihr in Erinnerung. ln ihr vermählt sich was ist, als Gewesenes, dem Nichtseienden, weil das Gewesene nicht mehr ist. Seit der Platonischen Anamnesis ist vom noch nicht Seienden im Eingedenken geträumt worden, das allein Utopie konkretisiert, ohne sie an Dasein zu verraten. Dem bleibt der Schein gesellt: auch damals ist es nie gewesen.
(Ästhetische Theorie, S. 199-200)
1) Methexis = Teilhabe
(aus Mai 2016)
Der Hauptgedanke der Theorie der Gerechtigkeit
Gesellschaftsvertrag
Ich möchte eine Gerechtigkeitsvorstellung darlegen, die die bekannte Theorie des Gesellschaftsvertrages etwa von Locke, Rousseau und Kant verallgemeinert und auf eine höhere Abstraktionsebene hebt. Dazu darf man sich den ursprünglichen Vertrag nicht so vorstellen, als ob er in eine bestimmte Gesellschaft eingeführt würde oder eine bestimmte Regierungs¬form errichtete. Der Leitgedanke ist vielmehr, daß sich die ursprüngliche Übereinkunft auf die Gerechtigkeitsgrundsätze für die gesellschaftliche Grundstruktur bezieht. Es sind diejenigen Grundsätze, die freie und vernünftige Menschen in ihrem eigenen Interesse in einer anfänglichen Situation der Gleichheit zur Bestimmung der Grundverhältnisse ihrer Verbindung annehmen würden. Ihnen haben sich alle weiteren Vereinbarungen anzupassen; sie bestimmen die möglichen Arten der gesellschaftlichen Zusammenarbeit und der Regierung. Diese Betrachtungsweise der Gerechtigkeitsgrundsätze nenne ich Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß.
Wir wollen uns also vorstellen, daß diejenigen, die sich zu gesellschaftlicher Zusammenarbeit vereinigen wollen, in einem gemeinsamen Akt die Grundsätze wählen, nach denen Grundrechte und -pflichten und die Verteilung der gesellschaftlichen Güter bestimmt werden. Die Menschen sollen im voraus entscheiden, wie sie ihre Ansprüche gegeneinander regeln wollen und wie die Gründungsurkunde ihrer Gesellschaft aussehen soll. [...]
Urzustand
In der Theorie der Gerechtigkeit als Fairneß spielt die ursprüngliche Situation der Gleichheit dieselbe Rolle wie der Naturzustand in der herkömmlichen Theorie des Gesellschaftsvertrags. Dieser Urzustand wird natürlich nicht als ein wirklicher geschichtlicher Zustand vorgestellt, noch weniger als primitives Stadium der Kultur. Er wird als rein theoretische Situation aufgefaßt, die so beschaffen ist, daß sie zu einer bestimmten Gerechtigkeitsvorstellung führt.
Schleier des Nichtwissens
Zu den wesentlichen Eigenschaften dieser Situation gehört, daß niemand seine Stellung in der Gesellschaft kennt, seine Klasse oder seinen Status, ebensowenig sein Los bei der Verteilung natürlicher Gaben wie Intelligenz oder Körperkraft. Ich nehme sogar an, daß die Beteiligten ihre Vorstellung vom Guten und ihre besonderen psychologischen Neigungen nicht kennen. Die Grundsätze der Gerechtigkeit werden hinter einem Schleier des Nichtwissens festgelegt. Dies gewährleistet, daß dabei niemand durch die Zufälligkeiten der Natur oder der gesellschaftlichen Umstände bevorzugt oder benachteiligt wird. Da sich alle in der gleichen Lage befinden und niemand Grundsätze ausdenken kann, die ihn aufgrund seiner besonderen Verhältnisse bevorzugen, sind die Grundsätze der Gerechtigkeit das Ergebnis einer fairen Übereinkunft oder Verhandlung. Die Gerechtigkeit als Fairneß beginnt, so sagte ich, mit der allgemeinsten Entscheidung, die Menschen überhaupt zusammen treffen können, nämlich mit der Wahl der ersten Grundsätze einer Gerechtigkeitsvorstellung, die für alle spätere Kritik und Veränderung von Institutionen maßgebend sein soll.
aus: John Rawls, Eine Theorie der Gerechtigkeit, S. 19 ff., a. a. 0.
25.1.2015
Was darf Satire?
Tucholskys schlichte Antwort "Alles" war schon 1919 sehr fragwürdig.-
In der Schule haben wir gestern gelernt:
"Satire ist ästhetisch-sozialisierter Angriffswitz."
(nach J. Brummack)
Das gilt heute noch immer - nein, mehr denn je !
Man mag über Presse- und Meinungsfreiheit reden, wie man will - Freiheit ist nicht grenzenlos - auch nicht über den Wolken!
Wer Freiheit postuliert, fordert damit Humanes, Demokratisches, den Dialog.
Die Mittel der Forderung sind daher gebunden, denn
- Humanes entsteht nicht aus Inhumanem, aber gegen Inhumanes
- Demokratie entsteht nicht aus Undemokratischem, aber gegen Undemokratisches
- der Dialog ist Basis des Demokratischen... und der Diskurs erst recht !
Damit sind die Grenzen der Satire klar bestimmt; überschreitet sie diese, verlässt sie den Boden, den sie mit ihren Mitteln verbessern wollte.
Ein letztes Wort zu diesem Thema:
Religionsfreiheit ist eine Abart der Freiheit. - Die verlangt deren Verantwortung in vollem Maß.
Lesenswert: Anshuman A. Mondal: Islam and Controversy.
31.3.14
THE DISCOVERY OF THE HIGGS BOSON - University of Edinburgh
Eine interessante Zusammenfassung (in Englisch)
finden Sie hier:
John Lysons H I E R !
